Feldhasen in Stuttgart-Fasanenhof „Naturnahes Erlebnis“ im Wohngebiet

Ein Feldhase in der Natur Foto: dpa/Marcus Brandt

Am Europaplatz im Stuttgarter Stadtteil Fasanenhof sieht ein Anwohner allabendlich Hasen grasen. Eine Sprecherin der Stadt Stuttgart teilt mit, ein „vermehrtes Auftauchen von Wildtieren“ sei im ganzen Stadtgebiet zu beobachten und entspräche dem bundesweiten Trend.

Spät abends genießt Michael Surma derzeit ein unterhaltendes Programm, ohne den Fernseher einschalten zu müssen: Von seinem Balkon in Stuttgart-Fasanenhof beobachtet der Mann allabendlich zwischen 22 und 22.30 Uhr, wie auf dem Europaplatz Feldhasen grasen. Meistens würden sich ein erwachsener Feldhase und ein bis drei Jungtiere am Grünstreifen laben, sagt Surma. Manchmal sieht er auch eine ganze fünfköpfige Hasenfamilie. Wenn die Lichtschranke am Haus gegenüber den Grünstreifen leuchten lässt, „dann hoppeln die Hasen weg“. Ansonsten würden sich die Tiere durchaus nicht ängstlich zeigen. Einen Fuchs, sagt Surma, habe er von seinem Balkon aus auch schon gesehen.

 

Das spätabendliche Schauspiel sei gar nicht so ungewöhnlich, teilt eine Sprecherin der Stuttgarter Stadtverwaltung auf Anfrage unserer Zeitung mit: „Es ist ein bundesweiter Trend, dass sich in urbanen Gebieten vermehrt Wildtiere aufhalten“, so die Sprecherin, „ein vermehrtes Auftauchen von Wildtieren im Bereich Fasanenhof ist wie im gesamten übrigen Stadtgebiet zu beobachten.“ Die Stadtsprecherin bietet auch eine Erklärung für das tierische Phänomen an: „Laut der Veterinärbehörde merken Wildtiere schnell, dass ihnen – abgesehen vom Straßenverkehr – in der Stadt weniger Gefahren drohen als im Umland. Zusätzlich finden Füchse, Dachse, Waschbären et cetera in der Stadt mehr und leichter zu beschaffene Nahrung wie Komposthaufen, weggeworfene Lebensmittel, Katzenfutter und kleine Nagetiere als Beute.“ Zum Teil würden die Tiere auch von Anwohnern gefüttert. Dadurch verlören Wildtiere jegliche Scheu vor Menschen. Auch das Freizeitverhalten der Menschen beeinflusse das Aufsuchen ihrer Wohngebiete durch Tiere: „Hinzu kommt, dass die Lebensräume der Wildtiere in der freien Natur immer stärker durch den Menschen in Anspruch genommen werden, beispielsweise Jogger und Radfahrer“, teilt die Stadtsprecherin mit.

Die Tiere wollen fressen und sich fortpflanzen

Unsere Zeitung hat bei der Stadtverwaltung nachgefragt, ob Handlungsbedarf angesichts grasender Hasen und stromernder Füchse bestünde: „Wildtiere in den urbanen Gebieten stellen nicht nur in Stuttgart, sondern landes- und bundesweit ein Problem dar“, antwortete die Stadtsprecherin, „kleinräumige Maßnahmen sind daher nur von kurzer Dauer.“ Das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg habe auf das vermehrte Vorkommen von Wildtieren in der Stadt bereits im Jagd- und Wildtiermanagementgesetz reagiert „und unter anderem den Wildtierbeauftragten und den sogenannten Stadtjäger im Gesetz verankert“.

Der Stadtjäger für die Stadt Stuttgart und Umgebung, Christian Schwenk, sieht in Feldhasen und Füchsen in der Stadt freilich weniger ein Problem als ein „naturnahes Erlebnis“, das durchaus gewollt sei. Wenn ihm von Hasen in der Stadt berichtet wird, würde er keinesfalls nach dem Motto „Sichten und vernichten“ jagend ausrücken, sondern üblicherweise beratend wirken: „Die Tiere wollen fressen, sie brauchen einen Rückzugsraum, und sie wollen sich fortpflanzen“, sagt Schwenk. Den Hinweis der Stadtsprecherin, dass Feldhasen „Tularämie, Brucellose und diverse andere Erkrankungen“ sowie Füchse den „Fuchsbandwurm“ auf den Menschen übertragen könnten, hält er zwar grundsätzlich nicht für falsch. Die Gefahr, dass derartige Übertragungen tatsächlich geschehen, hält er jedoch für gering. Den Fuchsbandwurm beispielsweise würden Füchse von Mäusen als Zwischenwirt aufnehmen, „aber warum soll ein Fuchs etwas Kleinem hinterherrennen, wenn an der nächsten Ecke ein halber Hamburger liegt?“, gibt der Stadtjäger zu bedenken.

Die Hasen zieht es in die wärmere Stadt

Christian Schwenk nennt noch einen weiteren Grund, weshalb sich Wildtiere gerne in Wohngebieten aufhielten: Es sei dort wärmer als im Wald, und wenn es wärmer sei, würden die Tiere weniger Energie benötigen, also müssten sie weniger fressen. Die Sprecherin der Stadt Stuttgart rät, „sichtbar kranke Hasen oder tot aufgefundene Tiere“ nicht anzufassen, sondern den städtischen Tiernotdienst zu informieren. Die Sprecherin weiter: „Bei der Entfernung von Fuchskot im Garten wird das Tragen von Einmalhandschuhen dringend empfohlen.“

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