Filmgeschichte zum Anfassen In Walt Disneys Schatzkammer

Von Patrick Heidmann 

Ein Besuch in den Archiven des Zeichentrickimperiums in Kalifornien zeigt originale Erinnerungen des genialen Zeichners Walt Disney. Sein Erbe soll die Firma auch heute inspirieren.

Walt Disney mit einer Micky-Maus-Figur im kalifornischen Disneyland Foto: dpa
Walt Disney mit einer Micky-Maus-Figur im kalifornischen Disneyland Foto: dpa

Burbank - Vor fünfzig Jahren ist Walt Disney gestorben. Doch sein Erbe und sein Firmenimperium leben fort. Nicht nur in klassischen Filmen „Bambi“, „Arielle, die kleine Meerjungfrau“ oder nun in dem aktuellen Kinofilm „Vaiana“, der am 21. Dezember in die deutschen Kino kommt. Sondern vor allem auch in den Archiven der Firma, die den Geist und den Arbeitsstil des Gründers wieder aufleben lassen. Denn Walt Disney war vom ersten Film an ein kreativer und unternehmerischer Vordenker. 1928 erfand er Micky Maus, dem er in seinem ersten Zeichentrick-Tonfilm „Steamboat Willie“ seine eigene Stimme lieh. 1937 brachte er mit „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ seinen ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm in die Kinos. 1940 erschien der komplett von klassischer Musik begleitete „Fantasia“, später auch Realfilme und 1953 mit dem Oscar-Gewinner „Die Wüste lebt“ eine abendfüllende Dokumentation.

Der Ort, an dem Disney damals alle Stricke zog, ist in den Disney Animation Studios in Burbank (Kalifornien) zu sehen: seit vergangenem Jahr lassen sich dort die sorgfältig rekonstruierten Büroräume Walt Disneys besichtigen. Von der in dunklem Holz gehaltenen Bücherwand über das davor platzierte Klavier bis hin zum Schreibtisch mit der Glasplatte, hinter dem säuberlich aufgereiht Figürchen, Auszeichnungen und andere Erinnerungsstücke im Regal stehen, ist ein Großteil der Einrichtung original erhalten.

Eines der wichtigsten Exponate stammt aus Disneys Schreibtisch

Sogar was früher in seinen Schubladen zu finden war, lässt sich herausfinden. Man muss nur ein Gebäude weiter, in die Disney Archives. Gegründet 1971, soll in diesen Archiven die komplette Disney-Geschichte gesammelt und konserviert werden. Firmenmitarbeiter, aber auch Wissenschaftler oder Studenten haben hier Zugang zu den Oscars ebenso wie zu Notizen und Briefen. Eines der wichtigsten Ausstellungsstücke fand man in Disneys Schreibtischschublade selbst, wie Archivar Kevin Kern berichtet: „Dort lag ein frühes, von Zeichnungen durchzogenes Drehbuch von ‚Steamboat Willie’. Dass er das immer griffbereit hatte, zeigt dass dieser so vorwärtsgewandte Mann eben doch auch einen großen Sinn für das Bewahren von Erinnerungen hatte.“

Nicht nur vom künstlerischen Erbe Walt Disneys bekommt man in den Archiven einen Eindruck, sondern eben auch von seinem unternehmerischen Weitblick. Davon, dass kaum jemand in Hollywood früher das Potenzial von Merchandise-Produkten erkannte, zeugt ein altes, mit Donald Duck bemaltes Tee-Service. Natürlich ist auch die erste verkaufte Eintrittskarte für Disneyland ist ausgestellt, dem 1955 in Anaheim (Kalifornien) eröffneten Vergnügungspark.

Die vielleicht wichtigste Abteilung des Imperiums

Heute gehören Firmen und Marken wie Marvel, Pixar und Lucasfilm („Star Wars“) zum Disney-Imperium. Doch die Kernkompetenz liegt nach wie vor im Trickfilm. Deswegen ist es keine Überraschung, dass Konzern-Chef Bob Iger als „vielleicht wichtigste Abteilung unserer Firma“ ausgerechnet die Animation Research Library bezeichnet. Zutritt haben ohnehin normalerweise ausschließlich Disney-Mitarbeiter. Mehr als 65 Millionen Zeichnungen, Entwürfe und andere Exponate, die während der Arbeit an sämtlichen Disney-Animationsfilmen anfielen, werden hier archiviert.

Hier darf nichts ohne weiße Handschuhe angefasst werden, in den Tresorräumen herrschen stets 15 Grad Celsius und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Ziel der Einrichtung ist es nicht nur, die Entstehung von Zeichentrickfilmen für Ausstellungen oder DVD-Bonusmaterial zu dokumentieren. Auch jeder, der heute bei Disney im Animationsbereich arbeitet, soll hier forschen und sich inspirieren lassen können.

„Selbst wer heute bei Disney anfängt, wo die Filme nur noch am Computer entstehen und nicht mehr von Hand gezeichnet werden, macht sich ganz genau mit Filmen wie ‚Bambi’ oder ‚Pinocchio’ vertraut“, sagt der Disney-Zeichentrickfilmregisseur John Musker. „Auch wir haben uns damals bei ‚Arielle, die Meerjungfrau’ von Walts ‚Schneewittchen’ beeinflussen lassen – und nun bei ‚Vaiana’ wiederum von ‚Arielle’. Genau deswegen ist der Disney-Geist von einst eben auch heute noch in allen Filmen spürbar.“