Filderstadt Zum Spinnen nach China

Der Schäfer J Foto: Malte Klein
Der Schäfer J Foto: Malte Klein

Der Händler Joachim Ernst kauft auf dem Schafhof im Weiler in Sielmingen Schäfern die Wolle ihrer Tiere ab. Ernst schickt sie über Bremen zum Spinnen nach China.

Lokales: Malte Klein (mfk)
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Sielmingen - Joachim Ernst greift in einen Sack mit Rohwolle und zieht ein weißes, leicht fettiges Bündel heraus. Dann zupft er daran und fragt: „Sehen Sie, wie elastisch die Wolle ist?“ Wenn er zieht, dehnt sie sich. Lässt er locker, geben die Fasern wieder nach. Dadurch zeichnet sich die deutsche Wolle im Vergleich zu der watteartigen aus Übersee aus, sagt Ernst. Das liege daran, dass es etwa in Südamerika weniger regnet als hier. „Darum ist es wichtig, dass zu der Wolle aus Übersee immer elastische aus Deutschland beigemischt wird.“

Der Agrar-Ingenieur Ernst kennt sich mit Wolle aus weil er früher in der DDR als Schafzüchter gearbeitet hat. Heute kümmert er sich darum, dass Nebenerwerbsschäfer in Bayern und Württemberg die geschorene Wolle los werden. Ernst fährt von Ulm aus durch das Land und kauft Rohwolle. Am Donnerstag macht er Station auf dem Schafhof im Weiler in Sielmingen. In der Maschinenhalle steht sein weißer Transporter, auf dessen Ladefläche schon einige dicke Ballen stehen. Am Tor hat er eine silberne Waage aufgebaut. Schließlich bekommen die anliefernden Schafbesitzer ihr Geld nach Gewicht. Ernst zahlt 30 bis 40 Cent pro Kilogramm je nach Qualität.

Vierzig Kilogramm Wolle von 40 Schafen

Vor der Halle fährt Steffen Gaisel aus Walddorfhäslach mit einem Geländewagen vor, auf dessen Anhänger Säcke mit Rohwolle liegen. Aber nicht mehr lange. Er zerrt die weißen Säcke herunter und zieht sie auf die Waage. Gaisel ist Stammlieferant und bringt Ernst einmal im Jahr die Wolle seiner Schafe vorbei, die er nebenberuflich hält. In diesem Jahr sind es 40 Kilogramm von 14 Tieren. Zuvor hat der Landwirt die Schafe selbst geschoren und dazu auf ein Podest gestellt. „Dafür braucht man Routine, damit man das Schaf nicht aus Versehen schneidet“, sagt Gaisel. Nachdem die Wolle seiner Merino- und Schwarzkopfschafe den Besitzer gewechselt hat, nutzt Gaisel die Gelegenheit, mit Kurt Hertler, dem Eigentümer des Schafhofs im Weiler, zu reden. „Am besten lässt sich ein kräftiges Schaf scheren. Denn die Haut muss immer gespannt sein“, erzählt Hertler. Das sei wie beim Bartrasieren.

Als Gaisel weg gefahren ist, herrscht erst Flaute. „Das liebe ich gar nicht. Ich muss immer etwas zu tun haben“, sagt der 69-jährige Ernst. Seit 19 Jahren kommt er nach Sielmingen. „Früher hatten wir am Ende des Tages bis zu sechs Tonnen Rohwolle zusammen. Heute ist es nur noch eine“, sagt Ernst und klingt enttäuscht. Immer mehr ältere Schäfer hörten auf und den jungen machten Auflagen zu schaffen. „In den vergangenen zehn Jahren hat der Schafbestand in Württemberg um 40 Prozent abgenommen.“ Darum hat er an diesem Vormittag weniger zu tun.

Die Fuhre von elf Tonnen wird zum Hafen geschickt

Nach einer Stunde hat das Warten ein Ende. Das Brummen eines Traktormotors ist zu hören. Der Nebenerwerbsschäfer Jürgen Kittelberger aus Grötzingen bringt gleich einen Anhänger mit Wollsäcken. Kittelberger und Ernst schieben sie vom Hänger. Dann piekt Ernst einen Haken in die Säcke und zerrt sie zur Waage. Der erste ist 68 Kilo schwer, der zweite 79, und so weiter.

Später fährt Ernst die Rohwolle nach Ulm. Hat er elf Tonnen zusammen, bringt ein Spediteur die Ware nach Bremen. Von dort geht die Wolle auf große Reise: Zum Kammgarnspinnen nach China. In Italien hat jüngst die letzte Wollkämmerei in Europa ihre Tore geschlossen. Mittlerweile nimmt der Andrang in Sielmingen zu und der nächste Lieferwagen hält vor der Halle.




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