Fernwärme Böblingen Preissteigerung heizt Debatte um Fernwärme an

Etwa 1900 Anschlüsse versorgen die Stadtwerke Böblingen mit ihren Fernwärme-Leitungen. Foto: Stadtwerke

Fernwärmekunden müssen im kommenden Jahr erhebliche Preissteigerungen hinnehmen, kündigen die Stadtwerke Böblingen an. Die Interessenvertreter der Kunden wehren sich und machen das Restmüllheizkraftwerk als Schuldigen aus. Dessen Chef zeigt sich über den Vorwurf entsetzt.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Ein schwerer Packen Papier ist bei den 1900 Kunden der Fernwärme in Böblingen dieser Tage angekommen. Schwer und schwer verdaulich: Denn auf 90 Seiten begründen die Stadtwerke Böblingen eine Preiserhöhung, die durchschnittlich bis zu 40 Prozent ausmache. Das berichtet Peter Aue, der Sprecher der Interessengemeinschaft Fernwärme. Die Fernwärme wird in Böblingen nach Anschlüssen gezählt, und weil sie bevorzugt in Mehrfamilienhäuser geliefert wird, sind davon etwa ein Viertel aller Böblinger Haushalte betroffen.

 

Fünf Jahre lang seien gemäß den Verträgen die Preise stabil geblieben, berichten die Stadtwerke in einem Pressegespräch, aber jetzt gehe es darum, die Fixkosten besser zu verteilen, sprich: Diese Fixkosten der Stadtwerke sollten sich im Grundpreis abbilden, und der Wärmebezug im sogenannten Arbeitspreis. Diese Fixkosten wie Personal-, Investitions, und Leitungskosten machen etwa 47 Prozent der Ausgaben der Stadtwerke aus, 53 Prozent entfallen auf die Wärme-Erzeugung.

Inflation, Ölpreis teurere Fernwärme

Die Stadtwerke begründen die Erhöhung mit gestiegenen Personalkosten, mit der höheren Inflationsrate, mit den gestiegenen Öl- und Gaspreisen, sowie „erheblich gestiegenen Kosten beim Wärmebezug des Restmüllheizkraftwerks“, das die Fernwärme zum großen Teil liefert.

Bislang gab es einen Grundpreis, den die meisten Kunden hatten, der lag bei 120 Euro. Vom ersten Januar des kommenden Jahres an beträgt der Grundpreis dann 250 Euro, und der Arbeitspreis, also der Wärmebezug, 113 Euro pro Megawattstunde.

Preise können künftig jährlich erhöht werden

Zusätzlich lassen sich die Stadtwerke mit den neuen Verträgen garantieren, dass sie die Preise künftig jedes Jahr weiter erhöhen können. Dazu haben sie eine relativ komplizierte Formel geschaffen, in die Löhne und vor allem Erdgas- und Ölpreise mit eingerechnet werden. „Jedermann kann dann diese Erhöhung nachvollziehen aufgrund der Werte, die er dazu im Internet finden kann“, sagt Alfred Kappenstein, Stadtwerke-Geschäftsführer. Die Ölpreisbindung erklärt Kappenstein so: „Als wir die Verträge geschlossen haben, mussten wir ein Modell gestalten, das den Markt abbildet.“

Das Fernwärmenetz in Böblingen und Dagersheim Foto: Grafik/zap

Dazu muss man wissen, dass die Fernwärme in Böblingen zu 70 Prozent vom Restmüllheizkraftwerk kommt, und dass diese Wärme gerade nun nicht vom Öl- oder Gaspreis abhängig ist. Das sind nur die restlichen 30 Prozent der Böblinger Fernwärme, die vom Daimler-Benz Heizkraftwerk und von den städtischen Blockheizkraftwerken in die Leitungen gepumpt werden.

Die Preisexplosion schlägt voll durch

Laut den Modellrechnungen der Stadtwerke würde der Besitzer eines 100 Quadratmeter großen Einfamilienhauses künftig im Jahr 3020 Euro für die Heizung zahlen mit einem Abschlag von rund 275 Euro monatlich. „Zuviel!“, sagt dazu die Interessengemeinschaft Fernwärme, die darüber hinaus berichtet, dass man sich bereits seit etlichen Wochen mit den Stadtwerken im Austausch befinde. „Mit der jetzigen Führungsmannschaft haben wir ein sehr gutes persönliches Verhältnis“, berichtet Peter Aue.

Die Interessengemeinschaft macht jetzt das Restmüllheizkraftwerk als Preistreiber aus: „Die Preissteigerung der Wärme aus der Müllverbrennung beträgt rund 67 Prozent“, sagt Peter Aue. „Diese Preisexplosion schlägt voll auf uns durch. Das Kraftwerk kassiert einen Haufen Extrageld, ohne dass sich ihre Kosten nennenswert verändert haben.“ Für Peter Aue könne es nicht sein, dass das Kraftwerk beim „Wärmepreis richtig zulangt, um die Kosten der Verbrennung gering zu halten, die eigentlich über die Müllgebühren finanziert werden müssten“.

Der Chef des Müllheizkraftwerks zeigt sich geradezu entsetzt

Der Chef des Restmüllheizkraftwerks, Frank Schumacher, kann kaum glauben, was ihm die Interessengemeinschaft da vorwirft. Über den Vorwurf der Preistreiberei zeigt er sich geradezu entsetzt: „67 Prozent? Wir haben die Preise um 0,0 Prozent erhöht“, sagt er plakativ. Denn außer den allgemeinen Inflationskosten und den gestiegenen Personalkosten sei beim Restmüllheizkraftwerk nichts teurer geworden. Er dreht das Argument der IG Fernwärme um: „Es kann nicht sein, dass die 1,3 Millionen Menschen, deren Müll wir verbrennen, die billige Fernwärme von 1900 Böblinger Anschlüssen finanzieren“, sagt er mit Nachdruck.

Schumacher hat sich die vergangenen Nächte um die Ohren geschlagen, um die Vorwürfe der Interessengemeinschaft zu entkräften und eine Presseerklärung nachzuschieben. Darin heißt es kurz und bündig: „Keine Kostensteigerung der Fernwärmebezugspreise von 2023 auf 2024.“ Er vermutet, dass die Stadtwerke Böblingen durch den festgeschriebenen Preis in den letzten fünf Jahren zu wenig in das Leitungsnetz investiert hatten und jetzt nachholen müssen. Ein Indiz dafür ist die seiner Ansicht nach hohe Anzahl von Leckagen, die zehn bis 15 Prozent Verluste ausmachten.

Inzwischen kommt Schützenhilfe vom Landratsamt. In einer Mitteilung heißt es: „Der Zweckverband Restmüllheizkraftwerk Böblingen (RBB) stellt klar, dass er für die Jahre 2023, 2024 und 2025 keine höheren Preise verlangt. Der RBB liefert danach keinen Grund, die Fernwärme für Endkunden der Stadtwerke zu verteuern.“ Im Gegenteil arbeitete der RBB gerade an einem neuen Vertrag, der die Tarife vom Öl- und vom Gaspreis entkoppele, und der im Jahr 2025 in Kraft treten solle: „Die neuen Regelungen des Fernwärmeabnahmepreises stehen in keinem Zusammenhang mit der Festpreisbindung für Fernwärmekunden der Stadtwerke Böblingen.“ Damit stehen sich die Aussagen der Stadtwerke und des RBB direkt gegenüber. Den Kunden aber kann es egal sein, wer hinter der Preiserhöhung steckt. Sie müssen sich überlegen, wie sie ihre Rechnungen noch bezahlen können.

Weitere Themen