Darauf aufgelistet sind die Namen von Mitgliedern der Widerstandsgruppe Schlotterbeck, die im Untergrund gegen das Naziregime gearbeitet haben und wegen ihrer Überzeugungen und ihrer politischen Tätigkeiten am 30. November 1944 hingerichtet wurden. Darunter auch der Name von Heß’ Mutter, Gertrud Lutz, geborene Schlotterbeck, sowie Heß’ Großeltern und ihrem Bruder. Unterschrieben ist der Brief von Gestapo-Obersturmführer Alfred Hagenlocher; dem Vater von Ingrid Hagenlocher.
Die eine ist Tochter eines NS-Opfers, die andere Tochter des Täters. Was denken diese beiden Frauen nach all den Jahren übereinander? Wie lebt es sich mit dieser Familienvergangenheit? Ihre Begegnungen hat der Filmemacher Hermann Abmayr 2019 festgehalten. Aufgrund mehrfacher Verschiebungen in der Pandemie wird die 30-minütige Dokumentation zum ersten Mal am Sonntag, 8. Juli 2023, im Hotel Silber zu sehen sein.
„Es war mir wichtig zu sagen, wie sehr ich mich schämte“
„Mein Vater war ein glühender Antisemit. Er hat für den Nationalsozialismus gebrannt“, sagt Ingrid Hagenlocher, die 1940 in Stuttgart geboren wurde. Doch das wusste Hagenlocher lange nicht. Mit seiner Tochter hatte Alfred Hagenlocher nie über seinen Gestapo-Posten und seine NS-Ideologie gesprochen, auch die Mutter schwieg. Für Hagenlocher war ihr Vater eher ein Mann, der nach dem Krieg im Kulturbetrieb Karriere gemacht hat. Hagenlocher zeigt auf Porträts von sich als junges Mädchen, die ihr Vater gezeichnet hat. „In diesen Zeichnungen sehe ich doch auch eine gewisse Zuneigung zu mir; und nicht nur das Martialische.“
Für seine angeblichen Dienste um Kunst und Kultur nach dem Krieg erhielt Hagenlocher im Jahr 1994 vom damaligen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Erwin Teufel, die Stauffer-Medaille. Seine NS-Vergangenheit wurde bei dem Festakt mit keinem Wort erwähnt.
Erst durch die Aufarbeitung der Geschichten von Opfern und Tätern des Nationalsozialismus im Hotel Silber in Stuttgart-Mitte, einem Gedenkort des Hauses der Geschichte, und vor allem durch eigene Recherchen wurde Ingrid Hagenlocher bewusst, dass sie in einer NS-Familie aufgewachsen ist. So erfuhr sie auch von Wilfriede Heß, die ihre Mutter Gertrud Lutz im Konzentrationslager Dachau verlor, als sie zwei Jahre alt war. Der Gedanke, was aus Heß geworden ist, ließ Hagenlocher über Jahre nicht mehr los. Sie schrieb Heß im Jahr 2013 einen Brief. „Es war mir wichtig zu sagen, wie sehr ich mich schäme“, sagt Hagenlocher. Doch Heß antwortete nicht. „Ich habe erst mal überhaupt nicht reagiert, ich wollte so was nicht“, sagt Heß in der Dokumentation. In Hagenlocher arbeitete es weiter, sie wollte nichts unversucht lassen und schrieb 2017 einen weiteren Brief. Dieses Mal antwortete Heß und lud Hagenlocher nach Berlin ein, wo Heß heute lebt. Sie habe Hagenlocher den Austausch nicht verwehren wollen, sagt Heß im Film.
„Sie ist genauso Opfer dieser Zeit wie ich oder wie alle Kinder“
Am 30. November 2019 treffen sich Hagenlocher und Heß mit Filmemacher Herrmann Abmayr in Stuttgart. Genau 75 Jahre nachdem Heß’ Mutter und weitere Widerständler ermordet worden sind. Sie begegnen sich ohne Vorwurf oder Anschuldigungen. In ihren Blicken liegen Respekt und Verständnis für die Situation der jeweils anderen. Umarmen sie sich, tun sie dies wie langjährige Freundinnen. „Sie kann ja nichts für ihren Vater. Sie ist genauso Opfer dieser Zeit wie ich oder wie alle Kinder“, sagt Heß.
Beide stehen sie vor dem Hotel Silber in der Dorotheenstraße in Stuttgart, in dem sich heute eine Ausstellung mit den Tätern und Opfern des Nationalsozialismus beschäftigt. Von 1937 bis 1945 war in diesem Gebäude die Zentrale der Gestapo untergebracht. „Stellen Sie sich vor, was 75 Jahre zurück hier los war“, sagt Hagenlocher zu Heß. Viele Jahre hatte Hagenlocher, die heute in Singen wohnt, bei ihren Besuchen in Stuttgart genau vor der Eingangstür des Hotel Silbers geparkt. „Ohne zu wissen, was dieses Haus für eine Bedeutung hat.“
Filmemacher Abmayr ist beeindruckt
Jeden Morgen wird Alfred Hagenlocher die steinernen Treppen im Haus Silber zu seinem Büro im dritten Obergeschoss hochgegangen sein. „Stellen Sie sich vor, wie mein Vater mit seinen Plänen im Kopf hier hochgestürmt sein muss“, sagt Hagenlocher, die mit Heß im Treppenhaus steht. Und auch Heß’ Mutter Gertrud Lutz wird über das Treppenhaus in die Verhörräume gelangt sein, später auch in die Verwahrzellen im Keller.
Durch die Aufarbeitung im Haus der Geschichte ist Filmemacher Herrmann Abmayr auf Ingrid Hagenlocher und Wilfriede Heß aufmerksam geworden. Schon mehrfach hat er sich in Dokumentarfilmen mit den Tätern und den Opfern des Nationalsozialismus beschäftigt. Viele würden die NS-Vergangenheit ihrer Familie bestreiten, andere wollen schweigen. „Der Mut und die Kraft, mit der Ingrid Hagenlocher ihre Familiengeschichte aufgearbeitet hat, beeindrucken mich“, sagt Abmayr.
Stolpersteine erinnern an das Verbrechen
Die beiden Frauen besuchen ein Haus in Stuttgart-Gänsheide, in das Hagenlocher 1942 mit ihren Eltern zog. Ihre Mutter verspricht ihren Kindern eine schöne Wohnung mit einem großen Garten zum Spielen. So konnte es Hagenlocher später in einem Kindertagebuch nachlesen, das ihre Mutter für sie führte. Was sie lange nicht wusste: Ihre Familie konnte hier nur wohnen, weil kurz zuvor jüdische Familien vertrieben worden waren. „Dann sind sie verschleppt und ermordet worden“, berichtet Hagenlocher. Drei Stolpersteine erinnern auf dem Bürgersteig an das NS-Verbrechen.
Ein Stolperstein liegt auch in Stuttgart-Degerloch, vor dem Haus, in dem Heß wohnte. Er wurde für Heß’ Mutter verlegt. „Im Widerstand verhaftet am 10. Juni 1944, hingerichtet am 30. November 1944 in Dachau“, steht auf der goldglänzenden Gedenktafel. Für Heß ist es gut, dass der Stein hier liegt. „Damit man nicht vergisst“, sagt sie.
Informationen zum Film
Der Film
Zu sehen ist die 30-minütige Dokumentation „Sie kann ja nichts für ihren Vater“ am Sonntag, 9. Juli 2023, um 11 Uhr im Hotel Silber. Die Veranstaltung ist kostenlos. Wilfriede Heß, Ingrid Hagenlocher und Filmemacher Herrmann Abmayr werden anwesend sein.
Das Gespräch
Am Mittwoch, 12. Juli 2023, um 19 Uhr spricht Ingrid Hagenlocher im Hotel Silber über das Leben ihres Vaters, Alfred Hagenlocher. Moderiert wird die Veranstaltung von einem Historiker des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg.