Filmkritik „Der Junge Siyar“ Heil und Unheil der Familie

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Aus der Sicht eines Täters erzählt der in Norwegen lebende kurdische Regisseur Hisham Zaman von einem Ehrenmord. Ein Halbwüchsiger jagt seine aus dem Irak geflohene Schwester, um einer schlimmen Vorstellung von Ehre gerecht zu werden.

Siyar (Taher Abdullah Taher, rechts) ist fast noch ein Kind, will aber durch einen Ehrenmord seine Rolle als Familienoberhaupt  ausfüllen. Foto:  
Siyar (Taher Abdullah Taher, rechts) ist fast noch ein Kind, will aber durch einen Ehrenmord seine Rolle als Familienoberhaupt ausfüllen. Foto:  

Stuttgart - Er sieht auf den ersten Bildern aus wie der Gefangene besonders brutaler Geiselnehmer, dieser Junge Siyar, der da nicht mit Stricken gefesselt vor uns steht, sondern eingewickelt in Plastikfolie. Und nun bekommt er solche durchsichtige Folie auch noch um den Kopf gewickelt, als wollten ihn jene, die ihn so malträtieren, langsam ersticken lassen. Dann aber stechen sie über seinem geöffneten Mund doch ein Loch in die Folie, und wir ahnen, dass dies keine grausame Hinrichtungsmethode werden soll.

Der Titelheld von Hisham Zamans Spielfilm „Der Junge Siyar“ wird bloß ausgerüstet, um im Ladetank eines Öllasters aus dem Irak über die Grenze der Türkei geschmuggelt zu werden. Im Dunkeln wird Siyar (Taher Abdullah Taher) sich gleich an eine Kette klammern und in der stinkenden Brühe gegen Ertrinken, Ersticken und Angst kämpfen. Dass die Kamera uns mit hinein in den Tank nimmt, das reißt auch eine kulturelle Distanz nieder: nein, ein ganz anderer als wir ist dieser junge Kurde aus dem Nordirak nicht. Er ist uns als leidender Mitmensch nahe.

Festhalten an Menschenrechten

Der 1975 im Irak geborene, in Norwegen lebende Regisseur Zaman braucht und will diese Nähe, weil uns Rückblenden Siyar auch wieder fern rücken werden. Nach dem Tod seines Vaters ist er in einer abgeschiedenen Kurdenprovinz das Familienoberhaupt, übt Befehlsgewalt über Mutter und Schwestern aus. Ernst hat er diese Rolle angenommen, aber er geht vielleicht nicht ganz in ihr auf. Siyar als vermeintlich Gefangenen einzuführen ist ein kluger Kniff von Zaman. So schwingt nun der Gedanke immer mit, Siyar könnte der Gefangene von Brauchtum, Traditionen, Erwartungen sein. Als seine Schwester sich einer Zwangsheirat entzieht, reist er ihr nach: er will sie ermorden, weil in seiner Welt nur so die Ehre der Familie wiederherstellbar ist.

In spröden, ungemütlichen, von Gewalt durchflackerten Bildern zeigt Zaman die Jagd auf das Mädchen, aber auch neue Erfahrungen, die Siyars Werte und Verhaltensmuster infrage stellen. Zaman erzählt von Zweifeln, Skrupeln, Liebe und Elend. Eines aber tut er nicht: er verklärt die archaischen Gebräuche nicht zur missverstandenen fremden Kultur, die erst einmal zu tolerieren wäre. Sein Film hält am Konzept universaler Menschenrechte fest und kehrt in bitteren Bildern das Unerträgliche mancher Traditionen heraus.

Der Junge Siyar. Norwegen, Deutschland 2013. Regie: Hisham Zaman. Mit Taher Abdullah Taher, Suzan Ilir. 105 Minuten. Ab 12 Jahren.