Firmen mit 0711 im Namen Wer hat’s erfunden?

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Kaum eine Stadt scheint sich so über ihre Vorwahl zu definieren wie Stuttgart. In der Landeshauptstadt gibt es eine Flut von Firmen mit 0711 im Titel. Was sagt das über die Stadt aus? Eine Spurensuche.

In Stuttgart spielt mittlerweile jede zweite Firma mit der Vorwahl in der Titulierung. Das erste 0711 beanspruchen aber Hip-Hopper für sich. Foto: Martin Stollberg
In Stuttgart spielt mittlerweile jede zweite Firma mit der Vorwahl in der Titulierung. Das erste 0711 beanspruchen aber Hip-Hopper für sich. Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Mittlerweile ist es 15 Jahre her, dass der Hersteller eines Kräuterbonbons aus der Schweiz eine Werbefigur erfand, die sich ins kollektiv fernsehgeschädigte Gedächtnis eingebrannt hat. Die Kunstfigur ist eine Mischung aus HB-Männchen und Marlboro-Cowboy und vollführt einen Rachefeldzug durch die halbe Welt – immer auf der Suche nach Spitzbuben, die behaupten, sie und nicht die Schweizer hätten das Kräuterbonbon erfunden. Der ziemlich penetrante Schweizer schreckt dabei nicht einmal davor zurück, unschuldige Finnen beim gemütlichen Saunieren zu stören.

Johannes Graf Strachwitz, genannt Strachi, hat sehr wenig von einem tobenden Eidgenossen. Der smarte Geschäftsmann hat Stuttgart in den 90ern popkulturell salonfähig gemacht, indem er den Boden bereitete für den Ruf der Stadt als Hip-Hop-Hochburg. Seit einiger Zeit ärgert sich der Gesellschafter zahlreicher Firmen, die mit der 0711 spielen, über den Umstand, dass es mittlerweile mehr als 30 Firmen oder Produkte gibt, die Stuttgarts Vorwahl im Titel tragen. Wer sich für eine aparte Wohnung interessiert, wird bei 0711 Suits fündig. Wer einen Wein trinken möchte, der etwas Brombeere im Abgang hat, der probiert das Rotwein-Cuvée 0711 vom Weingut Frank J. Haller. Die passenden Stuttgart-Devotionalien bekommt man im 0711 Shop im Westen. Und Stuttgarts erste Adresse für Hip-Hop-Partys ist das 0711 Büro, das Teil eines beachtlichen Firmengeflechts ist, bestehend aus den Unternehmen 0711 Livecom, 0711 Entertainment und 0711 Media – bei letzteren hat überall Strachwitz seine Finger mit im Spiel.

Kaum eine andere deutsche Stadt scheint sich so über ihre Vorwahl zu definieren wie Stuttgart. Woher kommt das? Wer hat damit angefangen?

Keimzelle liegt am Pragsattel

Die chronologisch erste 0711-Firmen-Titulierung beansprucht Strachwitz für sich. „Jean-Christoph ,Schowi‘ Ritter und ich haben 1996 einen Clubabend im Club Prag am Pragsattel übernommen. Es musste ein eigener Name her. Wir hätten einen englischen Modenamen wie ,Boogie Down Club‘ wählen können, haben uns aber entschieden, etwas lokal Verwurzeltes zu nehmen. Da haben wir uns eben bei der Telefonnummer bedient“, sagt Strachwitz. „Die Vorwahl steht eben für Stuttgart. Also hieß erst der Club so und dann unser Büro.“

Ende der 1990er Jahre war Stuttgart die wichtigste Hip-Hop-Stadt in Deutschland. Besucher aus Berlin, München oder Hamburg pilgerten auf den Pragsattel, um dort die besten DJs aus Deutschland und den USA zu erleben. Als Afrob, Massive Töne und Freundeskreis mit ihren Veröffentlichungen die Charts dominierten, machten sie die Stuttgarter Vorwahl in ihren Texten weiter bekannt. „Das ist für die Heads / die Raps aus 0711 lieben“, textete etwa Max Herre im Jahr 1999 im Freundeskreis-Charterfolg „Esperanto“.




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