Fastenmonat Ramadan in Weil der Stadt-Merklingen Beim gemeinsamen Fastenbrechen den Nachbarn näher kommen
Die Initiative Himmel hat zu einem interreligiösen Abend mit Iftar im Rahmen des islamischen Fastenmonats Ramadan eingeladen.
Die Initiative Himmel hat zu einem interreligiösen Abend mit Iftar im Rahmen des islamischen Fastenmonats Ramadan eingeladen.
Reges Treiben herrscht am Samstagabend im Sängerheim in Merklingen. Im Vereinsheim des altehrwürdigen Sängerbunds Merklingen 1838 findet ein Iftar, ein Fastenbrechen, statt. Die Tische sind festlich geschmückt, Datteln liegen in Schüsseln und Wasserflaschen stehen bereit. Das ist traditionell das erste, was die Menschen beim Iftar, dem traditionellen Fastenbrechen, zu sich nehmen. Im Rahmen des derzeit stattfindenden islamischen Fastenmonats Ramadan hat die Initiative Himmel Weil der Stadt Freunde und Nachbarn dazu eingeladen. Gut hundert Menschen kommen, Muslime und Christen sowie Unterstützer derjenigen, die diese Initiative tragen, etwa der Arbeitskreis Asyl.
„Wir sind ein Zusammenschluss von Menschen und Familien, die aus der Türkei geflüchtet sind und hier Asyl beantragt haben“, erklärt ihr Sprecher Saban Gövec. Sie hätten in ihrem Heimatland religiös und politisch Schwierigkeiten bekommen, weil viele von ihnen der islamischen Glaubensauslegung des in der Türkei verfolgten Fethullah Gülen nahestünden. Sie setzten sich nun in ihrer neuen Umgebung besonders für interreligiösen Dialog ein. „Seit mehr als drei Jahren engagieren wir uns in Weil der Stadt für ein friedliches und tolerantes Zusammenleben“, betont Saban Gövec. Die Gruppe zeigt auch immer wieder in der Öffentlichkeit Präsenz, etwa auf den Weihnachtsmärkten in Weil der Stadt und Merklingen oder wie zuletzt Müll sammelnd bei der Putzete im März.
Als interreligiöser Abend versteht sich auch das gemeinsame Fastenbrechen am 20. Tag des Ramadan, der in diesem Jahr am 10. März begann und noch bis zum 9. April dauert. In dieser Zeit essen und trinken Muslime zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nicht. Ausnahmen gibt es etwa für Kinder, Kranke oder Schwangere. Am Abend wird dieses Fasten mit Iftar, einem gemeinsamen Essen, gebrochen. „Hierzu laden wir auch häufig Freunde und Nachbarn ein“, erklärt Saban Gövec. Die Initiative hat schon in den beiden Vorjahren Menschen zum Iftar eingeladen und jedes Mal seien mehr gekommen.
Diesen Nachbarschaftsgedanken betont Müjgan Sarilmaz, als sie davon spricht, dass Nachbarschaft neben Familie und Freunden zu den wichtigsten sozialen Beziehungen der Menschen gehören. „Im Islam bedeutet Nachbarschaft eine Verpflichtung, die uns auferlegt wird“, sagt sie. Um ein guter Nachbar zu sein, brauche man weder besondere Fähigkeiten noch Talente. Eine von Ehre, Respekt und gegenseitigem Verständnis geprägte Nachbarschaft sollte „ein integraler Bestandteil unseres Lebens sein“, so Müjgan Sarilmaz. „Möge uns Allah helfen, gute Nachbarn zu sein“, schließt sie ihren Beitrag.
Berrin Ileri dankt als Vertreterin der Gesellschaft für Dialog Baden-Württemberg, die als eines ihrer Projekte „Ramadan im Ländle“ gestartet hat, den Organisatoren des Abends in Merklingen. Diese seien nicht nur geflüchtet, was an sich schon schwierig sei, sondern sie seien auch noch so mutig, in der schwierigen Sprache Deutsch hier vorne am Mikrofon zu sprechen, lobt sie die Repräsentanten der Initiative Himmel. In ihrem interreligiösen Friedensgebet betont sie die Sehnsucht nach Vielfalt, Offenheit und einer Welt, in der Vergebung ihren Platz hat. „Mach, dass die Waffen schweigen und mach uns zu Friedenstiftern“, bittet sie.
Die Musikgruppe Nevbahar , die zu einer Muslimischen Frauenorganisation aus Filderstadt gehört, unterhält die Gäste mit Kunstmusik aus ihrem Kulturkreis. Als die türkischen Gastgeber schließlich die Suppe auftragen, beginnen an den Tischen lebhafte Gespräche. Und dann ist da noch das ausgesprochen üppige Büffet, das jetzt regen Zuspruch findet. Verschiedene Fleischgerichte mit Reis, Spinat- und Feta-Börek, gefüllte Weinblätter und Pide, Salat und gebackenes Gemüse sowie sehr leckere, sehr süße Baklava als Dessert und vieles mehr treffen auf begeisterte Gäste – unabhängig von Religion und Zugehörigkeit oder davon, ob tagsüber gefastet wurde. Die kulinarischen Genüsse vereinen sie alle. Am Schluss sind die Platten leergeputzt und die Stimmung im Saal ist lebhaft.
Ulrich Markwald, der zu den Ehrenamtlichen gehört, die der internationalen Gruppe von Geflüchteten im Sprachcafé regelmäßig Deutschunterricht gibt, dankt den Gastgebern für die Einladung zum Fastenbrechen. „Ihre Kultur bereichert auch uns“, betont er. Beim Abschied erhalten alle Gäste noch ein kleines Geschenk als „Zahnmiete“. Mit dieser Tradition beim Iftar-Essen bedankt sich der Gastgeber beim Gast dafür, dass dieser durch seine Teilnahme am Essen zwar seine Zähne abgenutzt hat, er aber dazu beigetragen hat, Allahs Wohlgefallen zu erhalten. Im konkreten Fall gibt es für die Gäste ein hübsch gestaltetes Lesezeichen der Himmel-Initiative mit dem Aufdruck: „Derjenige wird nicht ins Paradies eintreten, dessen Nachbar nicht sicher ist vor seiner Bosheit.“