Folgen des Coronavirus Wenn der Friseurstuhl stundenlang leer bleibt

Von Caroline Holowiecki 

Am Flughafen Stuttgart sind die Fluggastzahlen seit Corona massiv eingebrochen. Das wirkt sich auch auf die dort befindlichen Geschäfte aus. Gewerbetreibende sind durch den Schwund in ihrer Existenz bedroht – wie Emanuel Vasilescu.

Emanuel Vasilescu sagt, er fühle sich manchmal wie „Kevin allein zu Haus“. Foto: Caroline Holowiecki
Emanuel Vasilescu sagt, er fühle sich manchmal wie „Kevin allein zu Haus“. Foto: Caroline Holowiecki

Stuttgart/Leinfelden-Echterdingen - Unweigerlich lächelt Emanuel Vasilescu ins Telefon. Der Friseur versteckt nicht, dass er sich freut, dass jemand anruft. „Ich habe ein paar Termine, heute ist ein schöner Tag“, sagt er der Kundin am anderen Ende der Leitung. Bereits eine Stunde später könne er sie drannehmen. Im Salon „Styling Lounge“ am Flughafen Stuttgart haben Interessenten aktuell die freie Auswahl. „Morgen habe ich meinen ersten Termin um 17.30 Uhr“, sagt der 31-jährige Inhaber. Er stellt klar: „Ich bin oft allein.“

Corona hat Emanuel Vasilescu das Geschäft ruiniert. Er spricht von zwei Drittel weniger Kunden. Die Hauptklientel im Haarsalon: Businessleute, die nach und ab Stuttgart fliegen, Messe- und Hotelgäste. Sie alle fehlen seit Monaten. Auf dem gesamten Gelände ist wenig los.

Fürs erste Halbjahr hat der Airport einen drastischen Nachfrageeinbruch bei den Passagieren von 68,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr vermeldet. Die Zahl der Flugbewegungen reduzierte sich um nahezu 60 Prozent auf unter 25 000 Starts und Landungen. Im April war die Start- und Landebahn wegen Bauarbeiten 17 Tage lang sogar komplett geschlossen. In der Konsequenz bleiben im Terminal 1 die Frisierstühle leer. „Ich fühle mich oft wie Kevin allein zu Haus“, sagt Emanuel Vasilescu. An manchen Tagen drehe er im Geschäft die Musik lauter, damit er sich nicht so einsam vorkomme. Denn auch diese Stammkunden bleiben weg: die Geschäftsleute aus den umliegenden Firmen. „Die sind im Homeoffice, und wer in Ludwigsburg wohnt, kommt nicht zum Haareschneiden“, sagt er.

Immerhin: Treiber ist auch Monate später noch da

Nicht nur für den Friseur hat Corona dramatische Folgen. Katharina Treiber-Fischer, die Junior-Chefin der Bäckerei Treiber, berichtete im April, dass das Geschäft am Flughafen um etwa 90 Prozent eingebrochen sei – dabei sei der Standort sonst einer der stärksten im Filialnetz. Immerhin: Treiber ist auch Monate später noch da. Bei gut der Hälfte der mehr als 80 Gastronomen, Händler oder Dienstleister, die auf der Homepage des Flughafens aufgeführt sind, steht indes online „vorübergehend geschlossen“.

Die Verbliebenen haben zumeist angepasste Öffnungszeiten. Claudia Eitelbuß etwa, die Filialleiterin im Wäsche-Geschäft Hunkemöller, hat die Verkaufszeiten von Montag bis Samstag um fünf Stunden täglich reduziert, an Sonntagen gar um acht Stunden. Grund: Der Kundenzähler am Eingang registriert nur noch ein Viertel der Menschen im Vergleich zum Vorjahr. „Das ist traurig, sehr, sehr traurig“, sagt sie. Auch im nahen Café ist es einsam geworden. Die Angestellte Jennifer Masciali berichtet von einem Tagesumsatz, der vom vier- in den dreistelligen Bereich gerutscht ist. „Ich bin 20 Jahre hier, so was habe ich noch nie erlebt.“

Gemeinsam durch die Krise gehen

Die Flughafen Stuttgart GmbH versucht, die Gewerbetreibenden zu unterstützen, etwa mit Werbeaktionen. Einigen Shops wurde die Miete teils erlassen. „Im Gegenzug muss der Partner eine längere Vertragslaufzeit akzeptieren, da sprechen wir von fünf Jahren. Es ist uns wichtig, mit den Partnern gemeinsam durch diese Krise zu gehen“, lässt Walter Schoefer, Sprecher der Geschäftsführung, mitteilen.

Emanuel Vasilescu ist seit 2016 selbstständig. Sein Salon sei vor Corona gut gelaufen, „es funktionierte wunderbar“. Aktuell aber fährt er nach eigenen Angaben ein monatliches Minus von 3000 Euro ein, „trotz Kurzarbeit und ohne, dass ich aus dem Laden etwa wegnehme“. Azubis musste er weitervermitteln, Teilzeitkräfte pausieren. Sein Fazit ist vernichtend: Eigentlich lohne sich das Geschäft nicht mehr. Der Vater zweier Kinder sagt: „Hätte ich kein Vertrauen in Gott, wäre ich mit Antidepressiva unterwegs.“




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