Filmtonmeister Markus Vetter Ein Welzheimer fiebert in Hollywood mit

Marcus Vetter verkabelt Alexei Nawalny für anstehende Aufnahmen. Foto: privat

Filmfans schauen gespannt auf die Oscar-Verleihung, auch Marcus Vetter. In Welzheim aufgewachsen, gehört der Filmtonmeister zum Team des nominierten Dokumentarfilms „Nawalny“ – und ist am Sonntag selbst vor Ort im Dolby Theater.

Die Filmwelt blickt am Sonntagabend vom heimischen Bildschirm aus oder vielleicht auch bei manchen Partys nach Kalifornien. Dort wandeln dann Regisseur-Ikonen im Blitzlichtgewitter ebenso über den roten Teppich wie Aktricen in atemraubenden Abendkleidern oder gestählte Schauspieler in Designeranzügen oder im Smoking. Die 95. Verleihung der Oscars schlägt einmal mehr in Bann – jedenfalls jene, die Interesse an Kinokultur, am Glanz und Glamour der Weltstars haben.

 

Einer von 3400 Gästen im Dolby Theater in Hollywood

Millionen vor den Fernsehschirmen, drängelnde Schaulustige vor dem Dolby Theater (früher Kodak-Theater), und innen können 3400 Gäste untergebracht werden. Auch in Deutschland ist das Interesse groß, wobei der Sender Pro 7 seine Übertragung in der Nacht gegen 2 Uhr beginnt, was schon einiges an Kondition von den hartnäckigen Kinofans erfordert.

Noch besser freilich wäre: Mittendrin statt nur dabei sein. Dieses Motto gilt für Marcus Vetter. Denn er ist am Sonntag nicht nur Zuschauer am Hollywood Walk of Fame. Vielmehr sitzt er selbst im Theater – und der in Welzheim aufgewachsene 53-Jährige dürfte mutmaßlich der einzige Vertreter aus dem Rems-Murr-Kreis sein, der diese hochkarätige Zeremonie aus nächster Nähe hautnah erleben wird.

20-Prozent-Chance auf den Oscar

Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Denn Vetter hat rechnerisch eine 20-Prozent-Chance, im Rahmen der Zeremonie sogar auf der Bühne zu stehen. Denn Marcus Vetter gehört zum Team des Dokumentarfilms „Nawalny“, der im Januar 2022 beim Sundance Festival seine Uraufführung feierte, und der im Mai des vorigen Jahres in die Kinos kam. Und der 99-minütige Film des kanadischen Regisseurs Daniel Roher gehört zu den fünf Werken, die für den aktuellen Oscar nominiert worden sind.

„Es ist fast nicht zu glauben, dass ich in solch einem Projekt gelandet bin“, sagt Vetter, „und jetzt bin ich auch noch bei den Oscars dabei. Ich fühle mich wie Forest Gump, sitze quasi in der ersten Reihe.“ Das Gespräch mit Vetter, der seit etlichen Jahren in Indonesien lebt, findet per Videocall bei feierabendlicher Entspannung am Strand von Bali statt, der Zeitunterschied: sieben Stunden. Dass Vetter nach Los Angeles fliegen und bei der Ehrung der Academy of Motion Pictures and Sciences überhaupt dabei sein kann, liegt daran, dass das Team eines Dokumentarfilms viel kleiner ist gegenüber einer normalen Spielfilmbesetzung mit Hunderten von Beteiligten. In der deutschen Berichterstattung überragen die neun Nominierungen des Spielfilms „Im Westen nichts Neues“ alles andere, weshalb „Nawalny in diesem Schatten leider ein bissle untergeht“, wie Vetter die Lage einschätzt.

In seinen Koffer für die Reise nach Amerika kommt ein frisch von einem Designer auf Bali gestalteter Anzug aus Batik – auf dessen Rückseite ein Motiv zu sehen sein wird, das Vetter nicht verraten will, aber das man sich denken kann. „Ich bin überzeugt, dass erstmals bei einer Oscar-Verleihung ein Batik-Anzug getragen wird“, sagt der Mann aus dem Schwäbischen, der sich fest vorgenommen hat, im Auditorium und bei der Nachfeier so viele Selfies wie nur möglich mit allen Promis zu machen.

Die anstehende, völlig überraschende Oscar-Episode passt zu dem 53-Jährigen, auf den der Begriff Multitalent zutrifft wie auf kaum einen anderen. Geboren 1970, wächst er in Welzheim im Schwäbischen Wald auf, ist in seiner Jugend häufig im etwas größeren Schorndorf unterwegs und legt am Technischen Gymnasium in Waiblingen sein Abitur ab. Während seines Zivildiensts in der Paulinenpflege Winnenden, „hat mich mein Chef immer ziehen lassen“: Vetter macht für den Stuttgarter Kabarettisten Mathias Richling nicht nur Licht und Ton bei dessen Auftritten, sondern fährt ihn auch zu auswärtigen Gastspielen, brüht ihm den Tee auf, schnipselt Artikel aus Zeitungen für mögliche Pointen auf der Bühne und lässt sich auch manchen Gag für Richling einfallen.

Die ersten Erfahrungen im tontechnischen Bereich macht er beim Rems-Murr-Bürgerradio (RMB) in Waiblingen, damals noch in einem Kellerstudio in der Dammstraße untergebracht. „Da habe ich meine Unschuld verloren“, scherzt Vetter im Rückblick. Es folgen unfassbar viele Projekte seiner Einmannfirma namens Vetterton – diese „ist ein kreatives Kraftwerk in der Audio Produktion“, heißt es im Untertitel. Er gestaltet in den folgenden Jahren als Filmtonmeister Kinoproduktionen wie „Krabat“ oder „Und morgen die ganze Welt“, Werbefilme für Firmen wie Mercedes-Benz, Festo oder W&W Versicherungen, er macht Aufnahmen für die ARD-Sportschau, sucht nach dem besten Ton für Fernsehfilme wie „Die Kirche bleibt im Dorf“ und Serien wie „Dr. Klein“, wird gebucht für Krimifolgen wie die „Soko Leipzig“ oder „Der letzte Wille“.

Klangtüftler und „elektronischer Musikfetischist“

Als wenn das nicht schon genug wäre, agiert Vetter als Produzent, Komponist und „elektronischer Musikfetischist“, wie er selbst sagt. 2002 gründet er in Berlin mit Udo Schöbel („Cleaning Women“, „Sex Angels“), den er aus gemeinsamen Jahren in den 80ern in der Stuttgarter Szene kennt, und Lea Büser den Minibeatclub, der zur Begleitband in der „Kurt-Krömer-Show“ wird. Er wird Audio Mastermind des Kult-Hörspiels „Der Weltensegler“, entwickelt elektronische Live-Performances für Tanzprojekte mit dem renommierten Choreografen Lior Lev. Und er tourt als DJ und Erfinder der „3raddisko“ mit seinem dreirädrigen mobilen Beschallungsvehikel, einst in DDR-Zeiten als Krankenfahrstuhl genutzt, durch die Lande.

Es selbst nennt sich, in Anlehnung an die modische Haute Couture, „Createur d’Audio Couture“. Ein Klangtüftler, ein Tonmensch. Man kann sagen: Es läuft bei Vetter. „Ich habe nie Kompromisse gemacht“, sagt er über sich selbst, „ich bin ein Verteidiger der Freiheit“, weshalb er auch keine größere Firma entwickeln „und einen Apparat wachsen lassen“ wollte. „Für mich läuft alles unter dem Oberbegriff Leidenschaft – man könnte sagen, ich bin ein Leidenschaftler.“

Durch Liebeskummer auf Bali gestrandet

Und all das organisiert er seit 2010 vorwiegend von Indonesien aus – wo er zunächst als Folge von Liebeskummer landete. In den ersten Tagen dort begab er sich gleich mal auf die Suche nach einem Tonstudio, um noch einen von Deutschland mitgenommenen Auftrag zu erledigen, „und dann bin ich auf David Bowie getroffen“, der in jenem Studio Aufnahmen machte. Dauerregen und ständiger Stromausfall ließen am neuen Lebensmittelpunkt zunächst mal die Laune sinken, doch schnell fühlte er sich heimisch, „Ich habe die Sprache schnell gelernt, bin ein halber Balinese“, sagt Vetter.

Von dort aus koordiniert er auch seine Projekte, die ihn immer wieder zu Ton- oder sonstigen Aufnahmen nach Deutschland oder sonst wo führen. Ideen und Aufträge habe er schon für die kommenden Jahre, bis November sei er quasi ausgebucht.

In Deutschland ist eine Basis weiterhin Welzheim, „mein Vater ist mein bester Mitarbeiter, der macht insbesondere die Buchhaltung“, sagt Vetter. Dazu hat er „seit 25 Jahren eine kleine Wohnung in Zuffenhausen“, außerdem kann er bei seiner Tochter in Berlin unterkommen. Indonesien reizt weiterhin, wo er schon etliche Ideen etwa für die Einführung der schwäbischen Laugenbrezel in Jakarta hatte. Von der ersten Pleite, als die Container im stürmischen Meer landeten, will er sich nicht unterkriegen lassen. „In Indonesien lassen sich die Ideen dreimal so schnell umsetzen wie in Deutschland mit seiner Bürokratie“, sagt Vetter, „der kulturelle Austausch, das ist eigentlich die beste Überschrift für das, was ich möchte“. Als Projekte für die nähere wie fernere Zukunft will er in Indonesien ein Filmfestival sowie eine Medienschule ins Leben rufen.

Von Bali über Los Angeles nach Frankfurt

Doch jetzt geht’s erst mal gut 13 800 Kilometer von Bali mit dem Flieger nach Los Angeles, nach der Oscar-Zeremonie dann nach Frankfurt, um in Deutschland bei zwei Folgen den Ton für die „Soko Leipzig“ zu machen. Und vielleicht reicht es auch mal wieder für einen Abstecher in die Heimat, in die Landeshauptstadt, ins Remstal oder in den Schwäbischen Wald. „Ich ziehe schon ziemlich viel um die Welt,“ sagt er, „ auch wenn ich kein Reiseverrückter bin.“

Vetters Fazit: „Ich habe schon einen sehr bunten Lebenslauf.“ So lässt sich das natürlich auch zusammenfassen.

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