Wenn Toffee an Mira hochspringt, will er nicht spielen oder seine Freude zum Ausdruck bringen. Stattdessen signalisiert der Golden Retriever Mira damit, dass sie zügig aus der aktuellen Situation raus muss, weil diese ihr – ohne es selbst zu merken – längst zu viel ist und die Lage eskalieren könnte. „Anfangs stupst er mich erst mal nur sachte an und sucht meine Aufmerksamkeit. Hilft das nicht, wird er vehementer, bis ich reagiere“, sagt Mira Quasthoff.
Sie kämpft mit Panikattacken, Flashbacks und Dissoziationen
Die Fellbacherin ist psychisch krank und Toffee ist ihr Assistenzhund, der ihr hilft, ihren Alltag zu bewältigen, Situationen zu meistern und überhaupt das Haus verlassen zu können. Er gibt ihr durch sein Körpergewicht Halt, kann Panikattacken, schlimme Erinnerungen, sogenannte Flashbacks, und Dissoziationen, also Zustände, in denen sie so überfordert ist, dass sie nicht mehr reagieren kann und völlig abwesend ist, durchbrechen. Wenn er spürt, dass ihre Anspannung und ihr Stress steigen, kann er sie in Sicherheit bringen. „Ohne Hund an meiner Seite kann ich nicht mal Essen einkaufen“, sagt die 21-Jährige, die aktuell eine Ausbildungsstelle im Kindergarten sucht.
Doch auch das wird nur funktionieren, wenn ihr Assistenzhund ebenfalls willkommen ist. „Ohne geht es nicht. Deshalb spiele ich mit offenen Karten, was mir schon viele Absagen und Demütigungen eingebracht hat“, sagt Mira Quasthoff. Sie erinnert sich an eine besonders schmerzvolle Aussage: „Als ich denen von meiner Problematik und dem Assistenzhund berichtet habe, kam zurück, dass ich ja krank sei und sie mich deshalb lieber nicht einstellen wollen.“ Für Jens Karius eine unglaubliche Äußerung. Er ist Assistenzhunde-Trainer in Gaggenau-Oberweier nahe Rastatt. In dem Assistenzhundezentrum „Retriever vom Eichelberg“ züchtet er auch mit seiner Frau Daniela Karius. Durch einen Tipp erfuhr Mira Quasthoff, dass ihr ein solcher Hund helfen könnte. Das Ehepaar Karius verhalf ihr dann zu Toffee. Die beiden kennen die 21-Jährige und ihre Krankheitsgeschichte gut, und es hat sich ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. „Das gehört für mich dazu. Wir haben in der Ausbildung der Hunde engen Kontakt, weil Mensch und Tier Betreuung brauchen, zusammenpassen müssen und auch das Tierwohl nie außer Acht gelassen werden darf“, sagt Jens Karius. Sei der Hund bei der Arbeit, trage er seine Assistenzhund-Weste und dürfe nicht gestört werden. Er brauche aber auch Pausen, sagt der 50-Jährige und fügt hinzu, dass ein anerkannter Assistenzhund in nahezu allen Bereichen Zutritt habe, wo er normalen Hunden verwehrt sei.
In der Ausbildung hätte der Assistenzhund aber noch nicht diese Rechte. Heißt: Er dürfe abgewiesen oder es dürfe ihm der Eintritt verweigert werden, da käme es eben auf die Toleranz der Leute an.
Jens Karius ist Assistenzhundetrainer in der Nähe von Rastatt
„Es braucht noch viel Aufklärungsarbeit, damit die Leute wissen, wie wichtig Assistenzhunde sind und wofür sie alles eingesetzt werden können. Aber wenn von vornherein Vorbehalte da sind, bringen wohl auch die Rechte nichts, denn dann wird das trotzdem immer ein Streitpunkt sein, der nur unnötig viel Kraft kostet“, sagt Karius.
Es gab auch positive Erlebnisse bei Mira Quasthoffs Ausbildungssuche. In einem Betrieb war man zuletzt sehr interessiert an der jungen Frau. „Sie kamen mir wegen meiner Erkrankung zeitlich entgegen und meinten nur, dass sie meinen Hund vorab kennenlernen wollen, aber nicht, dass sie ihn nicht bei sich haben wollen“, sagt die Fellbacherin, die sich freut, wenn der neue Lebensabschnitt endlich beginnt.
Schweren Herzens muss Mira Quasthoff einen neuen Hund finden
Diesen wird sie aber schweren Herzens mit einem neuen Assistenzhund meistern müssen, da Toffee aufgrund eines Hüftproblems nicht mehr dafür eingesetzt werden darf. Jens Karius hilft ihr, einen neuen Hund zu finden. Doch die Fellbacherin, die auch im Leistungsturnen aktiv ist, versucht positiv zu denken. Dass sie das aktuell kann, zeigt, dass sie in ganz guter Verfassung ist. Das sah auch schon ganz anders aus. Traumatische Erlebnisse in ihrer Kindheit und dann der Tod ihrer Oma, einer engen Bezugsperson, 2011, waren der Auslöser. „Sie ist sehr plötzlich gestorben, und das war schrecklich für mich. Damals gab es noch keine Diagnose, aber ich hatte ständig starkes Kopf- und Bauchweh und war in der Schule beeinträchtigt.“ Es folgten eine Mutter-Kind-Kur und 2018 ein Vorfall, der Mira Quasthoff mit Depressionen in die Psychiatrie brachte. „Zwei Jahre später bin ich auf Anraten einer Vertrauenslehrerin erneut in die Psychiatrie.“ Damals hatte sie vier Suizidversuche hinter sich und landete auf der Intensivstation.
In der Kinder- und Jugendpsychiatrie Bad Cannstatt wurde dann die Persönlichkeitsstörung Borderline gepaart mit Depressionen und Essstörungen diagnostiziert. Mira Quasthoff erinnert sich an eine schlimme Zeit, in der sie mal zu Hause, mal in der Klinik war. „Ich musste mich erst öffnen, um Hilfe in Form von Gesprächen und Medikamenten zu erfahren.“ Während sie das erzählt, holt die 21-Jährige ein Mäppchen aus der Tasche. Darin: sogenannte Skills – Hilfsmittel wie Stressknete, ein Igelball und Denkspiele, die Mira Quasthoff bei starken Gefühlen helfen.
Doch Assistenzhunde wie Toffee werden dafür ausgebildet, es gar nicht so weit kommen zu lassen. Bereits sehr jung werden die Hunde auf ihre Empathiefähigkeit hin getestet. „Wir spielen ihnen Szenen vor, um zu sehen, wie sie damit umgehen. Aber fast noch wichtiger als deren Training, ist es, dass die Besitzer die Signale richtig deuten“, sagt Karius. Das musste Mira erst lernen. Sie erinnert sich, dass ihr ein Hund mal leicht in die Hand gebissen hat, um sie zu warnen, was sie als Spiel verstand. Doch längst weiß sie genau, was ihr der Hund sagen will. Und sie weiß auch, dass er jetzt bereits um sie herumgesprungen und in Alarmbereitschaft wäre. „Termine und Gespräche sind mühsam. Da fällt es mir zunehmend schwerer, Worte zu finden, und daheim werde ich den restlichen Nachmittag schlafen.“
Assistenzhunde können psychisch kranken Menschen helfen
Ausbildung
Wenn die Ausbildung zum Assistenzhund beendet ist, ist der Hund in der Regel zwei Jahre alt. Je nachdem, wie intensiv trainiert wird, fangen die Kosten bei etwa 10 000 bis 20 000 Euro an. Ist die Prüfung bestanden, erhalten die Hunde einen Ausweis und eine Weste. Dann dürfen sie ihre Besitzer an viele Orte begleiten, die ihnen sonst verwehrt sind.
Alltagshilfe Assistenzhunde verhelfen Menschen mit Handicap zu einem mobileren und unabhängigeren Leben. Sie werden ab einem Alter von 15 Monaten auf die Bedürfnisse der Menschen hin ausgebildet. Die Kosten werden aktuell nicht von Krankenkassen übernommen. Allerdings findet seit der neuen Verordnung aus dem Jahr 2023 ein Umdenken statt. Weitere Infos und die Möglichkeit zu spenden, gibt es im Internet unter https://www.assistenzhundeverbund.de/home.html.