Die Käufer des als rein pflanzlich beworbenen Potenzmittels dürften ihre Wahl nicht bereut haben. Denn neben allerlei Kräutern enthielt die erhebende Mischung auch Sildenafil. Pharmakologisch Versierte wissen, dass es sich dabei um den maßgeblichen Wirkstoff von Viagra handelt. „Die Dosis war in dem Rahmen, dass sie Wirkung gezeitigt hätte“, erklärt Volker Renz, der Leiter des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts (CVUA) Stuttgart. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des an der Fellbacher Schaflandstraße beheimateten Amts haben die Zutat, die in einem Pflanzenprodukt nichts zu suchen hat, entdeckt. Dass es sich bei der chemischen Wirkungsverbesserung um kein Kavaliersdelikt handelt, zeigt ein Blick auf die Liste der Nebenwirkungen, die in seltenen Fällen bis zu Herzversagen führen können.
Neben scharfkantigen Gegenständen aus Metall, Kunststoff und Glas in Pizzabrot oder Kebabpfanne beanstanden die Fellbacher Experten besonders oft Nahrungsergänzungsmittel. Unter 61 als gesundheitsschädlich identifizierten Lebensmittelproben waren im vergangenen Jahr 15 Nahrungsergänzungsmittel. Sie werden so häufig von Influencern über Social-Media-Kanäle beworben, dass im CVUA für die Kontrolle eine Extrastelle geschaffen wurde, die von einem einschlägig versierten Lebensmittelchemiker besetzt werden soll.
Cannabis-Verwandtschaft im Fruchtgummi
In anderen Fällen sind unerlaubt zugesetzte Stoffe für die Konsumenten gar das entscheidende Kaufargument. In einer Shisha-Bar beschlagnahmten Lebensmittelkontrolleure eine Tüte Fruchtgummi mit aufputschender Wirkung. Zugesetzt war Hexahydrocannabinol, kurz HHC, also ein chemisch minimal veränderter Verwandter des Cannabis-Wirkstoffs THC. Das Problem dabei: HHC ist im Gegensatz zu THC nicht verboten. „Es rutscht durch alle rechtlichen Lücken“, sagt Volker Renz. Momentan zumindest, denn der Gesetzgeber dürfte diesen Mangel in nächster Zeit beheben.
Bisher schon darf HHC allerdings nicht Bestandteil eines Lebensmittels sein. Traditionelle Lebensmittel benötigen zwar keine Zulassung, eine Ausnahme bilden indes neuartige Lebensmittel, sogenannte Novel Foods. Sie unterliegen EU-weit der seit 1997 gültigen Novel-Food-Verordnung und müssen einer gesundheitlichen Bewertung unterzogen werden, bevor sie in Verkehr gebracht werden dürfen. Das hatte der Produzent der erheiternden Fruchtgummis jedoch unterlassen.
Neben Lebensmitteln untersuchen die Mitarbeitenden des CVUA auch Bedarfsgegenstände, also Alltagswaren wie zum Beispiel Geschirr, Kleidung oder Spielsachen, mit denen der Mensch intensiven Körperkontakt hat. Im Zuge der gesteigerten Sensibilität vieler Verbraucher für Umweltthemen fallen immer wieder als angeblich umweltfreundlich beworbene Kunststoffartikel negativ auf.
Mit grünen Verpackungen und oftmals erfundenen Logos wird Umweltfreundlichkeit suggeriert. Da speziell Kunststoffgegenstände in Verruf geraten sind, werden sie zunehmend durch Alternativen ersetzt, die jedoch ebenfalls nicht unproblematisch sind. Ein Beispiel dafür sind Becher, Teller und Trinkhalme aus Papier. Sie werden in energie- und chemikalienintensiven Verfahren hergestellt und sind als Einwegartikel nicht nachhaltig.
Kunststoff wird verschwiegen
Greenwashing findet aber auch bei Kunststoffgegenständen statt. Mitunter wird die aus Holz oder Stroh gewonnene Zellulose zugesetzt und stark beworben. Der Hauptbestandteil Kunststoff wird hingegen verschwiegen. Ähnliches gilt für Verpackungen wie im Fall eines in Fellbach untersuchten Einwickelpapiers für einen Schokoriegel. Weil die Innenseite mit Polyethylen beschichtet war, durfte die Verpackung eben nicht als kunststofffrei beworben werden.
Während der Zusatz von Zellulose erlaubt ist, dürfen pflanzliche Stoffe wie Weizenstroh, Bambusspäne, Reishülsen oder Holzspäne den Kunststoffbehältern nicht zugesetzt werden. Sie verändern die Materialeigenschaften negativ. Ohnehin bleibt der ebenfalls verwendete Kunststoff für Teller, Trinkbecher und Ähnliches strukturbestimmend. „Es bleibt Plastik“, sagt deswegen Volker Renz.
Hohe Auszeichnung
Von den 244 Mitarbeitenden des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts (CVUA) Stuttgart sind nicht alle direkt mit der Untersuchung von Lebensmitteln, Tierkörpern oder Bedarfsgegenständen beschäftigt. Herausragende Experten leisten unverzichtbare Grundlagenarbeit. Immer wieder werden am CVUA neue Nachweismethoden entwickelt. Jetzt erhielt der international anerkannte Experte Michelangelo Anastassiades in New Orleans/USA von der Association of Official Analytical Collaboration deren höchste Auszeichnung, den Harvey W. Wiley Award. Damit wird das Lebenswerk des seit 2006 als Leiter des Europäischen Referenzlabors für Pestizide in Fellbach tätigen Wissenschaftlers gewürdigt. „Er hat die Pestizidanalytik revolutioniert“, sagt der Amtsleiter Volker Renz. Anastassiades entwickelte eine schnelle, einfache, kostengünstige und sichere Methode, die es ermöglicht, eine große Bandbreite an Pflanzenschutzmittelwirkstoffen in einer Vielzahl von Lebensmitteln zu analysieren. „Man kann damit alle Obst- und Gemüsesorten, Getreide, Gewürze, aber auch einfache, fettarme tierische Lebensmittel wie Eier oder Milch untersuchen“, sagt der 54-Jährige. Seine Methode wird inzwischen weltweit in rund 90 Prozent aller Pestizidlabore angewendet.