Fernfahrerseelsorger Josef Krebs Der Theologe, dem sich die Trucker anvertrauen

Pausenschnack mit Seelsorgern: Für ein Gespräch mit Josef Krebs (links) und Andreas Hiller (rechts) steigt Fernfahrer Kevin gern aus seinem Truck. Foto: /Andreas Reiner

Aus unserem Plus-Archiv: Josef Krebs ist Theologe. Autobahnen sind sein Arbeitsplatz. Als Fernfahrerseelsorger kümmert er sich um Menschen, die im Lastwagen leben. Weil für Trucker teils menschenunwürdige Arbeitsbedingungen herrschen.

Sindelfingen - Zwei Männer stehen auf einem Rastplatz und vergleichen ihre Tätowierungen. Der eine ist Kevin, Typ Riesenteddy, Glatze, Dauergrinsen. Kevin kommt aus Irland und kutschiert einen reihenhauslangen Truck nach Österreich. Seit 17 Jahren ist er Fernfahrer, seit 17 Jahren will er damit aufhören. Und tut es doch nie. Das Geld, die Freiheit auf der Straße, die sich dauernd ändernden Landschaften, aber hauptsächlich das Geld. Seine Arme sind rabenschwarz vor Tinte. Der andere ist Josef. Er hat nur drei Tattoos. Indianer, Indianerin, Bär. Irgendwo unter seinem Hemd. Josef ist kein Trucker, sondern Theologe. Kevins Sorgen sind sein Job. Weil für Menschen wie Kevin teils menschenunwürdige Arbeitsbedingungen herrschen.

 

Josef Krebs ist Fernfahrerseelsorger bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart. An diesem Abend läuft er über den Rastplatz Sindelfinger Wald an der A 8. Er steckt in einer neongelben Warnweste und steht weit weg vom Restaurant. Dort, wo Brummi an Brummi parkt und die Rasenstreifen nach Urin riechen, weil 70 Cent Toilettengebühr für manchen Fahrer ein horrender Batzen sind. Krebs klopft an das Führerhaus eines Lastwagens mit litauischem Kennzeichen. An der Frontscheibe hängen Wappen und Girlanden. Dahinter sitzt ein Hüne mit nacktem Oberkörper. Er sieht aus, als frühstücke er Hundebabys. Krebs spricht ihn an. Deutsch, Englisch, es ist schwierig. Der Hüne schaut, als wolle er auch Krebs frühstücken. Der streckt ihm eine Tüte entgegen, darin sind eine Tafel Schokolade, Feuerzeug und eine Karte. „Danke für deine Arbeit“ steht darauf, in 15 Sprachen. Der Hüne findet seine. Er strahlt. Krebs zieht zur nächsten Kabine.

Auch die Zeugen Jehovas drehen Runden

Andreas Hiller begleitet ihn, evangelischer Betriebsseelsorger im Kirchenbezirk Böblingen. Nach 23 Jahren als Gemeindepfarrer wollte er Menschen in ihrem Alltag begegnen. Menschen, die er in Kirchengemeinden nicht sieht. Hiller und Krebs treffen sich öfters auf Rastanlagen, um von Lkw zu Lkw zu gehen. Manchmal ergeben sich Gespräche, manchmal nicht. Vor Weihnachten und Ostern verteilen sie Geschenke, wenn die Trucker nicht fahren dürfen und die Feiertage auf den Raststätten verbringen. Letzten Gründonnerstag war es schwierig. Viele Fahrer blockten ab. Die Zeugen Jehovas hatten wohl zuvor eine Runde gedreht. Laut Krebs klopfen sie selbst an Fahrerkabinen mit zugezogenen Vorhängen. Für ihn ein Tabu. Krebs hat auch Holzkreuze in seiner Präsentkiste. Nur für Fahrer, die eines wollen. Mit einigen spricht er über religiöse Themen. Mit anderen über Lohndumping. „Einmal hat einer seine ganze Wut bei mir ausgekotzt“, sagt er. Die Frau des Mannes war gestorben, der Hund an verschluckten Rasierklingen krepiert. Vom lieben Gott wollte der Seelsorger da gar nicht erst anfangen. „Wenn mir in so einer Situation einer mit Psalmen käme, dem würde ich an die Gurgel gehen.“

Die meisten Fernfahrer kommen aus Osteuropa, eine Frau am Sattelzuglenkrad ist Krebs und Hiller erst einmal begegnet. Viele sind ein halbes oder ein dreiviertel Jahr am Stück auf Achse. Ehen gehen kaputt, Beziehungen auseinander, Säuglinge werden zu Kleinkindern, ohne ihre Väter auch mal längere Zeit zu sehen. Viele hadern, weil sie mit dem Job ihrem Nachwuchs eine gute Ausbildung finanzieren wollen, er ihnen aber ins Idealbild eines Familienoberhaupts pfuscht. Ein Fahrer erzählte Krebs von seiner herzkranken Tochter. Er fürchtete, seine Spedition würde ihn nicht sofort nach Hause lassen, stünde es Spitz auf Knopf. Ein anderer hat einen tödlichen Unfall verursacht, ein Dritter schmiss seine Anstellung als hoch qualifizierter Flugzeugpilot in der Ukraine, weil er als Fernfahrer mehr verdient. Es ist viel Verdruss unterwegs auf den Autobahnen zwischen Kiew und Málaga.

Alles dreht sich nur noch um die Kohle

Hinter der nächsten Frontscheibe stecken Kennzeichen mit Namen drauf, hinter einer weiteren klemmt ein Plüsch-Eichhörnchen. In der Kabine eines Riesentrumms hockt ein junger Kerl. Eben war er in Holland, jetzt geht es nach Slowenien. Was er geladen habe?, fragt Krebs. Das wisse er gar nicht, flachst der Fahrer auf Englisch. 20 Tonnen von irgendwas.

Der Beruf ist gnadenlos. Zeitdruck sabotiert jede Vorstellung von Roadtrip-Romantik. Hier gondelt keiner durch zitronenduftschwangere Mittelmeerwinde. Hier muss Torfmull aus Lettland nach Italien und Schlachtvieh aus Osteuropa nach Spanien, weil es sich dort billiger abmurksen lässt. Hier fegen mit nur einem Karton beladene 40-Tonner über die Autobahn, weil Kunden von Online-Händlern eine zackige Lieferung wünschen. „Es ist erbärmlich, was da alles unterwegs ist“, sagt Krebs. Alles drehe sich nur noch um die Kohle, billig sei das oberste Gebot.

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Auf den Strecken schiebt sich Stau an Stau an Stau. Wenn die Ladung am Ladeort nicht bereitsteht: Pech für den Fahrer. Wenn er das Lieferzeitfenster beim Kunden nicht einhalten kann: erst recht Pech, dann hagelt es eine Strafe. Dann muss er auf ein neues Zeitfenster warten, das wiederum hagelt die Folgeplanung durcheinander, noch mehr Pech. Lenkzeiten sind begrenzt, regelmäßig müssen die Fahrer pausieren. Schön für sie. Wenn nur der Weg dorthin nicht so stressig wäre. Weil freie Stellplätze rar sind, müssen sie schon lange vor dem nächsten Ruhetermin nach einem suchen. Und Big Brother hockt in Form des digitalen Tachos immer mit an Bord.

Misstrauen gehört zum Berufsethos

Manchmal begleiten Krebs Mitarbeiter des Projekts „Faire Mobilität“ des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Sie klären die Fahrer über ihre Rechte auf. So steht ihnen etwa bei Fahrten durch Deutschland Mindestlohn zu, selbst wenn sie für ausländische Speditionen fahren. Krebs hat mal einen aus der Ukraine getroffen. Der fuhr für ein polnisches Unternehmen. Monatsverdienst: 300 Euro. Der Mann hätte sich lieber einen rostigen Nagel ins Auge gehauen, als mehr Geld zu fordern. Aus Angst, nie wieder einen Job zu bekommen.

Nächster Laster, nächster Sprachtest. English? Español? „Non, français“, sagt der Kerl in der Kabine. Krebs stöhnt. Französisch hat er nicht im Repertoire. Doch hier wäre sowieso nur französisches Gebrüll möglich. Der Fahrer transportiert Kühlladung, das Aggregat läuft ständig, auch bei Stopps. Weiter. Krebs zeigt auf eine geflickte Plane an der Flanke eines Sattelzugs. Spuren von Dieseldieben, vermutet er. Ein großes Problem. „In die Tanks gehen 700 bis 800 Liter rein, das lohnt sich.“

Die Angst liegt mit im Bett

Andere Kriminelle schmeißen Gaskartuschen in die Kabine, die die Fahrer ausknocken, und räumen dann die Laster leer. Die Angst liegt mit im Bett auf den großen Raststätten. Einige Fahrer fühlen sich nur noch auf kleinen Parkplätzen in abseitigen Wäldern sicher, Misstrauen gehört zum Berufsethos. Auch gegenüber fremden Typen in Neonwesten, die in einem fremden Land zwischen den Brummis herumschleichen. Krebs läuft ausschließlich von vorne auf die Laster zu.

Wie ein Alien wirkt der Seelsorger in der Szenerie allerdings nicht. Krebs trägt die grauen Haare zum Zopf, Jeans, silberne Ringe, ein silbernes Armband. Er sieht aus wie ein Rockstar. Er redet auch wie einer. Wenn er etwas zum Kotzen findet, sagt er, dass er es zum Kotzen findet. Ursprünglich hat er eine Ausbildung zum Elektriker gemacht, danach Theologie studiert und jahrelang als Pastoralreferent in Kirchengemeinden gearbeitet. In dieser Zeit legte er sich mit Kirchenmännern an, die behinderte Kinder nicht bei der Erstkommunion haben wollten, und gründete mit Obdachlosen ein Arbeitslosenzentrum. 2001 wechselte er zur Betriebsseelsorge nach Heilbronn, zu der auch die Fernfahrerseelsorge gehört. Er wollte mitreden und nachfühlen können, machte Bus- und Lkw-Führerschein. Seit 15 Jahren fährt er neben seinem Seelsorgerjob für ein Busunternehmen.

Rumänischer Wein und russische Musik

Im süddeutschen Raum entstand die Fernfahrerseelsorge vor rund 30 Jahren. In einer Arbeitsgemeinschaft kooperiert die Diözese Rottenburg-Stuttgart unter anderem mit den Bistümern Freiburg, Augsburg und Bamberg. Die AG beteiligt sich bei Fernfahrerstammtischen oder organisiert Feste auf Raststätten. Mitunter feiern dort auch orthodoxe Priester Gottesdienste. Gerade für Fahrer aus Osteuropa sei die spirituelle Not oft groß, sagt Krebs. Für komplett unspirituell hält er die wenigsten Trucker. Schutz zu finden, gut heimzukommen, gesund zu bleiben – das sei wichtig auf der Straße. Wobei, „Trucker“: Den Begriff empfinden viele als abwertend. In Frankreich oder Belgien heißen die Fahrer „Chauffeure“.

Fernfahrer haben kein gutes Image. Manche sehen in ihnen die Sündenböcke für hoffnungslos verstopfte Verkehrswege. Das Gefühl gesellschaftlicher Missachtung, von Schikane und Hilflosigkeit gegenüber Arbeitgebern schweißt sie zusammen, sagt die Kulturwissenschaftlerin Anna Reinöhl. Sie hat erforscht, wie sich Menschen trotz extrem mobiler Alltage soziale Zugehörigkeit schaffen. Einige Fernfahrer klammern sich an nationale Identitäten, während sie durchs grenzenlose Europa kreuzen, schleifen rumänischen Wein und USB-Sticks voll russischer Musik mit. Andere zelebrieren ihren Lebensstil eines abenteuerlustigen einsamen Wolfs. Aber das gelingt längst nicht jedem. „Der Frust ist bei allen groß“, sagt Reinöhl. Der Beruf dominiert das Leben. Wer Fernfahrer ist, ist es am Morgen, am Mittag, im Schlaf. Die Arbeitszeit ein Stop and go in Endlosschleife. Körper werden vernachlässigt, in Schnellstraßenperipherie bekommen sie mehr Frittenfett als Frischgemüse. Kinoabende, Vereinstennistraining, Stadtbummel? Tja.

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„Wir kommen von der Kirche“, diktiert Andreas Hiller seinem Handy. Keine Reaktion. Die Übersetzungs-App bockt. Zwei Russen haben ihr Dinner in der bierkastenbreiten Kluft zwischen zwei Lkw aufgebaut. Campingstühle, ein Zehn-Liter-Glas Fertigsalat. Ein paar Meter weiter parkt Christian aus Karlsruhe. Sein Vater war auch Berufskraftfahrer. Nach zwölf Jahren im Job ist der Sohn desillusioniert. „Das macht doch keinen Spaß mehr.“

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