Das ist die eine Seite: Der Flächenverbrauch geht weiter, obwohl die Landesregierung bis 2035 eine Netto-Null realisieren will. Doch derzeit werden landesweit pro Jahr Flächen in der Größe von 3250 Fußballfeldern versiegelt, sagt Klaus-Peter Gussfeld, Referent für Raumordnung beim Landesverband des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Der Flächenverbrauch für Industrie- und Gewerbegebiete habe sich von 2000 bis 2020 überproportional entwickelt – landesweit, nicht in der Region Stuttgart. Die aber ist eh so dicht besiedelt, dass der BUND-Mann folgert: „Die Grenzen des vertretbaren Flächenverbrauchs sind schon erreicht.“
Die andere Seite: Für eine „strategische“ Ansiedlungspolitik, die auf Investitionsvorhaben auch auswärtiger Unternehmen mit Zukunftstechnologien ziele, seien größere zusammenhängende Gewerbeflächen unverzichtbar, sagt Christoph Nold, Geschäftsführer der Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen der Industrie- und Handelskammer (IHK). Problem dabei: Geeignete Flächen seien im Kreis Esslingen absolute Mangelware, sie gebe es nur bei Neuausweisungen auf bisher unbebautem Grund. Der Platz für zukunftsträchtige Wertschöpfungsketten ist aus Nolds Sicht existenziell für die wirtschaftsstarke Region, die sich aber in einer „tiefgreifenden Transformation“ befinde. Ohne neue Flächen ziehe man bei der Konkurrenz um attraktive Ansiedlungen den Kürzeren, nehme die Abwanderung hiesiger Firmen in Kauf. Gussfeld indes fordert, genau diese Konkurrenz der Kommunen zum Schaden der Umwelt zu beenden. Er plädiert für die Planung neuer Gewerbegebiete, wenn überhaupt, im Rahmen „größerer Zusammenhänge, etwa Landkreise“.
„50 000 Arbeitsplätze werden wegfallen“
Thomas Kiwitt, Technischer Direktor beim Verband Region Stuttgart, präzisiert den Transformationsprozess: In dem von der Automobilindustrie geprägten Raum hängen „rund 50 000 Arbeitsplätze unmittelbar an Komponenten für Verbrennungsmotoren“. Sie fallen absehbar weg, daher werden „Flächenangebote für zukunftsfähige Arbeitsplätze benötigt – etwa im Bereich alternativer Antriebstechniken“. Natürlich könne man auch warten, bis Industrieareale der auslaufenden Produktionszweige frei werden. Doch dann sind die Konkurrenzkämpfe um innovative Betriebe bereits gelaufen. Vom Ruhrgebiet bis zur ehemaligen amerikanischen Autometropole Detroit seien große Pläne für die Folgenutzung „meistens nicht erfolgreich“ gewesen.
Bleibt also nur Pest oder Cholera? Flächenfraß oder Niedergang von Wirtschaft und Wohlstand? Ganz so kompromiss- und alternativlos wollen weder Umweltschützer Gussfeld noch Nold und Kiwitt die Lage sehen. „Im Einzelfall braucht es sicherlich auch neue Gewerbeflächen – allerdings in deutlich geringerem Umfang als heute“, räumt der BUND-Referent ein. Umgekehrt sehen der IHK-Mann und der Vertreter der Region sehr wohl das „Spannungsfeld“, in dem sich Neuausweisungen in einer der am dichtesten besiedelten Gegenden Deutschlands bewegen. Wenn es denn neue Flächen sein müssen, plädieren sie ebenso wie Gussfeld für ökologisch wenig sensibles Terrain in der Nähe vorhandener Verkehrsadern und für effiziente Nutzung, zum Beispiel durch „höhere Gebäude“ (Nold) oder Verzicht auf „großflächige ebenerdige Parkplätze“ (Gussfeld). Ein Modellprojekt könnte in Ostfildern entstehen: Der neue, elf Hektar große Gewerbepark Scharnhausen West soll klimaneutral und mit zentraler, also platzsparender Infrastruktur funktionieren.
Wenige neue Gewerbegebiete im Landkreis
Er ist neben dem Weilheimer Rosenloh, wo sich der Brennstoffzellenhersteller Cellcentric ansiedeln will, sowie Projekten in Nürtingen und Kirchheim eines der wenigen neu geplanten Gewerbegebiete im Landkreis, sagt Kreiswirtschaftsförderer Markus Grupp. Auf Gemarkung der Stadt Esslingen etwa seien „eigentlich keine Flächen mehr verfügbar“, teilt Rathaus-Sprecher Niclas Schlecht mit. Die Stadtverwaltung konzentriere sich auf „Innenentwicklung“ – die Um-, Nach- oder Neunutzung von Strukturen oder Brachen innerhalb bestehender Gebiete.
Dass die Innenentwicklung Vorrang haben müsse, ist Konsens von BUND bis IHK. Nur weisen die Wirtschaftsvertreter auf zahlreiche Hürden hin: Beispielsweise sei das Flächenangebot in Bestandsgebieten oft zerstückelt und in Privatbesitz, könne also „nicht für eine gezielte Ansiedlungspolitik der Kommunen verwendet werden“, sagt Grupp. Laut Kiwitt verringern auch Umwidmungen zu Mischgebieten samt strengerem Immissionsschutz eine industrielle Nachnutzung mit hoher Verkehrsbelastung und Lärm. Nold bedauert deshalb, dass neue Gewerbegebiete laut einer Umfrage der Region unpopulär sind. Die Hälfte der Projekte sei zuletzt durch Bürgerentscheide gekippt worden – im Kreis Esslingen das Gewerbegebiet Hungerberg bei Dettingen.
Immerhin hält sich der Kreis einen sparsamen und effizienten Umgang mit Gewerbeflächen zugute. Zwischen 2016 und 2021 – jüngere Zahlen liegen nicht vor – seien nur 24 Hektar neu hinzugekommen, sagt Grupp. Besonderer Trumpf dabei: Pro Hektar seien rechnerisch 486,5 Arbeitsplätze entstanden – im regionalen Mittelwert nur 100 bis 150.
Flächen und Bedarf
Neuausweisung
Im Kreis Esslingen bewegt sich der Zuwachs an neuen Gewerbeflächen in den vergangenen Jahren zwischen 0,67 Prozent (2021) und einem Rückgang um 0,17 Prozent (2018). In absoluten Zahlen nahm die Gewerbefläche seit 2016 um 24 Hektar zu. Ebenfalls rückläufig, aber in weniger starkem Maße, auch im Verhältnis zum gesamten Flächenneuverbrauch, ist die Neuausweisung von Gewerbegebieten im gesamten Land (Zuwachs 2017: 1,37 Prozent; 2021: 0,68 Prozent).
Branchen
Beobachtungen der Esslinger Stadtverwaltung zufolge geht die Nachfrage nach Büroflächen seit Corona zurück, der Bedarf sei gedeckt. Im Bereich der Produktion oder kombinierter Büro- und Produktionsflächen sei die Flächennachfrage nach wie vor größer als das Angebot.
Brachen
Laut Kreiswirtschaftsförderer Markus Grupp werden auch im Kreis Esslingen auf dem Markt befindliche Gewerbe- und Brachflächen „schnellstmöglich von Unternehmen oder der Immobilienbranche erworben“. Damit stünden sie „für eine gezielte Ansiedlungspolitik der Städte und Gemeinden“ nicht zur Verfügung.