Flüchtlingspolitik Nachts holt die Polizei Jugendliche aus dem Bett

Junge alleinstehende Männer stehen ganz oben auf der Liste, wenn Abschiebungen vollzogen werden. Das wirkt sich auch massiv auf die Arbeit der Jugendhilfeträger im Kreis aus, die junge Flüchtlinge betreuen. „Bei uns wurde kürzlich mitten in der Nacht ein junger Mann von der Polizei zur Abschiebung abgeholt“, berichtet Michael Weinmann vom Waldhaus in Hidrizhausen. Nun fürchteten sich auch die anderen Jugendlichen.

„Sechs unserer Afghanen haben einen Ablehnungsbescheid erhalten“, sagt Cordula Breining, die Bereichsleiterin beim Waldhaus. Drei weitere warteten auf die Asylentscheidung. Auch bei diesen rechne man mit Ablehnungen. „Unser Eindruck ist, egal, welche Geschichte die Jungen mitbringen, es interessiert nicht. Es trifft auch traumatisierte Jugendliche, die mit ansehen mussten, wie ihr Vater getötet wurde oder die selbst gefoltert wurden“, sagt sie.

Alle diese jungen Männer seien vor anderthalb Jahren als Minderjährige nach Deutschland gekommen und werden in der Jugendhilfeeinrichtung betreut. Jetzt werden sie nach und nach 18 und müssen zur Anhörung des Bundesamts für Migration. „Nach wenigen Wochen kommt dann die Ablehnung“, berichtet Breining. .

Auch traumatisierte Jugendliche müssen gehen

„Dabei seien die Jugendlichen sehr motiviert. „Sie besuchen alle die Schule und engagieren sich zum Teil ehrenamtlich.“ Ein Jugendlicher helfe regelmäßig im Altenpflegeheim, ein anderer im Leonberger Tafelladen. Nun sagen die Jungen: ‚Deutschland will mich nicht“, berichtet die Sozialpädagogin.

Man schaue sich nun genau an, in welchem Fall eine Klage gegen die Ablehnung sinnvoll sei. Das Problem sei, dass das pro Person 1000 Euro koste. Die müssten die mittellosen Jugendlichen selbst bezahlen. Deshalb würde nun das Waldhaus die Kosten übernehmen. Wie aussichtsreich eine solche Klage ist, darüber wagt Siegfried Dierberger, der Anwalt des Waldhauses, keine Prognose.

Auch Rolf Gutmann, der Anwalt der Familie Rezaei aus Renningen, kann die Chancen für seine Klienten nur schwer einschätzen. „Die Verwaltungsgerichte haben Berge von Fällen zu bearbeiten.“ Allein Rolf Gutmann vertritt momentan 50 Einzelpersonen oder Familien aus Afghanistan. Sein Eindruck: „Das Bamf bearbeitet im Moment bevorzugt die Anträge von Afghanen und Irakern.“ In den Bescheiden steht laut Cordula Breining vom Waldhaus zumeist der Satz: „Junge gesunde Männer haben trotz der schwierigen Lage im Land die Chance, in Großstädten sich ein Leben am Rande des Existenzminimums aufzubauen.“ Als besonders zynisch empfand sie den Hinweis in einem Bescheid an einen ihrer Schützlinge „Das Bamf erklärt erst, dass ein junger Mann in Afghanistan überleben kann und ein paar Sätze weiter, dass junge Männer sich in manchen Gebieten oft den Taliban anschließen würden, weil es sonst keine Möglichkeit zum Überleben gäbe.“