Fischsterben im Möhringer Probstsee Anglerverein fordert Stadt zum Handeln auf
Ende vergangener Woche sind im Probstsee in Stuttgart-Möhringen viele Fische qualvoll verendet. Es ist nicht das erste Mal gewesen. Der örtliche Anglerverein ist sauer.
Ende vergangener Woche sind im Probstsee in Stuttgart-Möhringen viele Fische qualvoll verendet. Es ist nicht das erste Mal gewesen. Der örtliche Anglerverein ist sauer.
Aufmerksame Anwohner haben Franco Agostini am Freitagmorgen gegen 9 Uhr darüber informiert, dass im Probstsee in Stuttgart tote Fische treiben. Kurze Zeit später war der Vorsitzende des Anglervereins Möhringen mit einem weiteren Vereinsmitglied vor Ort. „Es war wirklich traurig. Wir mussten etwa 500 Kilogramm tote Fische aus dem Wasser holen“, sagt Agostini. Es seien vor allem die großen Karpfen und Hechte gewesen. Der finanzielle Schaden für den Verein belaufe sich auf 5000 bis 10 000 Euro. Doch für Franco Agostini ist das nicht der entscheidende Punkt. Ihm geht es darum, dass die Tiere qualvoll ersticken mussten. Und das war aus seiner Sicht vermeidbar.
In einer Pressemitteilung der Stadt Stuttgart klingt das ganz anders: „Dieses Fischsterben macht uns ratlos. Wir haben noch am Morgen optimale Sauerstoffwerte im Wasser gemessen. Es muss also andere Gründe geben: Blaualgen etwa oder andere Stoffe, die vielleicht in den See gelangt sein könnten“, heißt es dort.
Fakt ist, dass der Probstsee in den heißen Sommermonaten immer wieder Probleme macht. Ein so massives Fischsterben wie in diesem Jahr habe es aber noch nie gegeben, sagt der Vorsitzende des Anglervereins. Für ihn ist die Erklärung einfach: „Der See verschlammt immer mehr. An der tiefsten Stelle beträgt die Wassertiefe aktuell vielleicht noch 30 Zentimeter.“ Wenn sich dann bei hohen Temperaturen viele Algen bilden, verbrauchen diese so viel Sauerstoff, dass den Fischen die Luft zum Atmen fehlt. Das passiere vor allem nachts, denn tagsüber produzieren auch Algen Sauerstoff. Darum sei es nicht verwunderlich, dass, wenn der Sauerstoffgehalt tagsüber gemessen werde, die Werte in Ordnung seien. Doch nachts veratmen die Algen den Sauerstoff, und weil das Wasservolumen wegen der Verschlammung gering sei, sei der Sauerstoff schnell aufgebraucht, erklärt Agostini.
Wenn die Stadt vermeiden wolle, dass im Sommer regelmäßig eine große Anzahl an Fischen im Probstsee verende, müsse dieser ausgebaggert werden, fordert der Vorsitzende des Anglervereins. Dafür kämpfe er seit Jahren – bislang aber ohne Erfolg, sagt er. Der Probstsee ist ein Naturdenkmal, ein wichtiges Schilfgebiet und Lebensraum für viele Vögel. Naturschützer betonen, dass dieses Ökosystem nicht gestört werden darf. Doch Agostini argumentiert: „Letztlich ist alles vom Wasser abhängig. Auch die Vögel brauchen gesundes Wasser. Wenn die Stadt jetzt nicht endlich handelt, stirbt der Probstsee – und dann sind auch die Vögel weg.“ Natürlich sei eine Entschlammung des Sees teuer. „Doch wenn wir das Geld nicht für dieses Kleinod ausgeben, wofür dann?“, fragt Agostini.
Franco Agostini macht deutlich, wie sehr er sich über die Stadt Stuttgart ärgert – darüber, dass die Verantwortlichen nicht gehandelt hätten, und über die Aussage, dass das aktuelle Fischsterben „ratlos“ mache. Aus Sicht des Anglervereins hätte die Stadt verhindern können, dass so viele Tiere qualvoll verenden. Nun fordert Agostini „endlich eine Reaktion“. Bis dahin bleibt dem Anglerverein aber nichts anderes übrig, als die beiden für mehrere Tausend Euro selbst angeschafften Belüftungsanlagen weiter zu betreiben und die dafür anfallenden Stromkosten von etwa 180 Euro im Monat selbst zu bezahlen. Zwei weitere Belüftungsanlagen wird der Verein wohl noch finanzieren. Zudem hofft Agostini auf eine baldige Abkühlung und Regen.
Die Pressestelle der Stadt Stuttgart erklärt auf Nachfrage schriftlich: „Am Freitag hatte die Feuerwehr etwa sechs Stunden lang Frischwasser in den See gepumpt. Seitdem überwachen wir den See noch etwas engmaschiger. Die Lage am Probstsee ist bislang stabil. Es gab keine weiteren toten Fische am Wochenende.“
Bei dem relativ flachen Probstsee, der keinen Zulauf habe und allein vom Regen gespeist werde, habe die extreme Witterung mit sehr hohen Temperaturen einen großen Einfluss auf das Ökosystem. Das Wasser heize sich bei Hitze sehr stark auf. Das begünstige das Algenwachstum. Derzeit werde der See in Abstimmung mit dem Landesgesundheitsamt beprobt. Die Ergebnisse sollen Aufschluss über die Ursachen für das aktuelle Fischsterben liefern.
Auch die Stadtverwaltung erklärt, dass der Probstsee ein Naturdenkmal sei. „Das schränkt uns bei möglichen weiteren Maßnahmen sehr stark ein“, heißt es in der Stellungnahme. Daher habe man zum Beispiel noch kein stationäres Sauerstoffmessgerät installieren können, denn das würde naturschutzrechtlich einen zu großen Eingriff darstellen. Das Ausbaggern eines Sees, bei dem tote, auf dem Seegrund abgelagerte Biomasse entfernt werde, sei unter bestimmten Randbedingungen möglich. Dabei seien aber wasser- und naturschutzrechtliche Belange einzuhalten. Die Vorgaben seien individuell und besonders strikt, wenn der See unter Naturschutz stehe. Hinzu komme, dass der gesamte Prozess von der Planung bis zur Entschlammung sehr aufwendig und kostenintensiv sei. Daher könne das Tiefbauamt nur nach und nach seine Seen entschlammen – maximal einen pro Jahr. Von einer Forderung des Anglervereins, dass der Probstsee entschlammt werden solle, will die Stadtverwaltung nichts wissen.
Entschlammung
Im Winter 2020/2021 hat die Stadt unter anderem auf Drängen des Anglervereins Möhringen den benachbarten Riedsee vom Schlamm befreit. Eine etwa 50 Zentimeter dicke Schicht wurde abgetragen, am Ende waren es etwa 100 Tonnen Material. Dass sich Schlamm über die Jahre am Grund eines Sees ablagert, ist im Wesentlichen eine normale Alterserscheinung. Es mindert jedoch aufgrund der sauerstoffzehrenden Abbauprozesse die Wasserqualität. Dass das Ausbaggern sinnvoll sei, zeige der Riedsee, sagt der Vereinsvorsitzende Franco Agostini. Denn dort habe es in diesem Sommer keine Probleme gegeben.
Anglerverein Möhringen
1980 gegründet, möchte der Anglerverein Möhringen „das Bewusstsein für Umwelt und Natur in unserer direkten Umgebung anregen“, heißt es auf der Internetseite. Zu den Vereinsgewässern gehören neben dem Riedsee und dem Probstsee seit 2020 auch die beiden kleinen Seen im Rohrer Park. Zu den Vereinsaufgaben zählen „die regelmäßige Kontrolle der Wasserqualität sowie die Pflege eines ausgewogenen und artgerechten Fischbestandes, bei gezieltem Besatz mit Jungfischen“.