Familie bewohnt Attraktion am Bodensee Leben wie im Mittelalter auf Burg Meersburg

Attraktion inmitten der Meersburger Altstadt: die älteste bewohnte Burg Deutschlands Foto: imago//Holger Spiering

Die Geschichte der Alten Meersburg am Bodensee soll bis ins siebte Jahrhundert zurückgehen. Hier wohnte einst auch die Lyrikerin Annette von Droste-Hülshoff. Heute heißt die Burgherrin Julia Naeßl-Doms.

Nur die Hartgesottenen drängen von auswärts im Winter an den Bodensee. Dann pfeift der Wind hart um die Häuser, der Himmel liegt verborgen unter einem glanzlosen Grau. Der Winterblues spielt, unterbrochen nur von den Lichterketten im Advent und den Fanfaren an Fasnacht. Meersburg zählt zu den Hauptleidenden dieser dunklen Wochen. Die Stadt am Nordufer des Bodensee wirkt wie ausgestorben. Wo im Sommer viel geliehenes und zugewandertes Leben tobt und eine der schönsten Kleinstädte Deutschlands heimsucht, da ist im Winter Sendepause. Die Bäckerin verkauft nur stundenweise.

 

Doch ein Lichtlein brennt. Es funkelt in einem kleinen Fenster aus einem massiven Gemäuer heraus. Das Licht in der Alten Meersburg, jenem gewaltigen Klotz am Steilhang, leuchtet dünn, aber es leuchtet. Die Burg ist geöffnet, Besucher gehen über die Zugbrücke und betreten die Festung.

Dass dieser imposante Koloss mit seinen vier runden und einem rechteckigen Turm auch außerhalb der Saison öffnet, ist das Verdienst der Familie Naeßl-Doms. Die bürgerliche und wappenlose Familie kam 1977 in den Besitz der Burg. Vater Vinzenz (er starb 2018) erbte das historische Anwesen im Alter von 21 Jahren. Die Vorbesitzerin hatte ihn adoptiert, weil sie in dem wissensbegierigen Mann den idealen Statthalter für das Erbe sah. Ein Bewahrer mit Sinn für diese anspruchsvolle Antiquität sollte es sein, und es hat gepasst.

Julia Naeßl-Doms und Sohn Maurits im Blauen Salon Foto: Uli Fricker

Heute leiten seine Witwe Julia Naeßl-Doms, 67, und die beiden Kinder Laura sowie Maurits das Unternehmen. Was von außen wie ein romantisches Abenteuer wirkt, ist harte Arbeit, Verhandeln, Kalkulieren. 30 Mitarbeiter halten die Burg am Laufen. Dazu kommen saisonale Kräfte im Sommer, wenn der Ort pulsiert. Sie verkaufen Souvenirs – vom Ritterhelm bis zur faltbaren Burg. Sie servieren Kaffee und Kuchen im Burgcafé und reinigen endlose Flure mit großen Maschinen.

Kindheit mit Hellebarden und Rüstungen

Für die Familie ist das Gemäuer alles: Wohnort, Arbeitsplatz, Lebenswerk. Die beiden Kinder – inzwischen in den Zwanzigern und mit abgeschlossenem Studium – sind hier aufgewachsen. Maurits, 25, will keine Stunde seiner frühen Jahre missen. „Zu dieser Burg habe ich eine stabile emotionale Bindung. Die Eltern haben mir früh gezeigt, dass es etwas Einmaliges ist, hier zu leben. “

Er und seine Schwester tobten durch die Gänge, sie schüttelten den Rittern in ihren schweren Rüstungen die Hände. Maurits kann sich an grandiose Kindergeburtstage erinnern. Einige seiner kleinen Gäste fanden es zwar ziemlich gruselig, doch er fühlte sich zwischen Wehrtürmen und Hellebarden immer zu Hause. Das Mittelalter bildete die Tapete seiner Kinderstube.

Nur eines war tabu: „Wir durften in den Räumen nicht springen wegen der Stuckdecken“, erzählt er. Mit dem Kettcar raste er durch den Lange Gang, der 50 Meter lange Flur zählt zu den architektonischen Eigentümlichkeiten des Anwesens. Davon abgesehen ist die verwinkelte Burg fast unkaputtbar. Die Wände sind massiv und unglaublich dick. Im Gegensatz zu einem Barockschloss ist eine alte Ritterburg solide. Keine Intarsien in den Böden, kein Spiegel, kein samtenes Sesselchen.

Die Alte Meersburg ist ein Spiegel der Jahrhunderte und der vielen Mannsbilder und wenigen Frauenzimmer, die dort ein- und auszogen samt ritterlichem Gepränge, samt Bischofsmütze oder dem dunklen Sammet des Gelehrten. Wer klare Formen und kahle Wände mit minimalistischer Dekoration braucht, liegt hier grundfalsch. Jeder der Vorbesitzer schmückte den Komplex aus. Der merowingische König Dagobert soll der Sage nach mit dem Bau begonnen haben. Das war im siebten Jahrhundert und damit lange vor der hohen Zeit der Burgen, die erst mit den Staufern kam. Deshalb schmückt sich dieses Denkmal auch mit dem Attribut der „ältesten bewohnten Burg“.

Nach Dagobert schichtete der Adel der Region neue Mauern auf. Später übernahmen die Bischöfe von Konstanz Stadt und Adelssitz. Sie waren aus ihrer prachtvollen Konstanzer Pfalz vertrieben waren, nun hausten sie auf der Meersburg – für ihre Verhältnisse weit unter Standard.

Rüstungen, Jagdsouvenirs und bequeme Sofas

Heute steht der Besucher vor einem kühnen Gesamtkunstwerk aus den Schichten des Mittelalters, der Renaissance und dem Überschwang des national bewegten 19. Jahrhunderts. Damals startete das Denkmal eine zweite Karriere. Der badische Staat hatte 1837 den für ihn unbrauchbaren Klotz an Joseph von Laßberg verkauft. Der Freiherr war ein Sammler vor dem Herrn mit einer unglaublichen Spürnase für Rares für wenig Bares. Er und seine Nachfolger staffierten die Burg Meersburg liebevoll aus. Gemälde aus verschiedenen Epochen, Rüstungen, Jagdsouvenirs machten die Kernräume zur Wohnhöhle. Sie trugen bequeme Sofas herbei, trugen helle Tapeten auf, installierten Kaminöfen. In den verbürgerlichten Räumen las man Märchen oder studierte das Nibelungenlied, das der frühe Germanist Laßberg ebenfalls erworben hatte. Einer dieser behaglich gemachten Räume ist der Blaue Salon, so genannt wegen seiner preußischblauen Wände. Hier empfängt die Burgherrin Besuch. Der Salon wirkt kein bisschen zeremoniell, eher biedermeierlich kommod.

Vom ersten Stein bis zum letzten Turm misst man etwa 100 Meter. Und „etwa“ 100 Räume umfasst die Burg. „Etwa“, denn genau gezählt wurden die Zimmer, Stuben und Gelasse bis heute nicht. „Wir haben keine Ahnung, wie viele Quadratmeter es genau sind“, sagt Julia Naeßl-Doms heiter. Wozu auch? Sie bewohnt einige Zimmer, ihre Kinder haben sich jeweils ein kleines Apartment in der Burg eingerichtet. Wer eine Führung bucht, kann bis zu 40 Räume durchschreiten. Der Rest ist ungenutzt, ungeheizt, teils unmöbliert. Die Zeiten, als geistliche Fürsten oder Könige mit großem Gefolge die Burg zur Pfalz machten, sind vorbei.

Die hohen Herren sind ausgezogen, ihre Familien längst verstorben. Geblieben ist die Verantwortung für ein Erbe. Die Burg ist Dauerbaustelle. Es vergeht kaum ein Jahr, in dem Julia Naeßl-Doms nicht reparieren und sanieren lässt. Die Einkünfte aus dem Kartenverkauf bilden ein Fundament dafür. Auch der Bund beteiligt sich an den Kosten, ebenso das Land Baden-Württemberg sowie die Denkmalstiftung. Ohne die öffentlichen Hände wäre das Bauwerk nicht zu halten.

Dass die Burg heute ein Familienheim ist, hat der Idealismus des 19. Jahrhunderts, gemischt mit der Sehnsucht nach dem vergangenen Heiligen Römischen Reich, möglich gemacht. Anderen Anlagen war das verwehrt. Die Festung Hohentwiel im Hegau etwa oder die Burg Hohenstaufen sind zwar gesichert und begehbar, aber ansonsten Ruinen und längst nicht mehr bewohnbar.

Hüter des geretteten Schatzes

Die Burgherrin und ihre Kinder sind Hüter des geretteten Schatzes. Im Familienunternehmen rangieren sie als gleichrangige Geschäftsführer. Doch sitzt der Teufel aller Modernisierung im Detail. Da sind zum Beispiel die einglasigen Fenster in ihren alten Fassungen. Dem Laien schweben hier automatisch Doppelglasfenster im modernen Rahmen vor. Solche Neuerungen sind auch 2024 kein Thema. „Meinem Mann war es immer wichtig, die alten Fenster zu erhalten und lieber zu flicken, als sie durch neue, moderne Fenster zu ersetzen“, sagt Julia Naeßl-Doms. Wenn hier renoviert wird, dann fällt es kaum auf. Das Neue verschmilzt schnell mit der alten Substanz, und das soll auch so sein. „Man läuft hier zurück ins Mittelalter.“

Wohnen im Einfamilienhaus neben vielen anderen fast gleichen Einfamilienhäusern? Leuchtende Bäder, Whirlpool, Carports? Das hat diese Familie nie erlebt und nie vermisst. Zudem wacht der Denkmalschutz über jede Form der Renovierung. Vor 20 Jahren ließ der Burgherr einen Aufzug einbauen, damit seine Mutter die Stockwerke meistern kann. Das war die einzige strukturelle Neuerung. Ansonsten bewegt man sich auf leicht schiefen Böden und gerundeten Treppenstufen. Weilt in Räumen, die nicht viereckig sind, sondern rund oder sechseckig und unregelmäßig. Das schärft das Erleben. Die Alte Meersburg ist das reale Gegenstück zur neuzeitlichen Mittelaltersehnsucht und Ritterspielen mit Einhorn und Met.

Annette von Droste-Hülshoff, die bis heute prominenteste Bewohnerin dieser Festung, wohnte acht Jahre lang bis zu ihrem Tod in dem steinernen Nest hoch über dem Schwäbischen Meer. „Auf der Burg haus’ ich am Berge, unter mir der blaue See . . .“, schrieb sie in einem ihrer Verse. Einige Räume erinnern bis heute an die große Lyrikerin. Vor ihrem Sterbezimmer werden Tagestouristen mit ihren Kindern und Literaturfreundinnen still. Sie blicken auf einen unscheinbaren Raum, eingerichtet im Stil des frühen 19. Jahrhunderts. Gemusterte Tapete. Hier starb die zierliche Frau 1848. Seit dem Tod der westfälischen Freifrau ist kaum etwas verändert worden. Auf der weißen Bettdecke liegt ein Strauß weißer Rosen. Die Zeit steht kurz still.

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