Flüchtlinge in Stuttgart Der steinige Weg der Familie Khalaf

Jeden Sonntag kommt Familie Khalaf zusammen, dann ist Familienrat. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Sechs Jahre war die elfköpfige jesidische Familie Khalaf zerrissen, erst seit 2017 sind alle neun Kinder in Deutschland. Fast alle leben in Stuttgart. Die Integration läuft vorbildlich – und das hat Gründe.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Stuttgart - Sonntags ist Familienrat bei Khalafs. Dann wird es eng im Wohnzimmer, aber auf die vier Sofas, die den Raum fast komplett ausfüllen, passen sie gerade so. Neun Kinder zwischen neun und 26 Jahren haben Awso Khalaf Hussein und seine Frau Amsha. Nur die fünf Jüngsten leben noch bei ihnen in Bad Cannstatt, die älteren haben eigene Wohnungen. „Aber hier ist unser Lebensmittelpunkt“, sagt Walid, ältester Sohn, zweitältestes Kind. Gerne empfängt die Familie Gäste, dann türmen sich auf den zwei Couchtischen die Köstlichkeiten. „Um unsere Familie hat sich ein Dorf gebildet“, sagt er, ein Dorf aus Stuttgarter Freundinnen und Freunden. Ihnen wollten sie danken.

 

2016 hat unsere Zeitung schon einmal über die jesidische Familie aus dem Nordirak geschrieben. Damals, weil eines der neun Kinder in der Türkei im Flüchtlingslager zurückbleiben musste – alle anderen waren in Stuttgart. Die Sorge um den zurückgebliebenen Amer war groß. „Jeder Tag war eine Qual“, erinnert sich Walid.

Der 24-Jährige lebt am längsten in Stuttgart. Im Oktober 2011 kam er als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling am Bahnhof an. Drei Monate hatte die Flucht, bei der er in einem Lastwagen fast erstickt wäre, gedauert. Seine erste Stuttgarter Erinnerung ist, wie er aufgegriffen wurde, man ihm Handschellen anlegte und wie eine Polizistin diese sorgsam mit ihrer Mütze verbarg. Diese Geste hat ihm viel bedeutet. Er habe sogar mal überlegt, Polizist zu werden, sagt Walid.

Die Zerreißprobe dauerte eineinhalb Jahre

Seiner Familie schaffte es gerade noch rechtzeitig in die Türkei, bevor die Terrormiliz IS Anfang August 2014 die jesidischen Dörfer im Sindschargebirge überrannte. Im März 2015 erreichte Vater Awso Khalaf Hussein dann mithilfe von Schleppern mit zwei Geschwistern Deutschland. Ende April 2016 folgte Mutter Amsha mit fünf weiteren minderjährigen Kindern über die Familienzusammenführung nach. Nur Amer erhielt, weil er 18 war, keine Einreiseerlaubnis. Noch eineinhalb Jahre sollte die Zerreißprobe dauern, bis die Familie – mehr als sechs Jahre nach Walids Aufbruch – komplett war.

Nun geht es zum Jurastudium nach Würzburg

Der älteste Sohn hat sich immer verantwortlich gefühlt für die anderen zehn. Er war bei Behördengängen dabei, hat Anträge ausgefüllt, Schulen ausgewählt, Elternabende besucht, Wohnungen gesucht. „Ich habe mehr gemacht als ein Sozialarbeiter“, sagt Walid. Kein Wunder, dass er zunächst in der Schule nicht mehr so gut war wie vorher, als er nur für sich sorgen musste. Da hätte er sich mehr Verständnis von Lehrerseite gewünscht. Trotzdem machte er seinen Weg – von der Hauptschule bis zum Abitur. Nun ist Walid offiziell Deutscher – im Juli hat er seine Einbürgerungsurkunde abgeholt. Und er kann zum ersten Mal etwas loslassen. Er studiert ab November Jura in Würzburg, ist aktuell auf Wohnungssuche. „Alle sind auf einem guten Weg“, sagt er stolz. Fünf Geschwister sind noch in der Schule, eine Schwester steht kurz vor der Fachhochschulreife, will Waldorflehrerin werden. Ein Bruder ist in der elften Klasse am Technischen Gymnasium der Werner-Siemens-Schule. Zwei Geschwister machen eine Ausbildung: Manifa (26) wird Zahnarzthelferin, Anwer (23) Friseur.

Auch Amer ist nicht abgerutscht. Einem Nachbarn der Familie ist es zu verdanken, dass alles gut ausgehen sollte. Der setzte sich für den Jesiden bei seinem Arbeitgeber in Nagold ein. So konnte Amer am 14. Oktober 2017 aus der Türkei einreisen. Zwei Tage später, am 16. Oktober, begann die Ausbildung zum Fachlageristen. Als einer der besten habe Amer abgeschlossen, berichtet die Familie stolz. Er wurde übernommen, zahle entsprechend seine Steuern.

Zwei Tage nach der Ankunft begann die Ausbildung

So wie den Nachbarn, der Amer half, hat es viele Menschen gegeben, die die Familie unterstützt haben. Viele Namen fallen. Eine ältere Stuttgarterin ist darunter, die für Walid beste Freundin und wie eine Großmutter zugleich ist. Und auch die Hausärztin, die immer ein offenes Ohr gehabt habe – und nun Sandirelas älteste Freundin ist, die ihr jedes Jahr Ballettkleidung kauft. Dankbar sind sie auch dem methodistischen Pastor im Ruhestand, ohne den sie nicht in Bad Cannstatt wohnen würden. Walid hatte in einem Pflegeheim ehrenamtlich eine ältere Dame betreut. Bei ihrer Beerdigung kam der Pastor auf den jungen Jesiden zu. Wenn er mal Hilfe brauchen sollte, solle er sich melden. So kam die Familie später zu ihrer neuen Bleibe.

Der Vater war früher Taxifahrer

Nun besucht Vater Awso regelmäßig den Gottesdienst in der methodistischen Kirche, obwohl er einen anderen Glauben hat. Der 48-Jährige war in seiner Heimat Taxifahrer. Dass er keine Arbeit hat, schmerzt ihn. Den europäischen Führerschein hat er nachgeholt, gerade hat ihm das Jobcenter eine Qualifizierung zum Staplerfahrer genehmigt. Die Familie hofft, dass er eine Stelle findet.

Eines nach dem anderen. Afrah, die 15-Jährige, weiß noch, wie schwer ihr die erste Zeit an der Waldorfschule fiel: „Ich wusste gar nicht, wie man für Tests lernt.“ Eltern aus der Schule halfen ihr mit dem Deutschlernen. Inzwischen hat sie keine Probleme mehr. Für Bruder Walid steht fest: „Sie wird das Abitur schaffen“ – das traut er auch Saeed und Sandirela zu. Vielleicht werde sie Ärztin, sagt die Neunjährige. Das würde ihrem Bruder gefallen, dem wichtig ist, dass die Geschwister ihr Potenzial ausschöpfen, sich nicht mit der Opferrolle begnügen. Er freut sich auf den neuen Lebensabschnitt. Doch seine Stuttgarter Freunde werde er vermissen: „Sie sind meine Heimat.“

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