Fensteraustausch am Fellbacher Tower Neues Fassadenkonzept verursacht Irritation

Alte Fenster raus, neue Fenster rein: Umbauarbeiten am Fellbacher Schwabenlandtower Foto: Andreas Rosar Fotoagentur-Stuttgart

Am Fellbacher Tower werden offenbar Fenster herausgerissen. Manche deuten dies als Anfang eines möglichen Abrisses. Der Nochinvestor, die Adler Group, dementiert: Es seien ganz normale Umbauarbeiten.

Als die Juristin Gabriele Zull, bis dato Erste Bürgermeisterin in Göppingen, im Spätsommer 2016 bei der OB-Wahl in Fellbach mit 61,2 Prozent der Stimmen gleich im ersten Wahlgang reüssierte, konnte sie noch nicht ahnen, welches diffizile Großprojekt sie gleich zu Beginn ihrer neuen Amtszeit vollumfänglich beschäftigen würde. Kaum hatte sie im November ihr Amtszimmer im Rathaus bezogen, erreichte sie der erste Knaller: Der Investor des Superhochhauses, das damals noch als Gewa-Tower geführt wurde, war gerade pleitegegangen.

 

194 Mietwohnungen statt 66 Luxusappartements

Sieben Jahre sind vergangen, sichtbare Fortschritte am Wohnturm waren in dieser Zeit nur wenige zu erkennen, dafür gab es zwei Investorenwechsel und eine Umwandlung des Konzepts von 66 Eigentumswohnungen aus dem Luxussegment in 194 Mietwohnungen.

Derzeit schaltet die einst von den Freien Wählern und der CDU nach Fellbach gelockte Gabriele Zull erneut wieder langsam in den Wahlkampfmodus: In gut einem Jahr steht ihre Wiederwahl an, bisher erfährt die 56-Jährige viel Rückendeckung. Ein konkurrenzfähiger Gegenkandidat ist weit und breit nicht in Sicht.

Weit und breit in Sicht ist allerdings auch kein Termin für eine mögliche Fertigstellung des mittlerweile zum Schwabenlandtower 107 umgetauften Wolkenkratzers. Den nächsten Rückschlag ereilte die Verantwortlichen im Fellbacher Rathaus, als der aktuelle Investor, die finanziell schwer in die Bredouille geratene Adler Group, in diesem Februar völlig überraschend in einem Nebensatz einer Antwort auf eine entsprechende Anfrage unserer Redaktion verkündete: Man habe die Optionen für die Projektentwicklungen neu bewertet und sei in diesem Zusammenhang „zum Schluss gekommen, für das Projekt Schwabenlandtower einen Verkauf in Erwägung zu ziehen“. Anders gesagt: Der Konzern will den Tower wieder loswerden und sucht dringend einen Käufer.

Im Juli wurde der 120-Meter-Riesenkran abgebaut

Vollzug gemeldet wurde in den bald sieben Monaten seitdem nicht. Stattdessen mussten die Verantwortlichen in der Stadt im Juli den nächsten Rückschlag zur Kenntnis nehmen. Denn der im Oktober 2022 in einer spektakulären und von etlichen Schaulustigen begleiteten Aktion errichtete 120-Meter-Kran – als augenfälliges Beispiel, dass es am Tower irgendwie eben doch weitergeht – wurde wieder abmontiert.

Zuletzt schien auf der Baustelle mit den 34 Stockwerken sommerliche Ruhe eingekehrt zu sein. Bis dieser Tage Nachbarn oder auch Autofahrer beim Blick in lichte Höhen wieder Aktivitäten entdeckten. „Am Tower wird gearbeitet“, so die Meldungen von Beobachtern an unsere Redaktion. „Die montieren womöglich alle Fenster aus. So wie es jetzt aussieht, sind im unteren Bereich schon einige Fenster weg. Oben haben sie schon immer gefehlt, warum werden sie jetzt ausgebaut? Oder sind dies bereits Anzeichen zum Abbruch des Gebäudes? Arbeiter fahren jedenfalls mit den Lasten mehrmals hoch und runter.“

Die Gerüchteküche brodelt: Kommt der Komplettabriss?

In der Fellbacher Gerüchteküche schwirren in diesen Tagen die Vermutungen also hin und her. Ist der Ausbau von Fenstern demnach als Vorbote für den kompletten Abriss des Hochhauses zu deuten? Eigentlich hört sich das nicht unbedingt plausibel an.

Die Adler Group dementiert jedenfalls entsprechende Vermutungen „zum Entwicklungsprojekt Schwabenlandtower“ und stellt klar: „Die von Ihnen erwähnten Bauaktivitäten deuten nicht auf einen Turmabriss hin, sondern sind Teil der seit Langem geplanten Abbrucharbeiten an der Fassade“, so Pressesprecherin Dobroslawa Pazder auf Nachfrage unserer Redaktion. Und: „Der Rückbau der Fassade ist ein wesentlicher Schritt, um dann auch das neue Fassadenkonzept umsetzen lassen zu können.“

Alte Fenster passen nicht zur neuen Planung

Ähnlich äußert sich auch die Stadt Fellbach: Am Tower werde ja „immer gearbeitet“, die aktuellen Umbauten habe man durchaus beobachtet, so ein Rathaussprecher. Die weitergehende Info aus der Fachabteilung: Es handle sich um den längst bekannten „Umbau der Apartments“, nämlich eben von den Kaufwohnungen zu den deutlich zahlreicheren Mietwohnungen. „Kurz gesagt: Die alten Fenster passen nicht zur neuen Planung“, so der Sprecher.

Einige Punkte bleiben dennoch offen: Warum genau ist das neue Fassadenkonzept nötig? Bis wann könnten diese Fassadenarbeiten abgeschlossen sein? Hat das vom Rathaus vor einigen Wochen angekündigte Gespräch der Oberbürgermeisterin mit Adler-Vertretern stattgefunden? Wie weit sind die Gespräche von Adler mit möglichen Übernahmekandidaten gediehen? Ist gar ein Vollzug beim Verkauf in Sicht?

Ziel: Veräußerung an einen anderen Investor

Die Adler-Pressestelle verweist aufs erneute Nachhaken unserer Redaktion auf eine Erklärung vom 13. Juli. Darin hieß es: „Für das Projekt ist eine Veräußerung an einen Investor oder einen Kooperationspartner vorgesehen.“ Der Kran-Abbau habe im Übrigen „keinen Einfluss auf den geplanten Verkauf des Projekts“. Ansonsten, so das aktuelle Statement, bitte man um Verständnis, „dass wir weitere Nachfragen nicht mehr kommentieren“.

Wie geht es also weiter mit dem „Entwicklungsprojekt“? Findet Investor Adler – der übrigens auch das Eiermann-Areal in Stuttgart-Vaihingen loswerden will – fürs Fellbacher Millionenprojekt doch einen Nachfolger? „Das scheint eine endlose Geschichte zu werden“, befürchtete CDU-Stadtrat Erich Theile bereits vor Monaten.

Der aktuell von Bürgern vermutete radikale Abriss scheint für SPD-Fraktionschef Andreas Möhlmann unwahrscheinlich: „Der Abriss wäre teurer, als den Wohnturm fertigzustellen“, erklärte er. Und eine Sprengung? Ausgeschlossen, so der als Architekt mit dem Baugewerbe vertraute Möhlmann: „Drum herum ist ja alles bebaut, Sprengen geht deshalb nicht, es ginge nur, wenn man die Teile einzeln abknabbern würde.“

Immobilienkonzern in der Krise

Eiermann-Campus
Der kriselnde Immobilienkonzern Adler Group ist in der Region Stuttgart kein Unbekannter. So gehört zum Konzern der sogenannte Eiermann-Campus in Stuttgart-Vaihingen. Noch. Denn zuletzt hieß es, das riesige ehemalige IBM-Gelände mit seinen denkmalgeschützten Bürobauten sei auf der Verkaufsliste des in finanzielle Schieflage geratenen Gruppe gelandet. Die Stadt Stuttgart, so der jüngste Bericht unserer Zeitung von Mitte Juni dieses Jahres, wollte den Campus nun erwerben, um dort 2000 Wohnungen zu bauen.

Milliardenverlust
Die Überschrift der aktuellen Adler-Presseerklärung zur Halbjahresbilanz lautet: „Die Adler Group setzt robuste operative Leistung im ersten Halbjahr in schwierigem Marktumfeld fort“. Die Nachrichtenagentur dpa stuft die Lage bei Adler hingegen kritischer ein: Der „kriselnde Immobilienkonzern“ habe im ersten Halbjahr einen deutlichen Ergebnisrückgang verzeichnet. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG verweigerte Adler später das Testat für die Bilanz 2021. Im vergangenen Jahr schrieb die Adler-Gruppe, so die dpa, einen Verlust von rund 1,7 Milliarden Euro.

Verdacht der Falschbilanzierung
Im April gab ein Gericht dem Konzern grünes Licht für eine Umstrukturierung. Ende Juni durchsuchten nach dpa-Angaben die Staatsanwaltschaft Frankfurt und das Bundeskriminalamt wegen des Verdachts der Falschbilanzierung, der Marktmanipulation und der Untreue Büros der Tochter Adler Real Estate.

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