Finanz-Forum Stuttgart Auch Kleinsparern drohen Strafzinsen

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„Null Zinsen bedeuten nicht Null Anlagemöglichkeiten“, meint der Finanzprofessor Hartwig Webersinke. Beim Finanz-Forum von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten ermunterte er die Anleger, mehr in Aktien und Immobilien zu investieren.

Die Deutschen scheuen die Risiken des Aktienmarktes – und verschenken damit Renditechancen, meint der Finanzexperte Hartwig Webersinke (Mitte). Unser Bild zeigt ihn mit den Chefredakteuren von Stuttgarter Zeitung und „Stuttgarter Nachrichten“, Joachim Dorfs (links) und Christoph Reisinger (rechts), beim Finanz-Forum im Haus der Wirtschaft. Foto: Horst Rudel
Die Deutschen scheuen die Risiken des Aktienmarktes – und verschenken damit Renditechancen, meint der Finanzexperte Hartwig Webersinke (Mitte). Unser Bild zeigt ihn mit den Chefredakteuren von Stuttgarter Zeitung und „Stuttgarter Nachrichten“, Joachim Dorfs (links) und Christoph Reisinger (rechts), beim Finanz-Forum im Haus der Wirtschaft. Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Für sehr große Sparguthaben verlangen einige Kreditinstitute jetzt schon Strafzinsen. In diesem Jahr müssen nach Einschätzung von Hartwig Webersinke auch etliche Normalsparer mit negativen Zinsen auf ihre Einlagen rechnen. „2015 werden wir diese Linie überschreiten“, sagte der Professor für Finanzdienstleistungen an der Hochschule Aschaffenburg beim Finanz-Forum von Stuttgarter Zeitung und „Stuttgarter Nachrichten“ im Haus der Wirtschaft.

Rechnerisch liege der Marktzins für Festgeld jetzt schon bei minus 0,2 Prozent. Mit anderen Worten: Banken, die ihren Anlegern trotzdem noch ein paar Zehntel­prozent Zinsen gutschreiben, legen dabei drauf. Ohne Strafzinsen lasse sich das derzeitige Filialnetz nicht erhalten, meint Webersinke. Der Begriff „Strafzinsen“ sei jedoch schwer vermittelbar, räumte der Experte ein. Webersinkes Vorschlag: die Banken sollten sich eine unverfänglichere Bezeichnung überlegen – „zum Beispiel Wertaufbewahrungsgebühr“. Ein Ende der Niedrigzinsphase ist nach Ansicht des Professors nicht in Sicht: „Solange Europa nicht saniert ist, werden die Zinsen weiter sinken.“ Die größten Sorgen bereiten Webersinke in diesem Zusammenhang die Euro-Schwergewichte Italien und Frankreich, in denen die nötigen Reformen gar nicht oder viel zu langsam angegangen würden.

Negative Zinsen auf Hypothekendarlehen

Während Sparern Strafabgaben auf ihre Guthaben drohen, können sich Kreditnehmer über sensationelle Konditionen freuen. In Dänemark gebe es bereits Hypothekendarlehen mit einem Zinssatz von minus 0,03 Prozent, so Webersinke. „Noch nie hat man sich so gut gefühlt, wenn man Schulden hat“, sagte denn auch der Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, Joachim Dorfs. Gleichzeitig sei es noch nie so schwer gewesen, sein Geld anzulegen. Webersinke sieht trotzdem noch Möglichkeiten für rentable Investitionen. „Null Zinsen bedeuten nicht null Anlagemöglichkeiten“, betonte er in seinem Vortrag. Dazu müssten die Anleger allerdings höhere Risiken eingehen und mehr Geld in Aktien investieren. Passend dazu warf der Professor ein Chart an die Wand, dass die Entwicklung des Deutschen Aktienindex (Dax) seit 1993 zeigte. Seitdem hat er sich etwa versiebenfacht – unterbrochen von teilweise heftigen Einbrüchen – etwa durch die Lehman-Krise im Jahr 2008. Webersinke räumte ein, dass man als Aktienanleger Disziplin und gute Nerven brauche, um Verlustphasen auszusitzen. Die weiter gesunkene Aktienquote zeigt, dass das vielen deutschen Anlegern schwerfällt.

„Aber die Gefahr einer Blase am Aktienmarkt ist doch nicht von der Hand zu weisen“, gab Dorfs angesichts immer wieder neuer Höchststände des Dax und anderer Indizes zu bedenken. Natürlich gebe es immer das Risiko von Rückschlägen, aber langfristig führe kein Weg an Aktien vorbei, entgegnete Webersinke. Seiner Meinung nach sind die Aktiengesellschaften im Dax trotz massiver Kursgewinne insgesamt nicht zu hoch bewertet. Denn gleichzeitig entwickelten sich die Gewinne der Unternehmen so positiv wie noch nie.

Konzerne stehen besser da als viele Staaten

Anders als die meisten Eurostaaten hätten viele Konzerne ihre Hausaufgaben gemacht und stünden deshalb deutlich besser da. „Mit Aktien können sie weiter teilhaben am Wachstum der Weltwirtschaft“, sagte Webersinke. Auch am Immobilienmarkt sieht er noch Chancen – allerdings mit gewaltigen regionalen Unterschieden. Außerhalb der Ballungsräume sei es teilweise schwer, ein Objekt gewinnbringend zu verkaufen.

„Es gibt keine einheitliche Anlageempfehlung“, resümierte Webersinke. Geld, das man in ein, zwei Jahren schon wieder brauche, solle man besser nicht in Aktien investieren. „Aber deshalb muss man doch nicht gleich seine gesamten Ersparnisse auf dem Festgeldkonto liegen lassen“ – nach dem Motto: „Lieber nichts bekommen als viel verlieren“. So werde vor lauter Vorsicht Vermögen vernichtet. Teilweise verhielten sich die deutschen Sparer auch sehr widersprüchlich, sagte Webersinke. Während sechs Prozent Durchschnittsrendite am Aktienmarkt vielen Anlegern mit zu großen Risiken verbunden seien, ließen sie alle Vorsicht fahren, wenn ihnen dubiose Anbieter am Grauen Kapitalmarkt jährliche Renditen von 25 Prozent versprächen.