Folgen des Zugunglücks in Mannheim Gewerkschaft EVG stellt Strafanzeige

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Exklusiv Nach dem Zugunglück Anfang August in Mannheim will die Gewerkschaft EVG Strafanzeige stellen. Wegen Körperverletzung und gefährlichen Eingriffs in den Zugverkehr. Nach Erkenntnissen der EVG könnte der Lokführer ein Leiharbeiter sein.

Beim Zusammenstoß eines Güterzugs mit einem  Eurocity-Zug  in Mannheim waren Anfang August  mehrere   Waggons umgekippt. Foto: dpa
Beim Zusammenstoß eines Güterzugs mit einem Eurocity-Zug in Mannheim waren Anfang August mehrere Waggons umgekippt. Foto: dpa

Stuttgart - Die Eisenbahnverkehrsgewerkschaft (EVG) macht Druck wegen des Bahnunfalls in Mannheim, bei dem Anfang August 35 Menschen verletzt wurden. „Wir werden nun Strafanzeige wegen Körperverletzung und gefährlichen Eingriffs in den Zugverkehr stellen“, sagte ein Sprecher von EVG-Chef Alexander Kirchner der Stuttgarter Zeitung. Das verantwortliche Bahnunternehmen ERS Railways in Rotterdam habe die Anfrage der EVG zur Qualifikation des beschuldigten Lokführers nicht beantwortet und die Frist ohne Reaktion verstreichen lassen.

Die Staatsanwaltschaft und die Bundespolizei ermitteln bereits wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen den Lokführer des Güterzugs von ERS, der auf dem Weg von Duisburg nach Ungarn war und dabei auch gefährliche Chemikalien transportierte. Bei der Einfahrt in den Hauptbahnhof Mannheim rammte der Güterzug den mit 250 Passagieren besetzten Eurocity 216 der Deutschen Bahn aus Graz und brachte zwei Waggons zum Entgleisen.

Der Lokführer soll dabei drei Rotsignale überfahren und eigenmächtig automatische Zwangsbremsungen ohne Erlaubnis vom Stellwerk aufgehoben haben. „Die Identität und Qualifikation des Lokführers sind weiterhin unklar“, sagte der EVG-Sprecher. Nach Erkenntnissen der Gewerkschaft soll es sich um einen Leiharbeiter handeln, der bei einem Personaldienstleister beschäftigt sei.  Die holländische ERS, eine Tochterfirma der britischen Gesellschaft Freightliner, arbeite hauptsächlich mit Leiharbeitern.

ERS Railways lässt offen, ob es ein Leiharbeiter war

ERS Railways B.V. wies diese Vorwürfe in einer Pressemitteilung zurück. Man bedauere den Unfall und arbeite zur Aufklärung eng mit den Ermittlungsbehörden zusammen. Der verunglückte Güterzug habe alle Vorschriften auch für den Transport von Gefahrgut erfüllt. Der Lokführer habe 30 Jahre Berufserfahrung, sei „vollständig ausgebildet“ und habe eine „beispielhafte Vergangenheit im Führen von Güterzügen“.  Er verfüge über das nötige Wissen zum Steuern der Lok und zum Streckenabschnitt.

Ob es sich um einen Leiharbeiter handelt, ließ ERS offen. In Holland fahre man den Güterverkehr „größtenteils“ mit eigenem Personal, heißt es. Das Unternehmen organisiert nach eigenen  Angaben seit 20 Jahren Güterzüge in Europa und nutzte als eines der ersten die Möglichkeiten des liberalisierten Bahnmarkts. Man habe von den nationalen Aufsichtsbehörden Lizenzen für den Verkehr in Holland, Belgien, Deutschland und Österreich erhalten. Dazu sei auch der Nachweis eines ausreichenden Versicherungsschutzes nötig gewesen.

Diesen Schutz wird ERS voraussichtlich brauchen, denn allein der Sachschaden in Mannheim geht in die Millionen. Beschädigt wurden neben dem Güterzug und den Waggons des EC 216 auch Weichen, Gleise sowie die Leit- und Sicherungstechnik. Die Deutsche Bahn, die für den EC und die Infrastruktur zuständig ist, rechnet mindestens mit einem hohen sechsstelligen Betrag, der ersetzt werden muss. EVG-Chef Kirchner, der auch Vizechef des DB-Aufsichtsrats ist, will im Kontrollgremium darauf dringen, dass der Staatskonzern den Schadenersatz umfassend geltend macht.

Kontrolldefizit ist ein Sicherheitsrisik0

Die großen Bahngewerkschaften in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg sehen in den Kontrolldefiziten beim europäischen Schienengüterverkehr ein Sicherheitsrisiko. „Im deregulierten Europa gibt es keine vernünftigen Kompetenzen und Zuständigkeiten bezüglich staatlicher Kontrollen, diese Schlupflöcher werden nach Kräften ausgenutzt“, warnte Kirchner jüngst bei einem Treffen der Gewerkschaftschefs in Sofia. Die Ausbildung, die Fahrerlaubnis und die Fahrzeiten der Lokführer würden zu wenig überprüft und dies sei „ein zunehmendes Problem“.

Guy Greivelding, Präsident des luxemburgischen Landesverbandes, fordert daher einheitliche Prüfungsverordnungen, in denen die Mindestausbildung, die Prüfungsanforderungen und die  Qualifikation der Prüfer festgeschrieben sind. Der österreichischer Bundessekretär Schiene, Dietmar Weiss, verlangt europaweit koordinierte Kontrollen und die Einführung digitaler Fahrtenschreiber, damit Arbeits- und Fahrzeiten im grenzüberschreitenden Schienenverkehr überprüfbar werden.