Filmakademie Baden-Württemberg Völkerverständigung am Filmset in Nigeria

Trotz unterschiedlicher Herangehensweisen arbeiteten die deutschen und nigerianischen Studierenden gut zusammen. Foto: Mark Szilagyi

Vier Wochen lang waren sechs Studierende der Filmakademie Baden-Württemberg in Nigeria zu Gast und arbeiteten mit örtlichen Filmschaffenden zusammen. Dabei prallten Welten aufeinander und fanden doch zusammen.

Ludwigsburg: Maximilian Kroh (kro)

Als die Einstellung am Flussufer ein weiteres Mal von vorne gedreht wird, muss Isabella Omoregie fast schon lachen. „Ich dachte nur: Was macht ihr da? Wieso dauert das alles so lange?“ Aus Sicht der nigerianischen Studentin ist alles längst im Kasten. Aber die deutschen Filmschaffenden von der Filmakademie Baden-Württemberg arbeiten eben ganz anders. Und sie waren Anfang November im Rahmen des Nollywood Workshops für vier Wochen in Nigeria zu Gast.

 

„Unsere Leute arbeiten an einem 15-minütigen Film oft ein Jahr lang, in Nigeria schaffen sie das in drei Tagen“, sagt Mark Szilagyi vom Internationalen Büro der Filmakademie, der den Nigeria-Trip als Koordinator begleitet hat. „Beides ist vielleicht zu extrem.“ Trotzdem, im Nachhinein sehen beide Seiten ihre Erfahrungen positiv – bestimmt auch deshalb, weil am Ende ein fertiger Film im Kasten ist.

Drei Wochen lang haben die Studierenden, jeweils sechs aus Deutschland und Nigeria, in der nigerianischen Millionenstadt Benin City an ihrem Film gearbeitet. Es ist eine Geschichte geworden, die in der Welt der Flussgöttin Olokun spielt. Gedreht wurde die nigerianisch-deutsche Co-Produktion in Edo, der Sprache des gleichnamigen nigerianischen Volkes und Bundesstaats. Trotzdem fänden sich beide Kulturen ein bisschen im Film wieder, ist sich Szilagyi sicher.

Er war es auch, der im vergangenen Jahr an der Delegationsreise der Bundesregierung zur Rückgabe der geraubten Benin-Bronzen aus der Kolonialzeit teilnahm und dabei Kontakte zum Creative Hub in Benin City knüpfte. Dieses Filmhaus sei technisch gut ausgerüstet, zudem entstehe in Edo State gerade ein Künstler Quartier, das vom örtlichen Gouverneur gefördert wird. Außerdem ist „Nollywood“ – also die nigerianische Filmindustrie – nach Indien und noch vor den USA die zweitgrößte der Welt. So passt die Kooperation auch gut ins Selbstverständnis der Filmakademie.

„Wir bemühen uns, die Studierenden in einer möglichst guten Position auf den Markt zu entlassen“, sagt Guido Lukoschek, der Leiter des Internationalen Büros der Filmakademie. „Dazu gehört auch das Wissen, wie man in einem internationalen Umfeld und einer unbekannten Filmkultur arbeitet.“

Das behütete Umfeld in Ludwigsburg

Ferner soll das Projekt eine Art „Reality-Check“ für die Studierenden sein, in einem so behüteten Umfeld wie an der Filmakademie könnten sie später schließlich nicht überall arbeiten. Aber, auch das ist Lukoschek wichtig zu betonen: „Das hier ist keine Entwicklungshilfe. Es ist der Versuch einer interkulturellen Begegnung, wir wollen den Studierenden Lust darauf machen, in der Verbindung weiterzuarbeiten.“

Zumindest Letzteres, das lässt sich schon jetzt sagen, hat geklappt. In der kurzen Zeit sind echte Freundschaften entstanden. „Es war wahnsinnig intensiv, das hat uns zusammengeschweißt“, sagt Gina Stephan, die gemeinsam mit Isabella Omoregie in der Kostüm-Abteilung gearbeitet hat, obwohl sie eigentlich am Animationsinstitut der Filmakademie studiert. Aber Animationen gab es bei dem gemeinsamen Projekt nun mal nicht, also sammelte sie eben in einem anderen Bereich Erfahrungen. „Wir waren mehrere Tage auf dem riesigen Markt in Benin City und haben nach geeigneten Kleidern gesucht. Ohne Isabella wäre ich völlig verloren gewesen.“

Nicht nur die riesigen Dimensionen der Millionenstadt Benin City sind für die Ludwigsburger Neuland, auch die Lebensrealität lässt sich mit der Barockstadt nicht vergleichen. Zwischen 18 und 20 Uhr ist das Internet täglich komplett überlastet und unbenutzbar, Stromausfälle sind keine Ausnahme und dauern manchmal stundenlang an. In Arbeitspausen alleine durch die Straßen zu flanieren ist undenkbar, dafür ist die Gegend viel zu gefährlich. So ist am Set auch immer ein Sicherheitsmann mit Sturmgewehr dabei.

„Macht schneller, es wird bald dunkel“

„Trotzdem dachte ich ganz oft: Macht schneller, es wird bald dunkel“, erinnert sich Omoregie, die heute immerhin darüber lachen kann. Aber, so sieht es zumindest Projektkoordinator Szilagyi, auch die Gastgeber konnten etwas mitnehmen: „Sie haben gesehen, dass es manchmal doch besser ist, die Kostüme am Tag vorher abzuholen und nicht erst auf dem Weg zum Dreh.“

Mit dem Film, der zum Abschluss der Nigeria-Reise im Goethe Institut in Lagos gezeigt wurde, endet der erste Zyklus des auf drei Jahre angelegten Projekts. In einem Jahr gibt es dann für sechs deutsche und sechs nigerianische Studierende erneut die Möglichkeit, sich am Nollywood-Workshop der FABW zu beteiligen. Vorher, im Sommersemester 2024, dürfen aber noch zwei der aktuellen Teilnehmenden aus Nigeria in der internationalen Klasse der Filmakademie studieren. „Wir wissen noch nicht, wer dabei sein wird“, sagt Isabella Omoregie. „Aber ich hoffe natürlich, dass ich es bin.“

Nollywood und der Workshop der Filmakademie

Nollywood
 Die nigerianische Filmindustrie – in Anlehnung an das US-amerikanische Hollywood auch als „Nollywood“ bekannt – ist laut einer Erhebung des Unesco-Instituts für Statistik aus dem Jahr 2012 die zweitgrößte Filmindustrie der Welt. Schätzungsweise zwischen 400 und 2000 Filme werden dort pro Jahr produziert. Zudem ist die Branche mit über einer Million Beschäftigten mittlerweile nach der Landwirtschaft der zweitwichtigste Arbeitgeber des Landes.

Förderung
 Der Nollywood-Workshop der Filmakademie Baden-Württemberg wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kunst und Medien (BKM) gefördert. Aus Nigeria sind unter anderem das Edo State Ministry of Arts, Culture, Tourism and Diaspora Affairs und das Africa International Film Festival beteiligt. Das Landesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst vergibt zwei Stipendien an nigerianische Gaststudierende.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Ludwigsburg Nigeria Film