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Finnland Finnisch für Anfänger

Von Elke Sturmhoebel aus Metsäkartano 

In der Wildnis von Nord-Savo schaut einem keiner zu, wenn man versucht, auf Skiern querfeldein zu laufen - gut so, denn das ist gar nicht so einfach.

Querfeldein auf Skiern - die ursprünglichste Form des Langlaufs. Foto: Sturmhoebel
Querfeldein auf Skiern - die ursprünglichste Form des Langlaufs. Foto: Sturmhoebel

Metsäkartano - Die meisten stellen sich ein bisschen dämlich an, aber das macht nichts. Immerhin wurde vorab ausdrücklich darauf hingewiesen, dass für die Winteraktivitäten keinerlei Vorkenntnisse vorhanden sein müssen. Nun steht Langlauf auf dem Programm. Keiner der Teilnehmer macht auf den Brettern eine gute Figur. Gerade ist schon wieder einer aus der einspurigen Loipe gekippt und hält den nachfolgenden Verkehr auf. Egal.

Die meisten sind hier, um sich mal auszuprobieren. Mal schauen, was Spaß macht und was man künftig vielleicht weiterverfolgen könnte. Das Wildnis-Resort Metsäkartano auf einer Halbinsel im Ylä-Keyritty-See, 500 Kilometer nordöstlich von Helsinki, bietet dafür alle Möglichkeiten. Jeden Tag steht eine andere Aktivität auf dem Programm: Schneeschuhwandern, Eisangeln, Eisstockschießen, Querfeldeinlaufen auf extrabreiten Skiern, Winterwandern - und Langlauf eben. Zur Entspannung wird bei Einbruch der Dämmerung die Holzsauna am See angefeuert. Doch nur die ganz Unverfrorenen trauen sich, nach dem Schwitzgang in das aufgehackte Eisloch einzutauchen.

Hier fühlt sich niemand gestört

Die dunklen Blockhäuser von Metsäkartano sind die einzigen Zeichen von Zivilisation weit und breit. Nach Rautavaara, dem nächstgelegenen Städtchen, sind es 20 Kilometer; der nächste Nachbar wohnt sieben Kilometer entfernt. Die einsame Lage ist vielleicht der Grund dafür, weshalb der „Gutshof im Wald“ - so die Bedeutung von Metsäkartano - vor 32 Jahren ursprünglich als Jugendcamp gebaut wurde. Hier fühlt sich niemand gestört. Die Natur ringsum bietet genug Raum, sich bei Spiel und Sport so richtig auszutoben. Im Winter steht dafür ein großer Fuhrpark an Tretschlitten bereit. Man stellt sich auf die Kufen, hält sich am Lenker fest, stößt sich ab und los geht’s. Kinderleicht ist das, und es macht Riesenspaß, im Stehen die Hügel runterzusausen. In Metsäkartano stehen nur Sportgeräte zur Verfügung, die mit Muskelkraft bewegt werden müssen. Auch deshalb wurde das Natur-Resort als erstes finnisches Unternehmen mit der EU-Blume, dem Ecolabel für umweltfreundlichen Tourismus, ausgezeichnet. Die Dächer der Holzhäuser tragen Schneemützen.

Eiszapfen hängen von den Traufen. Es hat die ganze Nacht geschneit, und am Morgen hat sich ein perlmuttfarbener Himmel über die Halbinsel gesenkt. Nach dem Frühstück werden die Wanderschuhe geschnürt, und drei Stunden lang geht es durch tief verschneiten Wald, vorbei an gurgelnden Bächen und Spuren im Schnee. Ein Elch muss kürzlich den Weg gekreuzt haben. Anders als Lappland oder Karelien ist Nord-Savo gänzlich unbekannt. Die Region im Osten Finnlands taucht höchstens mal in der Presse auf, wenn in Kuopio Weltcup-Wettbewerbe im Skispringen ausgetragen werden oder der Finland Ice Marathon Ende Februar auf dem Kallavesi-See ansteht.

Nord-Savo besteht zu 83 Prozent aus Wald

Manchen Zeitungen ist die Weltmeisterschaft im Ehefrauen-Tragen in der Gemeinde Sonkajärvi eine kuriose Meldung unter „Vermischtes“ wert. Dabei wird das Siegerpaar mit dem Gewicht der Frau in Bier entlohnt. Nord-Savo besteht zu 83 Prozent aus Wald, und Forstwirtschaft spielt naturgemäß eine tragende Rolle. Diese dünn besiedelte Landschaft ist Kalevala-Land. Als der Arzt und Philologe Elias Lönnrot im 19. Jahrhundert von Kajaani aus in die östlichen Provinzen wanderte, kam er durch die historische Landschaft Savo, wo er bei den einfachen Leuten Lieder, Mythen und Geschichten sammelte, die man sich zur Unterhaltung erzählte. Am Abend wird zum Festschmaus in die abgelegene „Turvekammi“ geladen. Die offene Feuerstelle im Torfhaus empfängt die Gäste mit Wärme. Auf Brettern festgenagelte Lachsseiten stehen aufrecht am Rand der Glut.

Dazu gibt es Salat, Steckrübengemüse, Kartoffeln und Piroggen. Süße Blinis mit Smetana und Marmelade sowie Kaffee vom Feuer runden das Menü ab. Als die Glut verglimmt, kriecht die Kälte hoch, und es wird Zeit aufzubrechen, die Stirnlampen aufzusetzen und durch den knirschenden Schnee zurück nach Metsäkartano zu stapfen. Ein unvergleichlicher Sternenhimmel wölbt sich über der weiß schimmernden Landschaft. Das vermeintlich Schwierigste kommt zum Schluss: Mit Skiern querfeldein laufen - die in Finnland ursprünglichste Form des Langlaufs. Praktisch sind die althergebrachten Skier im Gelände nach wie vor. Die Riemenbindung ist ähnlich wie bei Schneeschuhen. Und wie auch bei Langlaufskiern hat die Ferse freies Spiel.

Das Fell unter den Skiern soll beim Anstieg für mehr Griffigkeit sorgen. Zunächst schlurfen alle mit den ungewohnten Skiern über den See ans andere Ufer, was keinerlei Schwierigkeit bereitet. Doch im ungespurten, leicht hügeligen Gelände geraten alle ins Schwitzen - auf diesen Skiern wird jeder zum Anfänger. Doch Spaß hatten alle.

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