Forstbericht in Grafenau Der aussichtslose Kampf gegen den Borkenkäfer

Wo auf Trocken- und Hitzestress der Borkenkäfer folgt, haben Fichten und anderen Nadelbäume kaum eine Chance. Foto: Eibner/Groder

Um einen ebenso faszinierenden wie erschreckenden Waldbewohner ging es zuletzt in einem Forstbericht im Grafenauer Gemeinderat. Aber nicht nur dort geht der Kampf gegen den Borkenkäfer jetzt in eine neue Runde – mit wenig Aussicht auf Erfolg.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Erschreckend erfolgreich – so lässt sich ein Waldbewohner beschreiben, der beispielhaft für die sicht- und spürbaren Folgen des Klimawandels steht. Die Rede ist vom Borkenkäfer, der in der Forstwirtschaft großen Schaden anrichtet. Warum das so ist und welche Ausmaße das Problem mittlerweile angenommen hat, haben Alexandra Radlinger und Thomas Widmayer am Mittwochabend in der letzten Sitzung des Grafenauer Gemeinderats erklärt.

 

Radlinger ist stellvertretende Leiterin im Amt für Forsten im Böblinger Landratsamt, Widmayer ist sowohl für den Aidlinger als auch für den Grafenauer Gemeindewald zuständig. In ihrem Ausblick für den Forstbetrieb im laufenden Jahr sprachen die beiden über einen winzigen und doch übermächtigen Gegner, der nicht nur Forstleuten in Grafenau große Sorgen bereitet.

Der Borkenkäfer kappt die Lebensadern der Bäume

Buchdrucker, Kupferstecher, Krummzähniger Tannenborkenkäfer. So heißen die drei häufigsten Arten, mit denen sich Thomas Widmayer in dem 326,5 Hektar großen Grafenauer Gemeindewald herumschlagen muss. Die Käfer legen ihre Eier verborgen und damit für die Waldschützer schwer erkennbar unter der Rinde ab. Dort fressen die Larven die wichtigsten Schichten und unterbrechen so den Saftstrom. Ohne diese Lebensadern stirbt der Baum.

Dabei, so Alexandra Radlinger, ist der Borkenkäfer in unseren Gefilden ein alter Bekannter und bestens erforscht. Bislang galten die Insekten vor allem als „Sekundärschädlinge“. Das heißt, sie kommen erst dann zum Zug, wenn die Bäume durch Hitze und lange Trockenheitsperioden bereits geschwächt sind. „Durch Massenvermehrung werden sie jetzt aber zum Primärschädling, der auch gesunde Bäume befällt“, sagt Radlinger. Dass es in den letzten Monaten viel und häufig geregnet hat, hilft leider nur wenig. Durch die Trockenheit der vergangenen Jahre seien die Bäume einfach zu gestresst.

„Borkenkäfer sind echte Profiteure vom Klimawandel“, sagt die Forstbeamtin. In ihrem Vortrag vor dem Grafenauer Gremium erklärt sie, was den Borkenkäfer so faszinierend und so gefährlich macht. Eine entscheidende Rolle spielt die Fähigkeit, seine Entwicklungsgeschwindigkeit anzupassen und bei entsprechender Wärme und Trockenheit von zehn auf vier Wochen zu verkürzen.

Hinzu kommt die exponentielle Vermehrung. „Ein Weibchen hat im Schnitt 20 Nachkommen. 1600 Weibchen bringen einen Baum zur Strecke“, rechnet Radlinger vor, wie die Käferzahl von der ersten bis zur dritten Generation schnell in die Millionen und die Anzahl der befallen Bäume in die Tausende gehen kann. In früheren Jahren, mit kalten Wintern und regelmäßigeren Niederschlägen, habe es eine Borkenkäferpopulation meist nur auf eine oder zwei Generationen gebracht. „Weil die Vegetationszeit aber immer früher anfängt und immer länger dauert, können sie jetzt mehr Generationen bilden“, erklärt Alexandra Radlinger.

„Wir versuchen, so viel Wald zu retten, wo es geht.“

Die rasante Vermehrung und der anfangs oft lange unentdeckte Befall macht die Bekämpfung des Borkenkäfers so schwierig. Hinzu kommt, dass die Schädlinge über Pheromone miteinander kommunizieren, weswegen beim Fällen und Abtransportieren befallener Bäume höchste Eile geboten ist.

„Wir versuchen, so viel Wald zu retten, wo es geht“, sagt Gemeindeförster Thomas Widmayer, „aber den Käfer kann man de facto nicht mehr aufhalten.“ Den Hiebsatz, also die geschlagene Holzmenge, zu reduzieren und jeden gesunden Baum zu schonen, sei deshalb das einzig Vernünftige. Genau das tut die Gemeinde schon seit einigen Jahren. Auch dieses Jahr macht der außerplanmäßige, zum Beispiel durch Befall entstandene Holzeinschlag mehr als die Hälfte der gesamten Nutzung aus. Im Grafenauer Forstbetriebsplan sieht die Prognose dennoch recht positiv aus: Bei geplanten 1200 Festmeter Holzeinschlag rechnet Widmayer nach Aufrechnung von Aus- und Einnahmen mit einem Gewinn von knapp 6000 Euro.

Schon seit Jahren habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Fichte in unseren Gefilden nicht standortgerecht sei und in den nächsten 30 bis 50 Jahren verschwinden würde. „Wir sind aber schon jetzt am Ende“, sagt Widmayer, der deshalb nicht einen Nadelbaum einpflanzen lässt in diesem Jahr.

„Der Wald profitiert auch von Störungen“.

„Als Mischbaumart werden wir weiter Fichten haben. Aber in der Form von Reinbeständen gehören die hier nicht hier her“, sagt Kathrin Klein. Laut der Försterin im Forst BW Forstbezirk Schönbuch macht der Fichtenanteil im Moment rund 13 Prozent des Gesamtbestands aus. Noch vor sieben Jahren lag man bei 17 Prozent. Dass der Bestand schon bald die Zehn-Prozent-Marke unterschreiten werde, sieht Kathrin Klein aber auch positiv: „Der Wald ist ein dynamisches System, das sich nicht konservieren lässt. Er profitiert auch von solchen Störungen wie dem Borkenkäfer“, ist sie überzeugt, dass der Verlust bei den Fichten für andere Arten auch ein Gewinn sein kann. „Das ist ja das Schöne an der Natur“, sagt die Forstbeamte.

Der Borkenkäfer als Klimakrisengewinner

Günstige Bedingungen
 Milde Winter sowie und häufige und langanhaltende Trocken- und Hitzeperioden machen dem Borkenkäfer das Leben deutlich leichter. Unter den veränderten Klimabedingungen sind die Tiere aktiver, vermehren sich schneller und bilden wegen der verlängerten Vegetationszeiten mehr Generationen als früher üblich.

Exponentielles Wachstum
 Der Buchdrucker als häufigster und gefährlichster Borkenkäfer an der Fichte vermehrt sich mit rasantem Tempo: Aus einem einzigen Käferpärchen werden so über 100 000 neue Käfer. Drei Generationen bedeuten, dass aus einem befallenen Baum (1. Generation) 20 Bäume (2. Generation) und daraus 400 Bäume (3. Generation) werden.  

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