Wo komme ich her? Die kalifornische Fotografin Francesca Hummler verbringt viel Zeit im Haus ihrer Großeltern in Plüderhausen, fotografiert sich und die Gegenstände darin. In ihren Bildern geht es um Kriegstraumata, adoptierte und tote Kinder, die guten und schlimmen Dinge in Familien.
Den mächtigen Walnussbaum hat Siegfried Köhnlein in den 50er Jahren mit seinem Vater gepflanzt. Auch die Himbeer- und Träubles-Sträucher, die Apfel-, Birn- und Zwetschgenbäume. Der ganze große Garten in Plüderhausen sollte voll hängen mit Früchten, nach denen er sich so gesehnt hatte als Bub im zerbombten Stuttgart. Als sie sich alle über einem Ausguss wuschen und es hereintropfte zum Dach. Und nun das: Seit drei Jahren fressen sich die gelblichen Maden der Walnussfruchtfliege durch die Nüsse, die matschig und faulig werden davon und schwarz. „Die Fliege kommt auch aus Amerika“, sagt Siegfried Köhnlein, grinst und reckt das Kinn in Richtung seiner kalifornischen Enkelin.
Die Eltern wanderten in die USA aus
Francesca Hummler hat diese US-Invasion im großelterlichen Garten zu einem Thema ihrer Fotografien gemacht. Mal drapiert sie eine versehrte Nuss wie ein kostbares Fabergé-Ei auf ein Spitzendeckchen. Mal lässt sie Zinn-Indianer durch einen Haufen Früchte krabbeln, in denen Löcher klaffen wie Miniaturbombenkrater. „Die Figuren habe ich auch im Haus meiner Großeltern gefunden“, sagt Francesca Hummler. Für die 25-Jährige sind die Figürchen wie eine Vorahnung, dass die Tochter des Hauses einmal das Weite suchen würde. In den 90er Jahren wanderten Francesca Hummlers Eltern nach Amerika aus. Nach New York, North Carolina, Kalifornien – immer dorthin, wo der Vater als Physiker Arbeit annahm.
Wo komme ich her? Was hat das Leben derer, die vor mir waren, mit mir zu tun? Das fragt sich die junge Frau, seit sie in ihrer Highschool in Südkalifornien von Mitschülern mit „Frau Hitler“ begrüßt wurde. Seit zu den Thanksgiving-Festen in ihrem Heimatort San Diego keine Verwandtschaft zusammenkam. Seit sie merkte, dass es Muster gibt, die älter sind als sie. Wie die Frage, ob sie mit Mitte 20 verheiratet sein müsste wie es Mutter Ute und Großmutter Christel waren.
Für ihre Bilderserie „Chance or Family“ (Chance oder Familie) hat sich Hummler Familienfotos auf die Haut gedruckt: die Mutter im Hochzeitsstaat, Kinder in Lederhosen, ein Passbild der Frau, die die Familie im Krieg mit Essen versorgte. Francesca Hummler hat die Drucke verrieben, bis nur ein grauer Schleier zurückblieb auf ihrem Oberschenkel. „Trauma lives in the body, not the archive“ (Das Trauma lebt im Körper, nicht im Archiv) ist der Untertitel dieser Arbeit. Familie scheint nicht nur in blonden Haaren und blauen Augen auf.
Mit den Fotos sich selbst heilen
Photo-Therapie nennt Francesca Hummler, was sie tut, in der Nachfolge der britischen Fotografin Jo Spence (1934–1992). Die machte auf ihren Bildern Familiengeschichte sichtbar: Erfahrungen, Erschütterungen, Liebe und Leiden, Gutes und Schlimmes. Ein Prozess der Selbstheilung für Jo Spence.
Ihre Arbeit sei eine Photo-Therapie, sagt Francesca Hummler. Foto: privat
Für ihre fotografischen Erkundungen quartiert sich die Enkelin mehrere Wochen im Jahr im Haus der Großeltern ein, in dem spitzgiebeligen Einfamilienhaus im Rems-Murr-Kreis. Gebaut haben es noch ihre Urgroßeltern Ende der 50er Jahre auf zwei Handtuch-Äckern. Siegfried Köhnlein hat als junger Mann auf der Baustelle seiner Eltern mitgeschafft, als gelernter Sargschreiner bei den Decken und Böden, den mit Briketts geschürten Volksbadeofen miteingesetzt. Alles war hier selbst gemacht und vom Mund abgespart, um nur rauszukommen aus dem kaputten Stuttgart, wo die Familie vorher lebte.
An diesem Nachmittag sitzt Siegfried Köhnlein (89) im Wohnzimmersessel. Gleich daneben, auf der türkisblauen Plüschcouch seine Frau Christel (82). Braune Schrankwand, schwere Teppiche, verhangene Fenster. Später wird Siegfried Köhnlein sagen, jetzt habe wieder nur er gesprochen und seine Frau kaum. Dabei hat sie an den entscheidenden Stellen seiner Erzählung die richtigen Details und Jahreszahlen eingestreut, die Abfolge der Ereignisse zurechtgerückt.
Wie war das als Bub allein evakuiert auf der Alb?
Francesca Hummler könnte ihre Fragen auch den Großeltern stellen: Warum seid ihr gläubig? Wie war das, Opa, als Bub allein evakuiert auf der Schwäbischen Alb? Wie ging es dir, Oma, als dein Sohn im Kindesalter starb? Ist es schlimm, dass eure Tochter weit weg lebt, während ihr alt werdet? Aber wer traut sich schon, in Familien die wirklich wichtigen Fragen zu stellen! „Die Fotografie ist ein Mittel, mit meinen Großeltern ins Gespräch zu kommen“, sagt Francesca Hummler.
Für ihre Serie „Das Kuckucksei“ hat sie ein Foto der Oma auf einen Schinken-Käse-Toast gedruckt. Sie hat die Stöcke des Großvaters in den Walnussbaum gehängt. Einmal rekelt sich einer der Teppiche in einem Sessel, liegt eine Kartoffel in der Weihnachtskrippe. Einige Metaphern sind überklar, andere bleiben diffus. Manche Familienrätsel müssen ungelöst bleiben dürfen.
1973 ziehen Siegfried und Christel Köhnlein mit ihren drei Kindern in sein Elternhaus. Er hat mittlerweile sein Abitur nachgemacht, ist Volksschullehrer geworden. Die junge Familie fügt sich in die Struktur (unten Wohn-, Esszimmer, Bad und Küche, oben vier Schlafzimmer, Bad und Klo) und passt sie doch an. Der Gang wird verbreitert, aus der Wanne eine Dusche, aus der Holz- eine Öl- und später Gasheizung.
Trotzdem hat im Haus vieles überdauert. Die orangefarbene Blumentapete in Utes Mädchenzimmer, der Setzkasten der Urgroßmutter, der Super-8- Filmprojektor, ein alter Breuninger-Bügel, eine Tütenlampe, ein Nachtkästchen, Opas Gesellenstück. Nach fast 80 Jahren Frieden sind Familienhäuser Museen geworden, auch für die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Autorin Judith Hermann lässt in „Wir hätten alles gesagt“ eine ihrer Figuren sagen: „All das ist deins und muss es aber nicht sein. Du kannst hier sein und musst dich aber für nichts verantwortlich fühlen. Für gar nichts.“
Francesca Hummler macht ihren Körper zum Resonanzraum für dieses Erbe. Auf ihren Selbstporträts steht sie mal nackt hinter dem weißen Makramee-Vorhang, den Super-8-Recorder in der Hand, mal trägt sie die Golduhr der Oma als Haarband, dann kauert sie unter Weidenkörben im Keller. Auf einem Foto formen ihre Hände den Setzkasten für die Sammlung der Urgroßmutter.
Die adoptierte Schwester dringt ins Puppenhaus ein
Mit dem Vonovia-Award für Fotografie ausgezeichnet wurde ihre Serie „Unsere Puppenstube“. An dem Puppenhaus bauten Urgroßvater, Großvater und Vater. Im Container reiste es mit nach Amerika, wo Hummler als Kind damit spielte. Für das Fotoprojekt nimmt nun ihre Schwester Masantu davon Besitz. Die Eltern haben das Mädchen aus Äthiopien adoptiert. Auf den Fotos dringt sie in das schwäbische Konstrukt ein, räumt um, hängt ihr Bild an die Wand. Einmal tropft ihr Auge wie ein Wasserhahn Tränen in die kleine Badewanne. Wie fühlt sich das schwarze Mädchen aus Äthiopien in einer deutsch-amerikanischen Familie, fragt die Schwester.
Vielleicht, sagt Hummler, brauche sie eine Pause von der Photo-Therapie. Andererseits – und dabei öffnet sie die Tür einer Kammer, in der sich Campinggeschirr, Skistiefeln und ein altes Geweih in Regalen stapeln – gäbe es noch so viel freizulegen.