Feindbild Frau Die widerwärtige Welt der Incels

Für Incels sind Frauen der Feind, egal welche Frau. (Symbolfoto) Foto: imago images/Rolf Poss

Jung, wütend, frauenverachtend. Die Welt der Incels, der unfreiwillig zölibatären Männer, ist durchzogen von Menschenfeindlichkeit und Hass. Schuld am Übel ihrer Welt sind Frauen. Einblicke in eine Lebenswelt, die keinen Sinn ergibt.

Berlin - Incels – das Wort leitet sich vom englischen Begriff der „involuntary celibates“ ab – unfreiwillig Zölibatäre. Das sind in der Regel jugendliche Männer, die keine Freundin finden, keinen Sex. Im Selbstbild, weil sie hässlich oder nicht männlich genug sind. Sie sind die Verlierer einer Leistungsgesellschaft, in der alles über Erfolg, Männlichkeit und Sex definiert wird.

 

Chad & Stacy und das gute Leben

Die Welt der Incels liest sich gleichermaßen bizarr wie abstoßend: Perfekte Männer (sogenannte Chads) haben Sex mit schönen Frauen (sogenannte Stacys) und erlangen dadurch gesellschaftlichen Status, noch mehr Männlichkeit und schlussendlich Erfolg im Leben.

Dieses erfüllte Leben wird Incels von Frauen vorenthalten, weil die sich nur für Alphatypen interessieren. Es ist ein psychotischer Kreislauf, dessen Schuldfrage für Incels längst geklärt ist: Frauen sind schuld. Und dafür werden sie bestraft: sexuelle Belästigung, Mobbing, Online-Hass, Stalking, Gewalt und Mord.

Gelebter Antifeminismus

„Incels wollen sich an Frauen rächen. Es ist im Grunde Hass auf weibliche Selbstbestimmung“, sagt die Publizistin Veronika Kracher. Sie sieht den Kern der Incel-Bewegung in einer Kultur von gekränkter narzisstischer Männlichkeit. Denn zu der Denke gehöre auch eine Form der Selbsterhöhung, wie das patriarchale Anrecht, über Frauen als eine Art Rohstoff verfügen zu dürfen. Dazu komme „die Wahnvorstellung, Frauen würden ihnen den Sex verweigern und ihnen dadurch den integralen Teil eines erfüllten Lebens vorenthalten“.

Vernetzt mit Rassisten

Veronika Kracher beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Szene. Auf die Incels ist sie auf Umwegen gestoßen. Sie recherchierte 2015 zur Alt-Right-Szene, die jugendlich wirkende Neue Rechte in den USA, in deren rassistisches und antisemitisches Weltbild immer wieder blanker Frauenhass und überhöhte Männlichkeit eingebettet sind.

Die Grenzen scheinen fließend – auch in Deutschland. Björn Höcke von der AfD forderte seine Kundschaft vor einigen Jahren beispielsweise auf, die „eigene Männlichkeit wieder zu entdecken, denn nur wenn wir unsere Männlichkeit wieder entdecken, werden wir mannhaft“.

Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex

Ideale Ballungsräume für diese Ideologie zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex finden Incels online auf Imageboards wie 4Chan, in Foren wie Reddit oder auf eigenen Plattformen. In Deutschland, sagt Veronika Kracher, bestehe die Szene aus rund 1000 aktiven Online-Nutzern, die sich gegenseitig gegen den „Feind Frau“ aufstacheln, Bosheiten austauschen, Amokläufer oder Sexualstraftäter verehren oder einander bestätigen, dass sie tatsächlich menschlicher Müll seien.

Aus Worten werden Taten

Was oft als digitale Spinnerei von Pubertären oder gängige Teenager-Neurosen verharmlost wird, hat längst seinen Weg ins gesellschaftliche Leben gefunden. In einem Studentinnen-Wohnheim in Isla Vista (Santa Barbara, Kalifornien) tötet der 22-Jährige Elliot Rodger 2014 insgesamt sechs Menschen und verletzt 22. Als die Polizei ihn stellt, erschießt er sich selbst.

„Wenn ich euch nicht haben kann, Mädchen, dann zerstöre ich euch“, sagt er. In einem vorher geposteten Video und Manifest gibt er weitere Einblicke in seine Lebenswelt: Es ist die Rede von einem Krieg gegen Frauen, weil die ihm den „Sex entzogen haben“. Der Student Alek Minassian tötete 2018 in Toronto zehn Menschen, darunter acht Frauen. Beide sind Ikonen der Incel-Bewegung.

Rache an den Frauen

Veronika Kracher sieht Incels als ein Problem auf zwei Ebenen: „Ein Angriff auf die Zivilgesellschaft und vor allem auf Frauen. Es ist wichtig, potenzielle Opfer zu schützen.“ Außerdem sei es nötig, Incels auch als ein Problem der psychischen Gesundheit zu begreifen.

„Diese jungen Männer bezeichnen sich als depressiv, sind suizidal, und die Community ist ihren Mitgliedern gegen über immens brutal. Da wird laufend suggeriert: Dein einziger Ausweg ist Selbstmord oder der erweiterte Suizid . . . oder im Elend bleiben.“

Verloren in der Echokammer

„Incels graben sich in dieses Weltbild rein, ziehen sich in diese Echokammer zurück, wo sie permanent bestätigt bekommen, dass sie nie geliebt werden, und dass alle Frauen oberflächliche Schlampen sind“, erklärt Kracher von der Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin, die gegen Rassismus und Antisemitismus in der Gesellschaft agiert.

„Man kann das mit einer missbräuchlichen Beziehung vergleichen – man weiß, es ist schlecht für einen, kommt aber trotzdem nicht davon los, weil man glaubt, es sei der einzige Ort, wo man hingehört.“ Veronika Kracher plädiert für mehr psychologische Hilfsangebote oder „Ausstiegsprogramme, wie man das auch für Sektenmitglieder oder Neonazis macht“. Und dass die Behörden das Problem endlich ernst nehmen.

Info & Hintergrund

Der Ursprung: Die heutige frauenverachtende Szene der Incels findet ihren Ursprung eigentlich in einem Hilfsangebot für frustrierte Jugendliche. 1997 gründete eine kanadische Studentin die Online-Selbsthilfegruppe „Alana’s Involuntary Celibacy Project“: Es war eine Anlaufstelle für schüchterne Jugendliche. Solche, die keinen Partner finden können und sich deshalb minderwertig fühlen.

Man tauschte sich aus, versicherte sich gegenseitig, liebenswert zu sein und dass der richtige Partner bisher eben noch nicht aufgetaucht sei. Als das Projekt in den 2000ern langsam einschläft, wird der Begriff der Incels gekapert und verzerrt.

Attentäter: Der Anschlag von Halle im Oktober 2019 führte die Bewegung der Incels auch in Deutschland ein. Denn neben antisemitischen und rassistischen Motiven führte der Täter, der zwei Menschen tötete und bei dem nur eine verschlossene Synagogentüre Schlimmeres verhinderte, auch explizit Frauenhass als Tathintergrund an. Der Attentäter wurde 2020 zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt.

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