Der Besuch bei Manjula hat Bettina Heß nachhaltig beeindruckt. Die indische Frau, die auf Fotos gut gelaunt in die Kamera schaut, hat einen eigenen Laden für Herrenhemden eröffnet. Jeden Tag wird eine Größe produziert, und die Geschäfte laufen gut. Manjula hat die Coronakrise überstanden und setzt aktuell auf Whatsapp-Marketing. „Der Besuch bei ihr war toll. Sie hat sich nach mehr als zehn Jahren als Angestellte in einer Schneiderei selbstständig gemacht und konzentriert sich nun in ihrem eigenen Geschäft ganz bewusst auf Frauenpower“, sagt Bettina Heß.
Um Mikrokredite und wo sie zum Einsatz kommen, ging es bei der Reise
Dass Manjula diesen großen Schritt gehen konnte, lag daran, dass sie durch einen Mikrokredit, also einen kleinen Kredit, die nötige finanzielle Unterstützung erhielt. Und genau darum ging es auch bei der Indienreise von Bettina Heß aus Fellbach. Die 48-Jährige arbeitet seit knapp sechs Jahren beim Oikocredit Förderkreis Baden-Württemberg, einem gemeinnützigen Verein, der die internationale Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit unterstützt. Diese Genossenschaft finanziert mit dem Geld von Anlegern Partnerorganisationen und Unternehmen im Globalen Süden – also in Entwicklungs- und Schwellenländern – mit dem Ziel, die Lebensumstände wirtschaftlich benachteiligter Menschen dort durch finanzielle Hilfe in Form von Mikrokrediten zu verbessern.
Die zweiwöchige Studienreise ergab viele Einblicke und besondere Treffen
Um sich vor Ort einen Eindruck von denen zu machen, die bereits einen Mikrokredit erhalten haben, also ein Bild von der Wirkung dieser nachhaltigen Geldanlage, ist die Bildungsreferentin Ende vergangenen Jahres mit europäischen Kollegen nach Indien gereist. „Das war ein Angebot für die Mitarbeiter, die in der Bildungsarbeit tätig sind“, erklärt Bettina Heß, die Anfang Dezember vergangenen Jahres in Hyderabad, der Hauptstadt des südindischen Bundesstaates Telangana, aus dem Flieger stieg. „Mir war es sehr wichtig, vor Ort zu sehen, was mit dem Geld passiert.“
Oikocredit helfe auch beim Sparen und Zurückzahlen, betont Bettina Heß
Während der zweiwöchigen Studienreise konnte die 48-Jährige Einblicke sowohl in das Land und seine Strukturen als auch in Partnerorganisationen der Genossenschaft erhalten – ebendiese finanzieren die Kleinst- und Kleinunternehmen. Andere geben Gruppenkredite an Frauen aus. „Die Frauen bekommen dabei zwar einen Kredit, beispielsweise um Saatgut zu kaufen, aber nur in der Gruppe erhalten sie diesen, weil so im Falle einzelner Zahlungsunfähigkeit die Gruppe als Sicherheit dient“, erklärt Bettina Heß und betont, dass Oikocredit sich auch darum kümmere, Hilfe beim Sparen und Zurückzahlen zu geben. Solche Mikrokredite sind ja nicht frei von Kritik. Oft heißt es, die Summen würden im schlimmsten Fall durch unlautere Methoden eingetrieben. „Wir kümmern uns, dass die Rückzahlung gut funktioniert. Wenn alles glattläuft, kann die jeweilige Person auch einen weiteren, eventuell größeren Kredit aufnehmen. Das ist oft ein Anreiz.“ Es stecke die Idee dahinter, Menschen durch eine Finanzierung Mittel in die Hand zu geben, sich selbst zu helfen und Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen, sagt Bettina Heß, selbst zweifache Mutter aus Fellbachs kleinstem Stadtteil Lindle.
Der Förderkreis, bei dem die gebürtige Augsburgerin tätig ist, macht hauptsächlich Bildungsarbeit. Und Bettina Heß ist es wichtig, die Möglichkeit, Geld nachhaltig anzulegen, bekannter zu machen. „Wir selbst hatten schon eine solche Geldanlage, bevor ich dort anfing zu arbeiten. Aber viele Leute wissen ja gar nicht, dass sie ihr Geld nicht nur bei der Bank, sondern eben auch bei einer Genossenschaft für einen sozialen Zweck anlegen können, das muss populärer werden“, sagt sie und erklärt das Prozedere: So suche sich Oikocredit anhand von Kriterien geeignete Partnerorganisationen vor Ort aus. „Diese vergeben die Kleinstkredite an Menschen wie Manjula.“
Indien ist komplett digitalisiert – alle Bewohner erhielten ein Bankkonto
Weltweit haben über eine Milliarde Erwachsene keinen oder nur unzureichenden Zugang zu Finanzdienstleistungen und verfügen über kein Konto. Das bedeutet, dass sie keine zuverlässigen Kreditleistungen oder Sparmöglichkeiten in Anspruch nehmen können. „Daher fehlt ihnen ein Geldpuffer, um unvorhergesehene Ausgaben zu decken“, erklärt Bettina Heß. Umso beeindruckender ist es für die 48-Jährige, dass Indien komplett digitalisiert ist. „Alles wird mit dem Handy gezahlt, selbst die Kokosnuss am Wegesrand hat QR-Code.“ Um das umzusetzen, hätten alle Einwohner die Möglichkeit eines Kontos auch ohne Geldeinlage erhalten. Das funktioniere besser als mit Bargeld.
Neben den Geldanlagen setzt sich Oikocredit auch für nachhaltige Landwirtschaft und erneuerbare Energien ein – so werden unter anderem Supermärkte mit Solaranlagen ausgestattet. „Wenn die Läden selbst Strom produzieren, können sie die Ersparnis auf die Produkte umsetzen, sodass die billiger werden. Davon profitieren dann alle.“
Nähere Infos über Oikocredit und die Möglichkeit, selbst zu investieren und sich einzubringen, gibt es unter www.oikocredit.de.
Hilfe durch Mikrokredite
Die Idee
Die Idee zu Oikocredit entstand 1968 auf einer Tagung des ökumenischen Rates der Kirchen. Junge, politisch engagierte Kirchenmitglieder forderten eine nachhaltige Anlagemöglichkeit, die Frieden und weltweite Solidarität unterstützt.
Die Gründung
Die Gründer wollten ein verantwortungsvolles Investitionsinstrument schaffen, das Kredite an Unternehmen vergibt, die einkommensschwache Menschen unterstützen. 1975 erfolgte die offizielle Gründung als „Ecumenical Development Cooperative Society“ mit Sitz im niederländischen Amersfoort, wo die Genossenschaft, die sich 1999 in Oikocredit umbenannte, noch immer ihren Hauptsitz hat.