Fellbacher Hilfsnetzwerk Frau B. hat keine Angst mehr
In einem Gespräch anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt von Frauen tauschen sich Fachleute und eine ehemals Betroffene aus. So soll für das Thema sensibilisiert werden.
In einem Gespräch anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt von Frauen tauschen sich Fachleute und eine ehemals Betroffene aus. So soll für das Thema sensibilisiert werden.
Fellbach -
Sie erinnert sich noch genau: Es war mitten in der Nacht, sie war noch nicht ganz wach, da spürte sie schon, wie die Faust in ihr Gesicht krachte. Sie, das ist Frau B. – zumindest nennt sie sich beim Pressegespräch „Gewalt im familiären Umfeld“ so, um stellvertretend für alle Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, ihre Geschichte zu erzählen.
Anlass dafür ist der „Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ am heutigen 25. November. „Im Jahr 1990 haben die Vereinten Nationen den Tag ausgerufen. Das wollen wir nutzen, um auf das Thema aufmerksam zu machen“, sagt die Gleichstellungsreferentin der Stadt Fellbach, Anneliese Roth. So sei jede dritte Frau in Deutschland mindestens einmal im Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen, oft verursacht vom aktuellen oder früheren Partner.
Anneliese Roth koordiniert das Fellbacher Hilfsnetzwerk, in dem verschiedene Beratungsstellen zusammenarbeiten, unter anderem das Polizeirevier Fellbach, der Kreisdiakonieverband Rems-Murr, das Caritas-Zentrum Waiblingen, Pro Familia und die Männerinterventionsstelle Rems-Murr-Kreis. Regelmäßig geht das Fellbacher Hilfenetz mit einer besonderen Aktion an die Öffentlichkeit und macht so auf das Thema häusliche Gewalt aufmerksam. „Weil das nun Corona-bedingt nicht ging, organisierten wir ein Gespräch mit einer Betroffenen“, sagt Anneliese Roth. Ruhig und mit dem nötigen Abstand berichtete Frau B. von der wohl schlimmsten Zeit ihres Lebens.
Und dabei fing alles so schön an. Sie lernte einen charmanten und liebevollen Mann kennen, der das Leben im Griff zu haben schien und finanziell gut dastand. Schnell waren die beiden ein Paar und überglücklich. Mit der Schwangerschaft von Frau B. wurde die Kehrtwende eingeläutet. „Ich durfte immer weniger, sollte niemanden treffen, nur noch daheim bleiben. Als unser Kind eineinhalb Jahre alt war, schlug er mich das erste Mal.“
Für die Sozialpädagogin Sonja Lupfer-Rieg vom Kreisdiakonieverband Rems-Murr ein klassischer Verlauf. „Ich berate Paare in Konfliktsituationen und stehe Opfern von Gewalt bei. Dass der gewalttätige Partner anfangs eine ganz andere Seite zeigt, alles harmonisch ist und man ihm das niemals angesehen hätte, ist sehr oft der Fall“, sagt Sonja Lupfer-Rieg, die in der Akutphase auch Frau B. helfend zur Seite stand. Bei ihren Klienten erlebe sie „einen Querschnitt durch alle Gesellschaftsschichten“. Sei ein Kind beteiligt, könne das helfen, den Absprung zu wagen. Es könne aber auch die Angst schüren, das Kind an den gewalttätigen Partner zu verlieren. „Erst mal wird die heile Welt, das Familienglück, aufrechterhalten. Es ist ein Prozess“, sagt Sonja Lupfer-Rieg.
Bei Frau B. war nach den ersten Schlägen klar, dass sie ihren Partner verlassen wird. „So sollte mein Kind nicht groß werden. Ich fing an, Dokumente, Essen und Geld zur Seite zu schaffen. Als es wieder eskalierte, rief ich die Polizei.“ Ab da sei eine Maschinerie angelaufen, die ihr umfassend geholfen habe. „Ich habe mich getraut und keine Angst mehr. Das will ich Frauen mitgeben.“
Dass die Zahlen während des Lockdowns im Frühjahr durch die Enge und finanzielle Unsicherheit nicht hochgingen, führen Anneliese Roth und Sonja Lupfer-Rieg unter anderem darauf zurück, dass die Frauen vielleicht wegen des Coronavirus Angst vor einer Unterbringung in einem Frauenhaus gehabt hätten. „Nach dem Lockdown stiegen die Zahlen von Betroffenen. Jeder Fall ist einer zu viel“, sagt Sonja Lupfer-Rieg und appelliert an die Frauen und ihre Vertrauten, sich an Fachleute zu wenden.