Der Mann aus Berghülen, 20 Kilometer nordwestlich von Ulm, ist Teil des Sicherheits- und Logistikteams an Bord des Forschungsschiffes Polarstern, das eingeschlossen in Meereis monatelang durch das Nordpolarmeer treibt. Sein Job ist es unter anderem, das driftende Camp mitsamt seiner Besatzung zu sichern – auch vor Eisbären. Mit einer Infrarotkamera, mit Scheinwerfern und mit Nachtsichtgeräten scannt Honold von der Schiffsbrücke aus oder bei Einsätzen auf dem Eis die Umgebung. Und reagiert, wenn etwa ein Bär den Alarmzaun mit installierten Leuchtraketen auslöst. Oder wenn es auf dem Eis einen Unfall gibt. Das Rettungskonzept für solche Szenarien hat Honold selbst mitentwickelt. Fragt man ihn nach seinem persönlichen Highlight bei der Mosaic-Expedition, nennt er die Begegnung mit dem Eisbären.
86 Grad Nord, 121 Grad Ost. Die Polarstern driftet eingeschlossen in einer Scholle mit aktuell 0,2 Knoten nordwärts – jeden Tag etwa zehn Kilometer. Draußen sind es an diesem Tag minus 17 Grad Celsius, durch den Wind gefühlt minus 28. Drinnen sitzt Honold in einer Pause in seiner Zweierkabine und verschickt Nachrichten via Satellit. Er ist einer von 100 Menschen, die derzeit auf dem Forschungseisbrecher Polarstern sind: 64 Wissenschaftler, 36 Besatzungsmitglieder, darunter auch ein Chirurg, eine Krankenschwester, Dokumentarfilmer, Köche.
Mit den Daten, so die Hoffnung, könnten Prognosen zum Klima genauer werden
Insgesamt ist der Eisbrecher ein Jahr lang in der Arktis unterwegs. Die Moasic-Expedition ist die größte bislang durchgeführte Forschungsexpedition dieser Art: 300 Wissenschaftler aus 19 Nationen werden am Ende Messungen durchgeführt und Daten gesammelt haben. Damit, so die Hoffnung, könnten die Veränderungen in der Arktis besser abgebildet und Prognosen zum Klimawandel genauer werden.
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Die Arbeit unter extremen Bedingungen ist für Honold nichts Neues. Als Bordmechaniker und Helipilot bei der Bundeswehr entdeckte er Bergsport und Kletterei – und seine Leidenschaft für Bergexpeditionen. Später bildete er bei den Gebirgsjägern Bergführer aus und gründete schließlich in Blaubeuren das Unternehmen Alpine Welten, seine eigene Bergschule. Seither hat er Expeditionen auf Sieben- oder Achttausender im Himalaya geleitet, war auf Grönland, Spitzbergen und zu Fuß am Südpol. Seit ein paar Jahren betreuen er und sein Team das Alfred-Wegner-Institut in Bremerhaven und schulen Wissenschaftler und Piloten für den Einsatz in der Arktis oder Antarktis.
An manchen Tagen ist Honold auf der Brücke, an anderen auf dem Eis
Für den Sicherheitsmann beginnt ein Arbeitstag im Expeditionscamp um halb acht mit dem Frühstück. Wochentags gibt es frisch gebackene Brötchen, sonntags auch Müsli, Pfannkuchen und Eier. Danach kommt die erste Schicht. An manchen Tagen ist Honold auf der Brücke, von wo aus er den Betrieb auf dem Eis via Funk kontrolliert. An anderen Tagen ist er für Arbeiten an der Infrastruktur eingeteilt, baut am Bärenzaun ums Camp, an Hochsitzen, kümmert sich um neue Risse und Brüche im Eis, legt Kabel und Straßen frei und baut Sicherheitskonstruktionen. Oder er begleitet Forscher aufs Eis, achtet auf ihre Kleidung, ihren Gesundheitszustand und behält die Umgebung im Blick. „Für uns Guides und Guards ist das jeden Tag eine Herausforderung“, sagt Honold. Sind Spalten im Eis zu erkennen, ist es dick genug, um Mensch und Maschine zu tragen? Riskiert jemand von den Forschern Erfrierungen, weil er mit dünnen Handschuhen arbeitet? Jemanden ins Krankenhaus zu bringen, würde Wochen dauern – und wäre das Ende der Expedition. „Die Spannung geht bei uns nicht raus.“
Nach drei, vier Stunden Einsatz ist dann erst mal Pause. Lange hält man es bei bis zu minus 31 Grad nicht draußen aus. „Wegen der Kälte essen wir hier gerne etwas deftiger“, sagt Honold. Rindsroulade mit Rotkraut, Knödeln und Kroketten zum Beispiel. Abends dann Grünkohleintopf und Wurst- und Käsebrot. „Frische Ware wie Salat gibt es seit Monaten nicht mehr.“ Auch Milch oder Butter sind zwischendurch rationiert, weil die Menge knapp ist.
Der Stimmung an Bord scheint das nichts anzuhaben, man sei guter Dinge, sagt Honold. Der bunt zusammengewürfelte Haufen habe sich zu einem Team geformt. Tagsüber geht man zusammen aufs Eis. Abends werden die Tischtennisplatten, der Tischkicker, der Fitnessraum oder Schwimmbad und Sauna genutzt. Sogar Fußball wurde schon auf dem Eisfeld neben dem Schiff gespielt – mit eigens aufgebauten Scheinwerfern und mit Wachen. „Auf dem Server liegen genug Filme, und interessante Gespräche bietet das Team allemal“, sagt Honold. Zum Advent gab es sogar Weihnachtsdeko, Nüsse und Kekse. Und dienstags, donnerstags und samstags hat die Bar auf, das Zillertal. „Die Sonne ist für mich das einzige, was richtig fehlt.“
In ein paar Tagen endet für Honold der Einsatz auf der Polarstern
Denn Sonnenstrahlen haben die Leute an Bord der Polarstern zuletzt Ende Oktober gesehen. Seitdem ist es ständig dunkel, nur die drei großen Suchscheinwerfer des Schiffs und die Stirnlampen erhellen die Umgebung. Trotz Vitamin-D-Tabletten und Tageslichtlampen hat die Dunkelheit einen Einfluss. „Gefühlt ist man deutlich müder als sonst“, sagt Honold.
Wenn in ein paar Tagen die Dranitsyn kommt, ein russischer Versorgungseisbrecher, werden 63 Tonnen Material über das Eis umgeschlagen. Damit können die Vorräte für die nächsten Monate in der arktischen Isolation aufgefüllt werden. Für die künftige Versorgung soll mit schweren Pistenbullys eine Landebahn für Flugzeuge angelegt werden. Dafür war das Eis bislang zu dünn. Bis zum Frühjahr wird dann die wesentliche Aufgabe sein, die Messsysteme am Laufen zu halten und Daten auszuwerten. „Was wir schon jetzt sagen können ist, dass 2019 ein Rekordjahr mit der geringsten Meereisausdehnung der Arktis war“, sagt Honold. Die Folgen des Klimawandels seien nicht zu übersehen.
Für den Mann aus Berghülen geht es mit der Dranitsyn auf den wochenlangen Heimweg Richtung Deutschland. Das Besatzungs- und Forschungsteam wird gewechselt, Honold wird von einem Bergführer aus seinem Team abgelöst. Leicht fällt ihm der Abschied nicht: „Es gibt angeblich einen Polarvirus“, sagt er: „Wenn man einmal dort war, wird man davon infiziert. Ich kann das für mich bestätigen.“