Filmkritik „The Lego Movie“ Steinchenweise zur Diktatur

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Lego-Figürchen können so nett sein. In diesem nicht nur für Kinder gedachten Animationsfilm aber ist in der ordentlichen Welt der Bausteine etwas ganz und gar nicht mehr in Ordnung. Das Stecksystem bekommt es folglich mit Systemfeinden zu tun.

Der jovial tuende Präsident Business schreitet forsch in eine Zukunft, in der sich nichts mehr gegen seinen Willen regen kann. Foto: Warner Bros.
Der jovial tuende Präsident Business schreitet forsch in eine Zukunft, in der sich nichts mehr gegen seinen Willen regen kann. Foto: Warner Bros.

Stuttgart - Knips, knurps, klack: aus Lego etwas zu bauen macht auch ungeschickten Zeitgenossen großen Spaß. Die bunten Knopfsteine lassen sich zu Häusern, Brücken, Türmen fügen, sogar zu Maschinen zusammensetzen, die längst mit Motoren relativ komplexe Aufgaben bewerkstelligen. Selbst kleine Menschlein zur Bevölkerung liefert das 1932 gegründete dänische Unternehmen nebst allerlei Ausrüstung für vielerlei Berufe.

Eines aber kann den Lego-Bauer gruseln: der Gedanke der leichten Dekonstruierbarkeit. Alles, was sich aufeinanderfügen lässt, ist noch leichter wieder in Stücke zu brechen. Noch die komplexeste Lego-Welt ist im Nu in einen Zuber loser Steinchen verwandelbar. Diese Angst vor der Brüchigkeit bestimmt das „Lego Movie“, einen unerwartet sarkastischen Animationsfilm, der im Auftrag des US-Unterhaltungs­riesen Warner im australischen Studio Animal Logic getrickst wurde.

Wehe dem, der aus der Reihe tanzt

Hier erleben wir zunächst eine Lego-Stadt in vollem Schwung, mit Myriaden kleiner Männlein und Weiblein, die vor sich hin werkeln. Schnell aber fällt uns der Gleichschritt auf, die rigide Ordnung, der Zwang hinter allem: Bewegungen, Gespräche, Gefühle folgen so sehr einem Bauplan wie die Errichtung des nächsten Norm­objekts. Jeder Tag soll gleich verlaufen in dieser Stadt, deren Lenker Präsident Business heißt und ein lupenreiner Diktator ist. Restlos alles um ihn her soll ein Uhrwerk sein, auf das er sich absolut verlassen kann.

Das „Lego Movie“ zeigt mit bösen Seitenhieben auf unseren werbegelenkten Konsumentenalltag eine Gesellschaft, hinter deren Dauerfröhlichkeit ein brutaler Sanktionsapparat arbeitet. Wer aus der Reihe tanzt, wird eingeschmolzen.

Noch ein zersägtes Märchen

Das Bauarbeitermännchen Emmet, der Held des „Lego Movie“, ist ein kleiner Naivling, der das Geborgensein in Zwang und Monotonie genießen möchte. Aber er gerät in seiner Unbedarftheit außer Tritt – und findet sich zum Systemfeind gestempelt.

Die Autoren und Regisseure Chris Miller und Phil Lord, die schon beim Animationsfilm „Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen 2“ zusammengearbeitet haben, lassen nicht nur jede Menge Popkultur­witze und Sarkasmen an den Kindern vorbei zu den Erwachsenen durchrutschen. Sie sprechen mit ihren Gags über eine unheile Fantasiewelt auch die Kinder direkt an, so wie das die „Shrek“-Filme mit ihren Märchenzersägereien taten. Wie bei „Shrek“ weiß man auch hier nicht, ob man sich über die Metatext-Abgebrühtheit der Kinder gruseln oder über ihre Fähigkeit zur Infragestellung netter Mythen freuen soll.

Das „Lego Movie“ war jedenfalls ein Riesenhit im US-Kino, und das, obwohl oder gerade weil beliebte Helden durch den Kakao gezogen werden. Superman und Batman, Gandalf der Zauberer und die Recken aus „Star Wars“ erweisen sich als machtlos gegen Präsident Business und manchmal als nicht ganz so glorreich. Batman etwa entpuppt sich als maßlos eitler Miese­peter ohne jede Selbstironie.

Ein nützlicher Sturz aus der Stadt

Präsident Business aber will keine Etappensiege, sondern die endgültige Fixierung der Verhältnisse. Dazu dient ihm eine Leimtube, mit der er alles an den Platz bannt. Die Tube ist, wie manches andere hier, ein Artefakt unserer Welt in der Lego-Stadt. Diese Hinweise auf eine andere Daseinsebene bereiten den Schock einer späten Enthüllung vor: Emmet stürzt aus der Stadt, erkennt dieselbe als Bau auf einer Holzplatte und sieht auch einen Jungen, der gerade mit ihm und seinesgleichen­ Revolution spielt.

Von da an hat das „Lego Movie“ eine zweite, eine Realfilmebene, auf der ein Junge mit seinem Vater (Will Ferrell) einen Kampf um die Lego-Sammlung austrägt. Papa hat alles nach Bauplan zusammengeknipst, der Sohn fordert Freiheit. Mit postmoderner Cleverness bleiben die Lego-Figürchen aber unsere Bezugspersonen: die realen Menschen erscheinen wie die Götter der Antike, die mit gigantischen Fehden die Geschicke der Irdischen bestimmen.

Der spezielle Lego-Grusel

Das „Lego Movie“ erstarrt nicht in Denkerpose, es dreht im Showdown auf, aber während die Kinder den 3-D-Kampf der Figürchen genießen, muss es Erwachsenen angesichts der nun erwiesenen Unfreiheit der Lego-Männchen gruseln. Wo kleine Zuschauer kichern, denken große vielleicht sogar an das Auschwitz-Modell, das der polnische Künstler Zbiginiew Libera 1996 aus Lego gebaut hat. Wie Symbole behüteter Kinderfreuden kommen einem die Steinchen nun nicht mehr vor.

The Lego Movie. USA 2014. Regie: Chris Miller, Phil Lord. Animationsfilm. 100 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.




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