Filderstädter OB zu Verkehrswende „Ich will mich auf den ÖPNV einlassen“

Wer selbst regelmäßig mit dem Bus und mit der Bahn unterwegs ist, hat einen ganz andere Blick aufs Thema. Foto: picture alliance/dpa/Christoph Soeder

Alle reden über die Verkehrswende. Doch was sagt einer, der sie umsetzen muss? Im Interview erklärt der Filderstädter OB Christoph Traub, was auf seine Stadt zukommt und wie er selbst mit gutem Beispiel vorangehen will.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Filderstadt - Herr Traub, es ist Ende Dezember. Haben Sie Ihr ÖPNV-Jahresabo für 2022 schon gekauft?

 

Nein. Nachdem ich 2021 durch unsere Klimaschutzmanagerin an einer Klima-Challenge teilgenommen habe, habe ich im innerstädtischen Verkehr zu annähernd 90 Prozent das Fahrrad noch mehr für mich entdeckt. Ich greife nur noch ganz wenig aufs Auto zurück, selbst Wege ins Landratsamt lege ich mittlerweile mit dem E-Bike zurück.

Haben Sie einen Dienstwagen?

Nein. Traditionell hat der OB in Filderstadt keinen Dienstwagen.

Was für ein Auto fahren Sie privat?

Ich habe meinen Elektrosmart seit knapp dreieinhalb Jahren.

Und das kleine Auto reicht Ihnen?

Wir sind nur zu zweit. Meine Frau hat noch einen Verbrenner.

Die Entscheider, sei es im Kreistag, sei es in den Rathäusern, seien oft keine ÖPNV-Nutzer, kritisierte der Geschäftsführer vom Verband der Omnibusunternehmer im Interview mit unserer Zeitung. Hat er damit recht?

Ich habe das Interview gelesen, und ich bin genau an dieser Aussage hängengeblieben. Das muss ich sagen: Zumindest was mich betrifft, hat er recht. Da mahnt mich auch mein Jugendgemeinderat immer, dass man nicht über Dinge sprechen und entscheiden sollte, die man selber im Alltag nicht erlebt. Wenn man mich an den Busbahnhof stellen würde und sagen würde: Fahren Sie mal mit dem Bus nach Bonlanden, da müsste ich mich orientieren, in der Tat. Ich hatte vor einiger Zeit den Daumen gebrochen, da war ich mit dem ÖPNV unterwegs. Wenn man das am eigenen Leib erlebt, hat man noch mal einen ganz anderen Blick, wie wenn man es sich anliest oder sich briefen lässt. Also den Blick auf Pünktlichkeit, auf Verlässlichkeit, auf fehlende Anschlussoptionen, auf Wartezeiten. Ich glaube, die Verkehrswende hat viel damit zu tun, dass man die Menschen überzeugt, dass das der richtige Weg ist. Das heißt auch, dass man als politischer Entscheider vorbildhaft vorangeht.

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Wie wollen Sie sich da trainieren?

Ich will mich von Zeit zu Zeit auf den ÖPNV einlassen, um die Schwierigkeiten oder das, was gelingt, wahrzunehmen. Ich bin ja auch mit Unternehmen im Gespräch. Die sagen beispielsweise: Der Busverkehr ist zwar gut, aber er passt nicht mit den Schichtzeiten zusammen. Die Leute kommen blöderweise entweder morgens fünf Minuten zu spät, oder wenn ihre Schicht zu Ende ist, ist der Bus seit drei Minuten weg. Kriegen wir das nicht optimiert?

Gibt es nach den Busproblemen in Filderstadt Überlegungen, einen eigenen Stadtverkehr an die Stadtwerke anzudocken wie beispielsweise in Tübingen?

Wir arbeiten im Moment an einem Mobilitätsentwicklungsplan, wo eine wichtige Frage ist: Wie kriegen wir mehr Haltepunkte in die Quartiere und Wohngebiete? Eine Kleinbusregelung könnte künftig eine Rolle spielen. Es könnte eine Überlegung sein, dass wir ein eigenes kleines Stadtnetz aufbauen.

Verkehrswende meint ja auch, die Umstiege komfortabler zu machen. Hat Leinfelden-Echterdingen da mit seinem neuen Mobilitätspunkt die Nase vorn?

Die sind uns mit ihrem Mobilitätsentwicklungsplan, muss man anerkennend sagen, zwei bis drei Jahre voraus. Wir behandeln das unter dem Stichpunkt des Mobilitäts-Hubs. Unser P+R-Parkhaus in Bernhausen ist ja leider nicht sanierungsfähig. Die Neukonzeption für das P&R-Parkhaus bindet einen Mobilitätspunkt ein.

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Nur einen? Wimmelt es in der Stadt der Zukunft nicht von solchen Hubs?

Das ist richtig. Unser Ausgangspunkt ist: ein zentraler Mobilitäts-Hub in Bernhausen und künftig S-Bahn-Halt in Sielmingen. Und die Frage ist, wie das mit Satelliten in die Stadtteile hineintransportiert werden kann. Unsere Regiorad-Station hat eine große Schwäche: Weshalb soll ich mir ein Fahrrad in Bernhausen ausleihen, um nach Harthausen nach Hause zu fahren, wenn ich das Fahrrad nirgends abstellen kann?

Stichwort E-Mobilität: Mutmaßlich werden viele Menschen auf öffentliche Ladesäulen angewiesen sein. Da ist beim Ausbau noch extrem viel zu tun.

Das ist so. Wir sind jetzt bei knapp 30 Ladepunkten, die wir über die Filderstadtwerke aufgebaut haben, wir beteiligen uns an jedem Förderprogramm. Wir haben ein sehr dichtes Netz und stellen trotzdem fest: Gerade dort, wo Menschen in Mehrfamilienhäusern wohnen, wird es schwer sein, das sich jeder einen Ladepunkt zulegen kann. Und wir merken, dass die Ladepunkte, die wir haben, gut belegt sind, und dass wir drauf schauen müssen, dass Menschen, die ihr Auto vollgeladen haben, den Platz auch wieder räumen.

Hinter allem, über das wir hier reden, steckt Sachverstand. Kommunen beklagen bei den Verkehrsplanern einen Fachkräftemangel. Sind in Filderstadt alle Stellen in diesem Bereich besetzt?

Heute kann ich sagen, ja. Aber im Rückblick muss man sagen, dass wir uns mit der Besetzung gerade dieser Stellen sehr schwer getan haben. Wir haben fast anderthalb Jahre die Stelle für die Verkehrsplanung offengehabt. Jetzt haben wir die Stelle mit einer Verkehrsplanerin besetzt.

Für die Verkehrswende muss der Verkehrsraum neu geordnet werden. Vor allem Autos werden künftig Platz abgeben müssen. Das birgt Konfliktpotenzial. Wie wollen sie die Leute überzeugen?

Der Schlüssel ist eine sehr transparente Information und ein offener Umgang damit, dass all das, was wir unter dem Aufgabenfeld des Klimaschutzes, letztendlich ist die Verkehrswende ja nur ein Ausfluss dessen, dass wir all das nur gemeinsam schaffen werden. Und es ist auch klar, dass der Ausgangspunkt auf der kommunalen Ebene liegen wird. Wir müssen an der Stelle ehrlich sein: Wenn es gelingen soll, Klimawandel, Verkehrswende, diese großen Themen zu bespielen, wird das mit Einschränkungen für den Einzelnen zusammenhängen und mit dem Loslassen lieb gewonnener Gewohnheiten. Das ist ein Punkt, den wir Kommunalpolitiker beschreiben müssen. Was den Verkehrsraum angeht, wird es Verdrängungen geben, ganz klar. Das ist ein großer Kommunikationsprozess. Auf der Grundlage eines Konfliktes werden wir die Verkehrswende nie schaffen.

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