Flüchtlinge in Syrien Letzte Zuflucht Kurdistan

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Eine Heimat auf Zeit: Im nordirakischen Domiz leben rund 50.000 Syrer in einer Zeltstadt, weil die Familien mit ihren Kindern vor den Kämpfen in Syrien geflohen sind. Es fehlt an Platz, Wasser und Perspektiven.

Eine Heimat auf Zeit im Nordirak: vor den  Kämpfen in Syrien sind viele Familien mit ihren Kindern  geflohen- Foto: AFP
Eine Heimat auf Zeit im Nordirak: vor den Kämpfen in Syrien sind viele Familien mit ihren Kindern geflohen- Foto: AFP

Dohuk - Regen verwandelt das Camp in eine Schlammwüste. Das Wasser weicht den staubigen Untergrund auf und spült alles davon, was nicht fest im Boden verankert ist. Damit wenigstens ihre Schlafplätze trocken bleiben, haben die Bewohner oft mehrere Zeltplanen übereinander geschichtet. An diesem Morgen kündigt sich wieder ein Unwetter an, dunkle Wolken ziehen von den benachbarten Kandil-Bergen herüber. Sich abwechselnde Unwetter und Sandstürme machen den Menschen die ohnehin schwere Zeit im Flüchtlingslager Domiz zur Qual.

Es ist eine absurde Vorstellung, dass mitten in dieser trostlosen Umgebung neues Leben beginnt. Täglich kommen hier Kinder zur Welt. Die Zahl der Bewohner der Zeltstadt wächst somit nicht allein durch die mehreren Hundert Neuankömmlinge, die sich jeden Tag über die rund 60 Kilometer entfernte syrisch-irakische Grenze retten. Auch das dritte Kind von Refa und Nadim könnte unter einer Plane geboren werden. Refa ist im achten Monat schwanger, der dicke Bauch unter ihrem von der Sonne ausgeblichenen T-Shirt ist nicht zu übersehen. Die 35-Jährige hat Angst: „Meine beiden Kinder sind per Kaiserschnitt zur Welt gekommen“, sagt sie. In wenigen Tagen soll eine Ultraschalluntersuchung klären, ob auch dieses Mal eine Operation nötig ist. Die Krankenstation des Camps wäre dafür nicht ausgelegt, Refa müsste in eine Klinik in der nahe gelegenen Provinzhauptstadt Dohuk.

Geflohen aus Damaskus

Die Umstände sind schwierig, aber besser als in Refas Heimat, wo das Gesundheitssystem längst kollabiert ist und viele Menschen überhaupt keinen Zugang mehr zu medizinischer Versorgung haben. Das war auch der Grund, weshalb die kurdische Familie vor fünf Monaten aus der syrischen Hauptstadt Damaskus geflohen ist. Zuflucht haben sie in der autonomen Region Kurdistan im Nordirak gefunden. Zu viert leben sie auf wenigen Quadratmetern.

Nur ein paar Meter weiter teilen sich 15 Mitglieder einer Großfamilie ein Zelt. Sie sind zu Fuß aus ihrem Heimatdorf in der grenznahen Provinz Hasakah geflüchtet, nachdem dort mehrere Bomben eingeschlagen haben. „Viele Menschen sind ums Leben gekommen und auch unser Haus wurde zerstört“, sagt Suleyman. Die Versorgung mit Lebensmitteln im Camp sei in Ordnung, berichtet der 48-Jährige, „aber wir brauchen mehr Zelte“.

Das Lager platzt aus allen Nähten

Seit die Kurden im Irak die Grenzen für ihre Brüder und Schwestern aus dem vom Bürgerkrieg zerstörten Syrien geöffnet haben, sind nach offiziellen irakischen Angaben mehr als 160 000 Menschen gekommen. Allein rund 50 000 von ihnen – überwiegend Frauen und Kinder – leben in Domiz. Das vor gut einem Jahr eröffnete Lager platzt aus allen Nähten. Neue Aufnahmelager in den benachbarten Provinzen Erbil und Suleymania sind zwar geplant, aber noch nicht eröffnet. Nach Angaben des Hilfswerks der Vereinten Nationen haben mehr als 3500 Familien keine Unterkunft. „Wir müssen rasch eine Lösung für unser Platzproblem finden“, sagt Khalid Hussein Qassim, der Leiter des Camps, der den Besuchern in einem Baucontainer Tee servieren lässt. In den Sommermonaten wird es regelmäßig 50 Grad und wärmer. Die Gefahr von Seuchen steigt.