Sporttest Südwest Fitte Kinder – was Eltern tun können

Kinder sollten etwa 180 Minuten am Tag in Bewegung sein – und 60 Minuten davon auch so, dass sie sich anstrengen müssen. Foto: dpa//Britta Pedersen

Das Fitnessbarometer 2023 zeigt: Kinder brauchen neben Schule und Verein noch zusätzlich viel Bewegung im Alltag. Wie das gelingen kann, erklärt der Sportwissenschaftler Klaus Bös.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Es braucht eigentlich nicht viel, um die Bewegungsfreude eines Kindes zu wecken: Ein Ball, ein Seil oder ein Klettergerüst sollten schon genügen. Oder ein Baumstamm am Wegesrand – um darüber zu balancieren. „Insbesondere jüngere Kinder wollen sich sehr gerne bewegen“, sagt der Sportwissenschaftler Klaus Bös vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Wichtig ist, dass sie motiviert und angeleitet werden. Doch das geschieht offensichtlich zu wenig: Das aktuell veröffentlichte Fitnessbarometer 2023 der Kinderturnstiftung Baden-Württemberg belegt, dass die Kinder im Südwesten im Vergleich zu früheren Generationen in puncto Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer deutlich weniger fit sind. Seit dem ersten Test im Jahr 2012 wurden die Daten von mehr als 33 300 Kindern aus 227 Orten erfasst, das entspricht etwa 4,2 Prozent der Vier- bis Zehnjährigen im Land. Was die Gründe für den Leistungsrückgang sind und was Eltern, aber auch die Kommunen ändern können, um ihre Kinder zu mehr Bewegung zu animieren, zeigt diese Übersicht.

 

Wozu sollten Kinder körperlich in der Lage sein?

Dazu gibt es im Grunde keine Vorgaben, die wissenschaftlich belegt sind. „Unsere Kriterien basieren auf unseren jahrelangen Erfahrungswerten, was Kinder im Durchschnitt im Alter von drei bis zehn Jahren können“, sagt Klaus Bös. Beim jährlichen Fitness-Check der Kinderturnstiftung gibt es daher einen Motoriktest, der verschiedene Übungen vorsieht – wie das 20-Meter-Rennen, das Springen aus dem Stand oder die Rumpfbeuge, bei dem die Kinder ihren Oberkörper bei gestreckten Beinen so weit wie möglich nach unten beugen. Zudem wird danach geschaut, ob die Kinder rückwärts balancieren können oder wie schnell und andauernd sie seitlich hin und her springen können. Liegestütze, Sit-ups und ein Sechs-Minuten-Lauf sind Dinge, die Grundschüler schaffen sollten.

Wieso ist es wichtig, den kindlichen Bewegungsdrang zu fördern?

Nach Meinung des Sportwissenschaftlers Klaus Bös definieren sich schon kleine Kinder ein Stück weit über ihren Körper. „Können Kinder etwas besonders gut – wie laufen, springen, klettern oder hüpfen –, wird das von anderen in der Gruppe sehr wohl registriert.“ Demnach tragen motorische Erfolgserlebnisse und insgesamt die körperliche Fitness zum Selbstbewusstsein und zur Persönlichkeitsentwicklung bei, ist der Sportwissenschaftler überzeugt. Auch der allgemeine Gesundheitszustand verbessert sich durch viel Bewegung. Entdecken Kinder zudem schon früh die Lust an der Bewegung und wird diese gefördert, bewahren sie sich diese auch bis ins Erwachsenenalter, sagt Bös. Und das ist eine wichtige Voraussetzungen für ein gesundes Leben.

Welche Voraussetzungen brauchen Kinder, um in Bewegung zu bleiben?

Vor allen Dingen braucht es Möglichkeiten zum freien Spiel, die für die Kinder auch gut erreichbar sein sollten. Einen gewissen Vorteil haben Familien, die eher in ländlicher Umgebung aufwachsen, sagt Sportwissenschaftler Klaus Bös. Bei seinen Untersuchungen – unter anderem in Südtirol – hat sich gezeigt, dass Kinder, die in Dörfern groß werden, beim Fitness-Check oft bessere Ergebnisse erzielt haben, weil sie ihren Bewegungsdrang in der freien Natur besser ausleben konnten. „In der Stadt gibt es durchaus auch Möglichkeiten und Angebote für die freie Bewegung und das Spielen für Kinder“, sagt Bös. „Nur sind die gerade für jüngere Kinder nicht selbstständig zu erreichen.“ Es brauche deshalb oft die Begleitung der Eltern. Daher gilt es, großzügige Bewegungsräume und leicht erreichbare Zugänge zu angeleiteter Bewegung zu schaffen – beispielsweise durch Sportangebote wie Kinderturnen.

Wie viel Bewegung brauchen Kinder?

Kinder sollten etwa 180 Minuten am Tag in Bewegung sein – und 60 Minuten davon auch so, dass sie sich anstrengen müssen. Das sind nationale Vorgaben, die sich auch an denen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) orientieren. „Der organisierte Sport wie die Sportstunde in der Schule oder das Kinderturnen im Verein reicht nicht aus, um diese Vorgaben zu erfüllen“, sagt Sportwissenschaftler Bös. Schon allein deshalb, weil sich in diesen Stunden die Kinder gar nicht immer so viel bewegen: „Im Sportunterricht sollen die Kinder ja auch etwas lernen, das heißt, sie stehen auch oft da und bekommen etwas vermittelt.“ Hohe Bewegungszeiten kämen oft erst in der Freizeit zustande, beim Radfahren oder Fangenspielen.

Was können Eltern tun, um die Bewegungsfreude der Kinder zu wecken?

Sie sollten Vorbild sein, sagt Bös. Gerade bei kleinen Kinder sei es unersetzlich, ihnen beizubringen, welche Möglichkeiten es gibt, sich zu bewegen. Auch später sei es wichtig, mit den Kindern rauszugehen, mit ihnen Rad fahren oder schwimmen zu gehen. „Jede Bewegung macht noch mehr Freude, wenn man sie gemeinsam macht“, sagt Bös. Er selbst sei inzwischen Großvater und turne mit seinen Enkeln auf den Spielplätzen herum. „Und die Kinder haben einen Heidenspaß daran, wie ich mich dabei abmühe.“

Kinder für Sport-Test gesucht

Test
An den Motoriktests des Fitness-Barometers nehmen seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2012 über 30 300 Kinder zwischen drei und zehn Jahren in Kitas, Grundschulen und Sportvereinen teil. Im Vergleich mit dem bundesdeutschen Durchschnitt sind baden-württembergische Kinder nach wie vor fitter – und zwar um 6,4 Prozentpunkte. Bös führt dies auf die gute Vereinsstruktur im Südwesten zurück. Allerdings zeigt sich auch: Trotz der besseren Möglichkeiten von Vereinssport und Bewegungsangeboten verbessert sich die Sportlichkeit der Grundschüler und Kindergartenkinder nicht.

Corona
Um festzustellen, wie sich die Coronapandemie langfristig auf die Fitness der Kinder auswirkt, braucht es mehr Daten. Die Kinderturnstiftung Baden-Württemberg bittet daher pädagogische Fachkräfte in Kitas, Lehrkräfte an Schulen und Sportfachkräfte in Turn- und Sportvereinen sowie kommunale Vertreter, den kostenfreien Motoriktest für Kinder im Rahmen der Initiative Turnbeutelbande durchzuführen und sich dann vor Ort für mehr Bewegung im Alltag von Kindern zu engagieren.

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