Große Spieler des englischen Fußballs? Wer sich ein bisschen auskennt mit Vergangenheit und Gegenwart mit dem Kick auf der Insel, dem fallen da schnell einige Namen ein. Jack und Bobby Charlton natürlich oder Bobby Moore. Auch Gary Lineker, Alan Shearer und Paul Gascoigne. Selbstverständlich David Beckham oder aktuell Harry Kane, der vor dieser Saison zum FC Bayern gewechselt ist.
Aber: Auch schon einmal etwas von Justin Fashanu gehört?
Zugegeben: Die Laufbahn des Engländers mit nigerianischen Wurzeln hatte in den 1980er Jahren nicht den glorreichen Verlauf genommen, den der Start bei Norwich City verheißen hatte. Aber Fashanu war einst ein Riesentalent, er war der erste schwarze Spieler, der in England für eine Million Pfund transferiert wurde (zu Nottingham Forest). Doch litt er dort unter dem Druck seines Trainers. Denn: Der war homophob. Und Justin Fashanu homosexuell. Damals noch nicht offen, doch 1990 war der damals 29-Jährige der erste aktive Profifußballer, der sich outete.
Das Drama um Justin Fashanu
Fashanu wollte Freiheit und Selbstbestimmtheit zurückgewinnen – doch fand sein Leben kein Happy End mehr. Bei seiner Familie fand er keine Unterstützung, Jahre später sah er sich einer Erpressung ausgesetzt, 1998 erhängte er sich in einer Garage in London.
Er selbst kann seine Geschichte also nicht mehr erzählen. Seine Nichte Amal Fashanu dagegen schon. Was sie seit Jahren nicht nur im Rahmen ihrer Stiftungsarbeit tut – sondern ab diesem Dienstag auch in der deutschen Dokumentation „Das letzte Tabu“, die beim kostenpflichtigen Streamingdienst Amazon Prime Video zu sehen ist. Und die vor allem der Frage nachgeht, warum es nach wie vor so unfassbar wenige offen schwul lebende Fußballer gibt.
Matt Morton, ein Spielertrainer aus dem englischen Amateurbereich, berichtet einerseits von seinem eigenen Coming-out und der entsetzten Reaktion seiner Mutter. Er schildert aber auch seinen eher unkomplizierten Alltag auf dem Platz und an der Seitenlinie. Und er rechnet vor: Es gebe 500 000 männliche Fußballprofis – und gemessen an den Relationen in der Gesellschaft, müssten 50 000 davon homosexuell sein. Doch haben sich aktuell lediglich sieben offen dazu bekannt.
Einerseits sehen Experten die Zeit nach wie vor noch nicht gekommen – vor allem, weil Vereine und Verbände Nachholbedarf hätten im Bestreben, den Weg zu ebnen, die Angst zu nehmen. „Meiner Meinung nach sind Fans auf jeden Fall viel weiter als die Verantwortlichen. Das zeigt sich hier in Deutschland auch schon ganz lange in der Vereinsszene“, sagt etwa Tanja Walther-Ahrens, eine frühere Bundesliga-Spielerin, die sich heute gegen Homophobie im Fußball engagiert. Ihre These wird untermauert von einem Beispiel aus Tschechien. Dort hatte sich vor Monaten der Nationalspieler Jakub Jankto offen zu seiner Homosexualität bekannt. Im folgenden Auswärtsspiel seines Clubs Sparta Prag befürchtete man wüste Beschimpfungen der gegnerischen Fans. Aber es passierte – nichts.
In den USA dagegen erfuhr der Profi Collin Martin homophobe Beleidigungen eines Mitspielers – er und sein Team fanden bei Unparteiischen und den Funktionären des Gegners aber kein Gehör. Und sahen kein anderes Mittel, als geschlossen den Platz zu verlassen und so eine Aufstiegschance sausen zu lassen.
Die internationalen Verbände vergeben große Turniere an Länder, in denen Homosexualität unter Strafe steht. Und Thomas Hitzlsperger berichtet von dem Ratschlag eines Medienanwalts, sich lieber nicht zu outen („Sie werden die Reaktionen nicht aushalten“). Damals war der ehemalige Kapitän und Vorstandschef des VfB Stuttgart noch aktiver Spieler. Der Ex-Nationalspieler, auch ein Protagonist des Filmes, wartete dann bis nach dem Ende seiner Karriere mit diesem für ihn und andere wichtigen Schritt – und sagt heute rückblickend: „Ich kann erst darüber sprechen, wenn es mir gut geht. Das war 2014 auf jeden Fall mehr der Fall als noch zu meiner aktiven Zeit.“
Diese innere Zerrissenheit, die Unsicherheit, die Angst, die Karriere zu gefährden, schildert auch Marcus Urban, der seine verheißungsvolle Laufbahn früh beendete und sich danach outete. Er hatte schlicht die Furcht, seine eigene Gesundheit zu gefährden, wenn er das Versteckspiel weiter spielt, er berichtet von Suizidgedanken und erinnert sich: „Wenn ich mit dem Berufsfußball weitermache, werde ich das vielleicht nicht überleben.“ Er habe sich dann gegen den Fußball, gegen seinen Traum entschieden. Aber für das Leben.
Marcus Urban erzählt seitdem immer wieder seine Geschichte. Thomas Hitzlsperger ebenso. Sie wollen für die heutige Spielergeneration möglich machen, was ihnen nicht möglich war. Ein Coming-out als Profikicker, ein damit freies und selbstbestimmtes Leben – ohne Angst vor den Folgen des Bekenntnisses. Hitzlsperger glaubt, dass das mittlerweile möglich ist.
„Es liegt jetzt wirklich an den Spielern zu erkennen: Die Zeit ist reif“, sagt er im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Natürlich bleibe das alles eine rein persönliche Entscheidung. Den Meisterspieler des VfB von 2007 würde es dennoch freuen, wenn das Thema bald mehr Normalität durch weitere Coming-outs erfahren würde. „Man hört, es soll ein Coming-out von aktiven Spielern bevorstehen“, sagt er, „dann gibt es neue Gesichter, die können ihre eigenen Geschichten erzählen. Das wäre super.“
Outen sich bald mehrere Profikicker?
Der Film „Das letzte Tabu“ zeigt „der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft auf, unter welchen homophoben Bedingungen ihr Lieblingssport stattfindet“, sagt der Regisseur Manfred Oldenburg und erzählt, dass alle angefragten Funktionäre von Vereinen und Verbände abgesagt hätten.
Alexander Wehrle, der Vorstandschef des VfB Stuttgart, sagte jüngst dem SWR: „Ich glaube, es ist hierzulande in den letzten Jahren viel vorbereitet worden für das Coming-out eines aktiven Profifußballers.“ Auch in England hat sich einiges getan seit dem Drama um Justin Fashanu.
Der wurde 2020 in die Hall of Fame des englischen Fußballs aufgenommen.