Stuttgart - Die deutsche Klimatologin Friederike Otto hat Methoden entwickelt, um für einzelne Hitzewellen den Anteil des Klimawandels zu berechnen. Das soll helfen, Gegenmaßnahmen zu forcieren.
Sie untersuchen, ob eine Dürre eine Folge des Klimawandels ist. Dabei ist Klima doch eine langfristige Angelegenheit.
Es gibt zwei Effekte, wie Klimaänderungen auf das Wetter wirken. Sind mehr Treibhausgase in der Atmosphäre, steigt die Temperatur. Dadurch gibt es erhöhte Wahrscheinlichkeiten für Hitzewellen und geringere für Kältewellen. Gleichzeitig enthält wärmere Luft mehr Wasserdampf, der muss als Regen wieder herunterfallen. Im globalen Mittel gibt es daher mehr Niederschläge. Dazu kommt ein zweiter Effekt. Indem wir die Zusammensetzung der Atmosphäre verändern, verändern wir auch ihre Zirkulation, also wo Wettersysteme entstehen und wie sie sich bewegen. Die zwei Effekte können sich überlagern, sodass mehr Regen kommt, oder sie können sich aufheben, sodass die Wahrscheinlichkeit für ein Extremereignis nicht verändert oder sogar geringer wird.
Wie berechnen Sie den Einfluss der Menschen?
Wir simulieren zum einen, welches Wetter in dem heutigen Klima möglich ist. Daraus lässt sich ableiten, wie extrem das Ereignis ist, ob es sich um ein 100-Jahr-Ereignis oder ein 50-Jahr-Ereignis handelt. Zugleich berechnen wir die Wahrscheinlichkeit für ein solches Ereignis in einer Welt ohne Klimawandel, indem wir die menschengemachten Treibhausgase herausnehmen. Wenn man die beiden Wahrscheinlichkeiten vergleicht, bekommt man entweder heraus, dass der Klimawandel eine bestimmte Hitzewelle, Dürre oder Überflutung wahrscheinlicher gemacht hat oder keinen Einfluss darauf hatte.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Nehmen wir die Hitzewelle vom Sommer 2018. Schaut man die Temperaturen im Juli in Kopenhagen an, stellen wir fest: So etwas findet im aktuellen Klima alle sieben Jahre statt. In einer Welt ohne Klimawandel würde man eine ähnliche Hitzewelle nur alle 35 Jahre erwarten. Das heißt, der Klimawandel hat die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer solchen Hitzewelle verfünffacht. Ohne den Klimawandel wäre die Temperatur dort 2018 zwei Grad geringer gewesen.
Trockensommer waren im Mittelalter keine Seltenheit. Ist das ein Widerspruch?
Nein. Extremwetterereignisse haben mehrere Ursachen. Neben den Treibhausgasen sind es natürliche Schwankung im Wetter und großskalige Klimaschwankungen. Im Mittelalter gab es eine Warmzeit, in der es eine vermehrte Sonneneinstrahlung gab, dadurch waren Hitzewellen wahrscheinlicher.
Wie solide sind die Aussagen, die Ihr Forschungszweig machen kann?
Das hängt stark davon ab, um welche Art von Ereignis es sich handelt und welche Region betroffen ist. Bei Hitzewellen in Europa oder Extremregenfälle in den meisten Gegenden der Welt sind unsere Aussagen gut abgesichert. Aber bei Dürren ist Ostafrika sind die Unsicherheiten sehr groß, weil wir für diese Gegend viel weniger Wetterdaten haben. Hinzu kommt, dass längerfristige und weitreichende Schwankungen wie El Niño für Europa kaum einen Einfluss haben, in anderen Teilen der Welt aber schon.
Ihr Ansatz ist unter Klimaforschern umstritten. Der statistische Trend sei das zuverlässigere Argument, sagen sie.
Wir sind vorsichtig, was unsere Methoden angeht. Wir verwenden verschiedene Modelle, um möglichst robuste Aussagen zu machen. Wenn eine Hitzewelle auftritt, dann stellen viele die Frage nach dem Anteil des Klimawandels. Die sollten wir als Wissenschaftler beantworten, bevor es andere mit einer politischen Agenda tun. Und wir können an diesen Beispielen zeigen, wie Klimawandel wirkt. Steigende Mitteltemperaturen sind nicht greifbar und bringen niemanden um. Aber Extremereignissee sind die wahre Bedrohung.
Und der zweite Grund?
Wenn etwas passiert, dann öffnen sich Fenster für politische Entscheidungen. Nach der Hitzewelle 2015 in Andhra Pradesh, bei der mehr als 2500 Menschen gestorben sind, haben die Behörden festgelegt, dass jeder Ort einen Plan entwickeln muss, wie die Bevölkerung vor Hitzewellen geschützt werden sollte. Bei dem nächsten Ereignis gab es deutlich weniger Todesopfer. Wir haben bei den Studien in Indien aber noch eine weitere Entdeckung gemacht, die mich ziemlich besorgt.
Was haben Sie herausgefunden?
Der Klimawandel hat einen Anteil an den regelmäßigen Hitzewellen dort. Aber die lokalen Sulfataerosole, die aus ungefilterten Industrieabgasen stammen, die haben ungefähr den gleichen Effekt auf diese Hitzewellen, nur in die andere Richtung. Das heißt, die Luftverschmutzung maskiert den Effekt des Klimawandels.
Wenn man die Abgase besser reinigt, gibt es noch stärkere Hitzewellen in Indien?
Genau. Auch in Europa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Luft viel sauber und die extremen Sommertemperaturen stiegen sichtbar an. Was nicht heißen soll, dass man in Indien die Luft nicht reinigen soll. Dort sterben mehr Menschen an Atemwegserkrankungen als durch Hitzewellen.
Wenn es um Schuld geht, müssten wir dann alle auf die Anklagebank?
Wir sind alle Teil des Systems, das auf fossilen Brennstoffen aufgebaut ist. Aber diejenigen, die bei „Fridays For Future“ demonstrieren, sind nicht in dem gleichen Maße verantwortlich wie wir, die wir viele Jahre Zeit hatten, Parteien zu wählen, die sich für Klimaschutz einsetzen. Genauso sind Energiekonzerne mehr Schuld als andere. Sie wissen, dass sie mit ihrem Geschäftsmodell der Umwelt schaden. Ob sich daraus eine juristische Schuld ableiten lässt, ist eine andere Frage.