In der Fußballbranche heißt es oft in brüchigem Deutsch: „Ich habe Vertrag“. Davon, also vom Fußball, sind Stadtwerke, Landkreis und Müllkraftwerksbetreiber Energy from Waste (EEW) weit entfernt. Einen Vertrag haben sie jetzt aber auch. Jetzt wurde er unterzeichnet. Im Kontrakt geht es um Fernwärme für Göppinger Haushalte, die Wärme dafür soll aus dem Müllheizkraftwerk im Süden Göppingens kommen. Unterschrieben haben gleich fünf Beteiligte, EVF-Geschäftsführer und Stadtwerke-Leiter Martin Bernhart, Oberbürgermeister Alex Maier, Landrat Edgar Wolff und die EEW-Geschäftsführer Axel Köhler und Kai Störkel.
Ende 2026 könnte die Fernwärmeleitung fertig sein
Bisher gab es nur eine Absichtserklärung, unterzeichnet vor fast genau einem Jahr. Jetzt sind die Beteiligten weiter und haben einen richtigen Vertrag. In den Genuss von Fernwärme aus der Müllverbrennung sollen – wie schon im vergangenen Jahr angedacht – zunächst Haushalte in Ursenwang kommen. Das liegt ein Stückchen südlich des Müllheizkraftwerks (MHKW). Planung und Bau der neuen Fernwärmeleitung dorthin werde noch etwas dauern, Ende 2026 könnte so weit sein, hofft Bernhart.
Ursenwang ist auch deshalb als erstes dran, weil es dort schon ein kleines Fernwärmenetz gibt, das von einem mit Gas betriebenen Kraftwerk mit Wärme gespeist wird. So wie oben im Stauferpark auch. Beide, also Ursenwang und der Stauferpark, sollen auf Dauer über eine zentrale Wärme-Transportleitung für das vom MHKW gelieferte heiße Wasser verbunden werden. Wenn das MHKW die Wärmelieferung in Ursenwang übernimmt, kann dadurch der Kohlendioxid-Ausstoß um rund 2000 Tonnen gesenkt werden, so Bernhart.
Verbrannt wird im MHKW deshalb aber nicht mehr Abfall. „Wir nutzen die vertraglich festgelegte Höchstmenge nicht aus“, sagt EEW-Geschäftsführer Köhler. „Wir liegen ein Stückchen darunter, auch technisch ist nicht mehr drin“, sagt er, das Kraftwerk laufe so im optimalen Lastbereich.
Ändern wird sich trotzdem was, auch im Heizkraftwerk wird wegen des jetzt unterzeichneten Vertrages umgebaut. Mehr Wärme und weniger Strom soll aus der bei der Müllverbrennung entstehenden Energie gewonnen werden. Letztlich sieht Köhler dadurch auch die Umwelt im Vorteil, bei der Wärmeerzeugung gebe es weniger energetische Verluste als bei der Stromerzeugung.
Fernwärme liefert das MHKW auch jetzt schon, bisher aber nur in die Nachbarschaft. Noch hängen nur Klinik am Eichert, Polizeipräsidium und Teile des Wohngebiets Bergfeld am Fernwärmenetz.
Vor allem Klimaschutzgründe haben zur Idee geführt, die örtliche Müllverbrennung für mehr Fernwärme zu nutzen. Um die Ziele einhalten zu können, soll verstärkt auf Wärmekopplung gesetzt werden. Das gehört zur kommunalen Wärmeplanung, die auch für Göppingen verpflichtend ist. Die Hohenstaufenstadt sieht EVF-Geschäftsführer Bernhart hier auf einem guten Weg.
In der kürzlich vorgelegten Wärmeplanung der Kommune ist der Müllofen zentral. Für große Teile der Wohngebiete am Göppinger Stadtrand wird es aber so schnell keine Wärmenetze geben. Auch nicht für die ausgedehnten Siedlungen in den Stadtbezirken – eben mit Ausnahme von Ursenwang. Gebiete, die sich für eine Wärmenetzversorgung eignen, sind neben der unmittelbaren City die Innenstadt Ost und West, die Südstadt, der Eichert und das Bergfeld, der Bruckwasen und der Stauferpark, Potenzial bietet aber auch die Nordstadt. In den übrigen Gebieten werden auf absehbare Zeit die Einzelheizungen dominieren. Zu diesem Ergebnis kommt, wer die Wärmeplanung der Stadt Göppingen anschaut.
Ein Viertel aller Heizanlagen in Göppingen sind jünger als 15 Jahre
Am Anfang des Göppinger Wärmeplans stand eine umfassende Bestandsanalyse der Verbraucher: Insgesamt haben die Stadtwerke 34 000 Gebäude erfasst und nach Baujahr, Nutzungsart und Wärmebedarf unterteilt. Daraus haben die Experten eine Karte erarbeitet, wo der Bau oder Ausbau des Wärmenetzes am rentierlichsten erscheint.
Herausfordernd ist die energetische Gebäudesanierung: Einerseits gibt es in der Kreisstadt einen „bedeutenden Sanierungsstau und ein erhebliches Potenzial für die Erneuerung alter Heizungen im Bestand“. Gleichzeitig sind aber ein Viertel aller Heizanlagen jünger als 15 Jahre. „Das könnte zu erheblichen Herausforderungen bei der Planung und Umstellung auf erneuerbare Energieträger oder Nah- und Fernwärmenetze führen“, heißt es in dem Bericht.
In die Zukunft gedacht
Dreierbündnis
: Nicht nur um die Fernwärme für Ursenwang ging es bei der Vertragsunterzeichnung. Es kam noch ein zweiter Vertrag auf den Tisch, den Stadtwerke, EEW und Landkreis unterzeichneten.
Zukunft
: Damit „schielen wir schon in die Zukunft“, sagt Martin Bernhart. Denn wenn irgendwann das Müllheizkraftwerk an den Landkreis zurückfällt, dann übernimmt der Kreis die Wärmelieferungsverträge der EEW. „Die Vereinbarung ist so flexibel formuliert, dass für den Standort des Müllheizkraftwerks nach dem Heimfall der Anlage eine Vielzahl von Optionen zu Erfüllung der Wärmelieferung möglich sind“, sagt Landrat Edgar Wolff.