Familien in Bernhausen Eltern empört über plötzliche Kindergartenschließung

Was tun, wenn der Kindergarten von einem Tag auf den anderen schließt? Homeoffice ist eine Möglichkeit – aber keine Dauerlösung. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Vergangene Woche hat die Krippe des Kinderhauses Neuhäuser Bach in Bernhausen wegen Personalmangels geschlossen, nun ist das komplette Haus zu. 80 Familien sind betroffen. Warum hat sich die Situation derart zugespitzt? Und was tut die Stadt?

Die E-Mail kommt am frühen Abend des 8. Februar. „Schließung Kinderhaus ab 09.02.2023“, steht im Betreff. Der viergruppige Kindergarten im Kinderhaus Neuhäuser Bach in Bernhausen ist zu. Von einem Tag auf den anderen haben etliche Familien keinen Betreuungsplatz mehr für ihre Kinder. Dabei war erst Tage zuvor die viergruppige Krippe in dem Komplex bis auf Weiteres geschlossen worden. Ein Teil der 29 Krippenkinder konnte auf andere Einrichtungen verteilt werden, die größeren blieben im Kindergarten Neuhäuser Bach. Jetzt ist das gesamte Haus zu. „Es sind 80 Elternpaare betroffen“, sagt Christoph Traub, der Oberbürgermeister.

 

Der Hintergrund ist ein akuter Personalmangel. Im Kinderhaus Neuhäuser Bach sei derzeit etwa die Hälfte der Stellen unbesetzt, erklärte Ann-Kathrin Umstadt, die für Kindergärten zuständige Abteilungsleiterin in Filderstadt, vergangene Woche im Gespräch mit unserer Zeitung, dies entspreche mehr als zehn Stellen. Nun hat sich das Ganze weiter zugespitzt. „Es gab noch mal Veränderungen“, sagt Christoph Traub. Die Vermutung vieler Eltern, dass es im Kinderhaus auch zwischenmenschlich geknirscht hatte, bestätigt er insofern, als er von „verschiedenen Dynamiken“ spricht, von neuen Krankschreibungen und auch neuen Kündigungen, ausgelöst durch die veränderte Situation nach der Krippenschließung. „Es gab Menschen, die haben gesagt, ich gehe den pädagogischen Weg nicht mit.“ Aufgrund dieser Gemengelage sei man nunmehr bei einem verbliebenen Stellenanteil von 280 Prozent im Kinderhaus angelangt – von ehemals 1400 Prozent, die für die Betriebserlaubnis notwendig sind. „Mit dem noch verfügbaren Personal kann die Aufsichtspflicht nicht mehr gewährleistet werden“, heißt es in der E-Mail vom 8. Februar.

Die Empörung in der Elternschaft ist riesig

In Filderstadt brennt derweil die Luft. Die Empörung in der Elternschaft ist riesig. „Das ist doch ein Witz“, schreibt eine Frau bei Facebook. „Unglaublich“, kommentiert eine andere, und weiter: „Als Eltern wird man im Stich gelassen.“ Ein Mann fragt in die Runde: „Gibt es Eltern, die sich einer Klage gegen die Stadt Filderstadt anschließen wollen?“ Verzweiflung macht sich breit. „Was sollen wir nun machen? Beide Elternteile arbeiten in Vollzeit. Sollen wir unseren Arbeitsvertrag kündigen? Wer zahlt dann unsere Wohnung?“, schreibt ein Vater per Mail an unsere Redaktion. Eine Mutter spricht am Telefon vom „Super-Gau“. In den Einrichtungen in Filderstadt gehe nun die Angst um, ob auch anderswo Schließungen drohten. „Das zieht ja Kreise“, sagt sie.

Im Rathaus ist man derweil bemüht, Abhilfe zu schaffen. Christoph Traub berichtet von Krisensitzungen. Er habe das verbliebene Personal aus dem Kinderhaus einbestellt und damit beauftragt, gemeinsam mit Ann-Kathrin Umstadt ein Konzept zu entwickeln, mit dem Anfang kommender Woche zumindest eine Notbetreuung auf die Beine gestellt werden könne. Auch um personelle Fragen müsse es gehen. „Mein Ziel ist, den Eltern am Dienstag zu sagen, wie der weitere Zeitplan ist“, sagt er. In der Mail aus dem Kinderhaus war eine Schließung bis voraussichtlich 28. Februar angekündigt worden. Christoph Traub erklärt: Dieses Datum habe sich an aktuellen Krankschreibungen orientiert. Er bekennt: „Es kann sein, dass das kein endgültiges Datum ist.“

Personal fehlt überall

Und nun? Fakt ist: Die Lage ist in Filderstadt schon seit Monaten prekär. Immer wieder wurden Öffnungszeiten gekürzt. Personal fehlt überall. 33 Betreuungseinrichtungen gibt es, 14 sind städtisch. „Wir brauchen einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs, wie wir Kinderbetreuung in Zukunft stabil anbieten können“, sagt Christoph Traub. Für Mitte März sei eine Infoveranstaltung für alle Eltern und die Beschäftigten aller Träger geplant. „Wir müssen den Blick weiten.“

Bundesweit fehlen fast 100 000 Fachkräfte

Deutschland
Der Personalmangel im Erziehungsbereich wird immer extremer – nicht nur in Filderstadt. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung vom Oktober 2022 werden in diesem Jahr bis zu 383 600 Kitaplätze bundesweit fehlen: 362 400 im Westen und 21 200 im Osten. Um den Betreuungsbedarf der Eltern zu erfüllen, müssten zusätzlich zum vorhandenen Personal weitere 93 700 Fachkräfte im Westen und 4900 im Osten eingestellt werden. In Summe würden so zusätzliche Personalkosten von 4,3 Milliarden Euro pro Jahr entstehen. In Baden-Württemberg fehlen demnach 16 800 Fachkräfte.

Region
Allein Esslingen hatte zum Jahresbeginn rund 60 offene Stellen. Der Fachkräftemangel in den Tübinger Kitas ist so groß, dass der Gemeinderat jüngst beschlossen hat, die Öffnungszeiten einiger Einrichtungen zu reduzieren. Der Städtetag erwägt, dieses Konzept auch auf andere Kommunen auszuweiten.

Weitere Themen