Fellbach-Schmiden Schule und Sportgymnastik

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Am Gustav-Stresemann-Gymnasium gehen die Sportgymnastinnen des Bundesstützpunkts Schmiden zur Schule. Im Interview nehmen Schulleiter Marcus Vornhusen und die zwei Verbindungslehrerinnen über Chancen und Probleme.

Drei Pädagogen mit klaren Vorstellungen  (von links): Katharina Frey, Patricia Steiner und Marcus Vornhusen. Foto: Gerhard Pfisterer
Drei Pädagogen mit klaren Vorstellungen (von links): Katharina Frey, Patricia Steiner und Marcus Vornhusen . Foto: Gerhard Pfisterer
Fellbach-Schmiden. - Der heiße Tag drängt es geradezu auf, sich draußen aufzuhalten. Also lassen sich der Schulleiter Marcus Vornhusen und die Lehrerinnen Katharina Frey und Patricia Steiner auf der Rundbank neben den Treppen hinauf zum Gustav-Stresemann-Gymnasium (GSG) in Schmiden nieder. Passenderweise ist so der Bundesstützpunkt der Rhythmischen Sportgymnastik (RSG) in Sichtweite, um den es im Gespräch gehen soll. Das GSG ist als Partnerschule sehr wichtig für das Leistungszentrum, das sich nach dem Skandaljahr 2014 neu aufgestellt hat.
Herr Vornhusen, kürzlich bei „Pokal total“ – dem Schulfußball-Turnier der Fellbacher Zeitung – haben sich Ihre Unterstufe-Mädchen die Fortsetzung der Fußball-AG gewünscht, die sie in nur einem Jahr vom letzten auf den zweiten Platz gebracht hat. Konnten Sie dies denn realisieren?
Vornhusen: Stand heute: ja. Aber das ist immer auf der Kippe, wenn ein Sportlehrer krank wird, denn es muss erst der reguläre Sportunterricht garantiert sein.
Doch das soll heute ja nicht das Thema sein, sondern die Rhythmische Sportgymnastik. Was würden Sie sagen, wenn eine Ihrer beiden Töchter gerne damit anfangen würde?
Vornhusen: Andersrum: Als ich meine zwei Töchter bekommen habe, habe ich schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Ballett. Tanz. Heute stehe ich glücklich Wochenende für Wochenende auf einem Sportplatz im Rems-Murr-Kreis, denn beide haben sich für Fußball entschieden.
Und wenn Sie sich umentscheiden und zur RSG wechseln wollen würden?
Vornhusen: Ich kann offen sagen: Ich musste mich erst einmal an die Sportart herantasten, als ich ans GSG kam, da ich sie nicht so gut kannte. Ich habe einige Wettbewerbe verfolgt, Stück für Stück verstehe ich die Sportart. Der tolle Showtanzauftritt von Rana Tokmak aus der Nationalgruppe neulich bei der Abifeier hat deutlich gemacht, was die Mädchen alles lernen.
Das beantwortet immer noch nicht die Frage – Daumen hoch oder runter?
Vornhusen: Meine Kinder haben sich bei aller Prägung durch die Eltern ihre Sportarten selbst ausgesucht. Ich finde Ball- und Mannschaftssport für meine Kinder eine gute Wahl. Wenn das zum Leistungssport werden würde, müssten wir gut überlegen. Kürzlich hat sich bei mir eine Achtklässlerin vorgestellt, die Tennis spielt und drei Stunden pro Tag trainiert, das ist schon was.
Steiner: Man muss, glaube ich, generell zwischen Leistungs- und Freizeitsport unterscheiden.
Vornhusen: Ich bin froh, dass meine Kinder Breitensport machen. Aber natürlich hat die eine auch ein Trikot von Miroslav Klose. Nur der Leistungssport kann solche Vorbilder bieten. Und das ist auch gut. Was ich mir für unsere RSG-Mädchen wünsche, ist, dass jede bewusst den Weg geht und die Entscheidung immer wieder für sich überprüft. Wir müssen das Ohr und das Herz nahe bei den jungen Sportlerinnen haben. Geht es ihnen mit der Leistungssportentscheidung noch gut? Da müssen wir auch immer wieder Brücken aus dem Sport hinaus bauen.
Frey: Es gab im Schuljahr 2014/15 Kinder, die sich entschieden haben, die Karriere abzubrechen. Das muss nicht von heute auf morgen sein. Wir versuchen ihnen da erst einmal alle Optionen offenzuhalten. Aber in manchen Situationen muss man die Entscheidung für das Kind auch mittreffen, ihm die Entscheidung leichter machen.
Die jungen Sportgymnastinnen haben wenig Zeit für Familie und Freizeit – zu wenig?
Frey: Das Privatleben, das sie haben, spielt sich größtenteils untereinander ab. Das geht über das normale Freundesein hinaus, das ist der Familienersatz. Sie sind sehr aufopferungsvoll füreinander da.
Vornhusen: RSG ist mit sehr viel Verzicht verbunden, was Freunde, Familie und Freizeit angeht. Unser Wunsch als Schule ist es, dass die Trainerinnen, die Eltern und wir schauen: Wie geht es dem Kind in einer bestimmten Situation? Wir erleben teilweise Eltern, die aus unserer Sicht zu ehrgeizig sind und wenig hinterfragen.
Ordnen Sie das Jahr 2014 mit dem großen Wirbel um die schweren Anschuldigungen von Athletinnen gegenüber Trainerinnen, die auch Personalwechsel zur Folge hatten, doch bitte mal aus Ihrer Sicht ein.
Steiner: Zum Teil wurde das direkt an uns herangetragen, zum Teil haben wir es indirekt mitbekommen. Das war emotional manchmal ganz schön dramatisch. Wir müssen das natürlich objektiv betrachten und versuchen zu filtern. Die Vorwürfe haben wir sehr ernst genommen, das Gespräch mit den Verantwortlichen des Sports gesucht und auf Informationsaustausch bestanden. Wir haben aus schulischer Sicht ja auch eine Sorgfaltspflicht.
Vornhusen: Ich rede da gerne von Bauchschmerzen, die wir schon immer hatten. Hinsichtlich Trainingsmethoden inklusive der Quantität und Intensität. Umgangston. Ernährungssituation. Umgang mit Verletzungen und Schmerz. Fehlende Zeitfenster fürs Lernen und Freizeit. Diese Dinge hatten sich konkretisiert. Egal, was die juristische Aufarbeitung ergeben wird, der Wirbel – wie Sie es nennen – hat viel Gutes bewirkt.
Was denn genau?
Vornhusen: Der Schwäbische Turnerbund ist von ehrenamtlichen Strukturen, insbesondere in den Führungsaufgaben am Bundesstützpunkt, zu professionellen Strukturen übergegangen mit der neuen Stützpunktleiterin Kathrin Igel und der neuen Teamchefin Katja Kleinveldt.
Steiner: Gut, Frau Kleinveldt hatte ja auch schon eine Vorgängerin mit etwas anders gelagerten Aufgaben, aber sie bringt einen ganz anderen Background mit als ihre Vorgängerin. Sie ist trainingswissenschaftlich gut ausgebildet und auch menschlich top.
Vornhusen: Auch im Schülerwohnheim sind wir nun besser aufgestellt.
Frey: Die Änderungen sind so, dass wir es schaffen, dort die Maßgaben des KFJS (Kommunalverband für Jugend und Soziales, Anmerkung der Redaktion) in diesem Kalenderjahr noch umzusetzen.
Was heißt das konkret?
Frey: Wir haben jetzt mehr sozialpädagogisches Personal mit Frau Igel, die ja gelernte Erzieherin ist. Zudem müssen wir mehr Entlastung für unsere jetzigen Betreuerinnen schaffen. Das Finanzierungsmodell ist erarbeitet. Jetzt müssen wir die Stellen besetzen.
Vornhusen: Kurzum, es ist sehr viel Positives angestoßen und umgesetzt worden, so dass wir nicht mehr so große Bauchschmerzen haben. Wenn ich von meinen Mitarbeiterinnen höre, dass der Umgangston sich geändert hat, ist das gut. Es gibt jetzt Trainerinnen, die mit angemessenen Methoden Leistung herauskitzeln und den Sportlerinnen Wertschätzung entgegenbringen.
Steiner: Der Schwäbische Turnerbund hat es gut formuliert: Er will schwäbisch-humanen Leistungssport – das wollen wir auch. Es wird gerade ein Gerüst dafür gebaut mit Konfliktmanagement, geregeltem Essen und den Personaländerungen. Es ist ein Riesenkonzept und ein Prozess, der nicht von heute auf morgen vollendet ist. Der Rohbau steht. Das Dach ist drauf, ab und an regnet es noch rein. Jetzt geht es an den Innenausbau. Dazu ist Vertrauen nötig. Es geht darum, dass Dinge wie der Verhaltenskodex, in dem beispielsweise die deutsche Sprache als Trainingssprache fest verankert ist, nicht nur abgenickt werden, sondern gelebt werden – mit Überzeugung gelebt werden. Sonst bringt das Papier nicht viel.
Frey: Man darf eines nicht vergessen: Es muss sich nicht nur die Mentalität der Trainerinnen ändern, sondern auch die Mentalität der Athletinnen. In der Vergangenheit hieß es oft von ihnen: So ist die RSG halt. Das Umdenken muss noch vollzogen werden – es kann auch anders gehen.
Aber die Trainingsumfänge waren, sind und bleiben hoch.
Vornhusen: Ich wünsche mir, dass wir von den 30 bis 40 Stunden Training wegkommen. Das ist für uns das Grundübel. So lange sich das nicht ändert, kommen wir in vielen Punkten nicht weiter. Für Essen, Freizeit, Schule bleibt so zu wenig Zeit. Da müssen und werden wir dranbleiben.
Steiner: Sonst ist die duale Karriere am allgemeinen Gymnasium in dieser Sportart nicht möglich.
Frey: Frau Igel ist da eine ganz zentrale Schlüsselfigur, wir sind sehr glücklich über ihre Einstellung. Sie ist stets im Bundesstützpunkt präsent, bei ihr laufen die Fäden zusammen, sie kommt bei allen Partnern gut an. Der Mehrwert einer Koordinatorin vor Ort wird sich in der Zukunft immer noch mehr zeigen und steigern.
Steiner: Sie hat natürlich eine schwierige Aufgabe und viel Verantwortung. Sie muss bei Notwenigkeit klar durchgreifen, und wir als Schulpartner müssen uns darauf verlassen können. Aber das ist ihr zuzutrauen. Bisher hat sie einen sehr positiven Eindruck hinterlassen.
Wo gibt es Nachholbedarf?
Steiner: Die Koordination von Schule und Sport ist in der Tat noch eine Baustelle. Die Lernkorridore fehlen. Die Mädchen haben einen großen Bedarf an Hilfe, ob das nun Nachführunterricht für verpasste Stunden ist oder auch Nachhilfe. Wir haben nächstes Schuljahr 18 Deputatsstunden dafür zur Verfügung, die würden wir gerne zu angemessenen Zeiten einsetzen.
Vornhusen: Die Trainingsflächen und die Zeit dazu fehlen. 30 bis 40 Stunden Training, dazu 30 Stunden Schulunterricht – wo soll da noch Zeit bleiben? Und da habe ich ja auch noch nicht gegessen, geschlafen und die Freunde gesprochen.
Steiner: Wir brauchen verlässlichere Trainingszeiten, wann die Mädchen abends aus dem Training kommen. Das Ende darf nicht offen sein. Es hat sich schon verbessert. Aber an diesen Schrauben kann und muss man weiterdrehen. Die Mädchen brauchen einen Schulabschluss – irgendwann gibt es in ihrem Leben keine RSG mehr.
Herr Vornhusen, Sie befürworten die auf Eis liegenden Pläne für die Erweiterung des RSG-Bundesstützpunkts. Warum unterstützen Sie dieses Vorhaben?
Vornhusen: Mit einem Hallenanbau wären nicht auf wundersame Weise alle Probleme gelöst. Aber die Hallenerweiterung mit dann vier statt wie bislang zwei Trainingsflächen hilft in puncto Lernen, denn dann könnten mehr Sportlerinnen parallel trainieren. Dann können wir Lernkorridore einrichten. Das heißt, wir können beispielsweise sagen: Mittwoch zwischen 13.30 und 15 Uhr können wir Nachführunterricht und Nachhilfe anbieten, dazu kann ich meine Lehrer gesammelt einbestellen. Das geht jetzt noch nicht, weil die Mädchen alle zu verschiedenen Zeiten trainieren müssen. In Einzelfällen haben wir die Situation, dass nicht ein einziger Lernkorridor zu finden ist.
Steiner: Die Stunden, die sie verpassen, dürfen sie nicht dauerhaft verpassen. Ein Fach darf nicht einfach wegfallen, das ist vom Ministerium vorgeschrieben. Ohne Lernkorridore fällt es uns schwer, die Kinder immer morgens vom Unterricht zu befreien. Wenn wir zwei Stunden Mathematik von vier streichen und sie diese alleine abends um 22 Uhr nachholen müssen, weil es vorher nicht geht und abends kein Lehrer mehr ins Internat kommt, ist das problematisch.
Vornhusen: Zurück zur Halle. Wenn die Stadt nach dem Bund und dem Land auch noch ja sagt, wird die Erweiterung gebaut. Dann ist es für uns natürlich problematisch, wenn wir in zwei Jahren sehen, Kritikpunkte sind nicht verbessert, als Schule auszusteigen. Deshalb haben wir mit der Stadt gesagt: Erst einmal muss die neue Struktur her, um grünes Licht geben zu können.
Wo klemmt es denn noch?
Vornhusen: Wir sind in der Vergangenheit nicht immer rechtzeitig eingebunden worden, wenn es um Probleme ging.
Steiner: Jemand wie Frau Igel hat gefehlt. Teilweise waren Athletinnen einfach weg – und wir wussten gar nicht, warum.
Vornhusen: Wir wurden oft nicht eingebunden, wenn es um die Befreiung von Sportlerinnen nach Wettkämpfen ging oder bei der Aufnahme neuer Athletinnen.
An welchen Stellen in der Partnerschaft mit dem Bundesstützpunkt müssen Sie von schulischer Seite aus schon auch mal einschreiten und ein Veto einlegen?
Vornhusen: Wenn jemand schulisch in den Keller geht, müssen wir uns mit den Sportverantwortlichen unterhalten. Wir müssen Modelle wie ein Parkjahr, also ein Jahr auszusetzen, vor großen Wettkämpfen diskutieren. Wenn uns etwas in puncto Ernährung auffiele in krankhafter Art, müssten wir stop sagen. Oder wenn wir Belastungssituationen in der Halle wahrnehmen.
Steiner: Die Kommunikation hat sich schon deutlich verbessert.
Vornhusen: Eine Hausaufgabe für uns ist noch immer, dass wir der RSG in unserer Schule mehr Bedeutung geben, dass wir im Kollegium weiter werben, den Sport nach Kräften zu unterstützen.
Frey: Es ist das Wesentliche, dass wir die Mädchen bestmöglich unterstützen. Sie haben sich für die RSG und den Leistungssport entschieden, und wir wollen ihnen helfen, dass ihnen alles leichter fällt, wenn sie hier herkommen.
Wie schwierig ist es denn, Mädchen aus anderen Bundesländern in das anspruchsvolle baden-württembergische Schulsystem einzugliedern?
Vornhusen: Ich würde mich hüten zu sagen, dass es in Hessen oder sonstwo leichter ist. Es gibt aber faktisch bei einem Wechsel des Bundeslandes immer Reibungsverluste. Die Fächer sind anders, die Fremdsprachenkombinationen sind anders. Zudem kommen die Kinder eventuell von einer Gesamtschule zu uns. Und der Trainingsumfang steigt hier für die Neuankömmlinge auch von vielleicht 20 auf 30 Stunden. Das ist eine sensible Geschichte.
Steiner: Da sind wir wieder bei den Lernkorridoren. Wir hatten beispielsweise ein Mädchen, das kam aus dem Saarland zu uns in die sechste Klasse. Das Mädchen hatte Französisch als erste Fremdsprache, aber noch kein Englisch so wie bei uns. Solchen Kindern müssen wir Hilfestellung bieten können.
Frau Frey, Sie haben vergangenen September die Internatsleitung übernommen. Was haben Sie verändert, was für Regeln haben Sie implementiert?
Frey: Die Internatsleitung habe ich mittlerweile nicht mehr, verwaltungstechnisch liegt sie jetzt bei Frau Igel. Ich bin für die pädagogische Leitung verantwortlich. Ein Punkt war die Essensversorgung. Die Mädchen essen nun von Montag bis Freitag in der GSG-Cafeteria. Soweit sind sie begeistert davon. Dazu kommt die bereits angesprochene Entlastung der Betreuerinnen, an der wir dran sind. Meine Aufgabe ist es, die Alltagsbegleitung zu leisten, eine Ansprechpartnerin für Probleme zu sein. Ich gehe mindestens einmal in der Woche ins Internat, immer dienstags von 20 bis 23 Uhr, so hat sich das eingespielt, dass ich mal alle zu Gesicht bekomme. Da kommt alles raus, was raus muss. Ich schaue zudem, möglichst oft über den Mittag in der Halle zu sein.
Können Sie das Thema Essensversorgung noch vertiefen?
Frey: Wir haben auch das Frühstück in Angriff genommen. Natürlich dürfen sich die Mädchen von ihrem Taschengeld Nutella kaufen. Aber die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Stephanie Mosler vom Olympiastützpunkt Stuttgart hat die Einkaufslisten neu definiert. Zudem hat sie Checklisten zusammengestellt, was beispielsweise ein guter Snack an einem Wettkampftag ist. Es war eine Überraschung für die Mädchen, dass da Toastbrot mit Honig draufstand. Dazu heißt es allgemein immer trinken, trinken, trinken. Frau Mosler hat die Mädchen mit ihrer Kompetenz überzeugt. Da kam was rüber, es ist etwas angekommen. Der Grundstein ist gesetzt.




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