Fotograf dokumentiert Aufwachsen der Söhne Wie Stuttgarter Teenager in der Pandemie lebten
Wie werden Teenager in Krisenzeiten groß? Das dokumentiert der Stuttgarter Fotograf Oliver Raschka am Beispiel seiner Söhne.
Wie werden Teenager in Krisenzeiten groß? Das dokumentiert der Stuttgarter Fotograf Oliver Raschka am Beispiel seiner Söhne.
Die Brüder stehen dicht an dicht. Der kleinere legt den Kopf von hinten auf die Schulter des Großen, drückt die Wange platt, schielt nach vorn unten, wohl auf das, was der Bruder in den Händen hält, das Bild aber nicht zeigt. Ein Smartphone womöglich, ein Buch, irgendeinen Zeitvertreib. Vielleicht ist da auch nichts.
Wenn der Stuttgarter Oliver Raschka ein Bild bestimmen soll, das für die Pubertät seiner Söhne in den Jahren der Pandemie steht, dann ist es dieses. „Sie waren sich vollkommen einig, das gerade etwas ins Leere läuft“, sagt der Vater.
Über den Augenblick hinaus erzählt Raschkas Foto mehr über die Brüder in diesem Lebensabschnitt zwischen zehn und 14 Jahren. Über die Dialektik von Abgrenzung und Nähe zueinander und über einen anderen Widerspruch: „Da ist das Maskuline, die Energie. Aber da ist auch Müdigkeit, Schwere, Lethargie“, sagt Raschka – und ist bei Prinzipiellem angekommen: Seine Schwarz-Weiß-Bilder geben anhand des Alltags der Jungen Einblicke in das Gefühlsleben ihrer Generation, wie sie in Zeiten von Corona, Wirtschafts- und Klimakrise groß wird.
Immer hat der Stuttgarter Fotograf die Kamera griffbereit, um den Alltag der Teenager abzubilden. Sein Ziel: Momente unvoreingenommen und ungestellt einzufangen. Er lässt die Dinge geschehen, bleibt Fotograf, stiller Beobachter.
Sein erster Bildband „The world ain’t enough . . .“ (Die Welt ist nicht genug, Bummbumm Books, 39 Euro) zeigt Fotos aus den ersten zehn Jahren. Die Kinder versteckt in großen Kisten, als Cowboy und Drachen verkleidet. Mal dem Himmel so nah auf dem Trampolin, mit Gitarre als (Tiktok?-)Stars. Mit abwaschbaren Tattoos zur Krawatte, Riesenkaugummiblase vor dem Gesicht, im Kopfstand oder einfach mal auf die Straße gelegt, die Hände in die Luft gereckt. Es sind Momente, wie sie jeder kennt, der Kinder hat, aber die nur selten in Familienalben kleben, weil sie verstreichen, ohne dass ein Finger am Auslöser war. Lebenslust, Verrücktheit, unbändigste Verzweiflung und Glück innerhalb weniger Sekunden – beiläufig bildet sich der Kern des Kindseins ab.
Ernster ist der zweite Band über die Pubertätsjahre, der bald erscheint. Sie fielen mit der Pandemie, ihren Regeln und Schranken zusammen. Wie so viele saß die Familie daheim, dünnhäutig geworden zwischen Heimarbeit und Heimschule. Viel Handy, mal Kranksein, aber auch Zeit alle zusammen – das war schön und anstrengend. Auf den Fotos scheinen Langeweile und Verunsicherung auf, mal in Rangeleien, mal in großer Innigkeit.
Aber „Tween“ (Teenager) ist kein Coronatagebuch, sondern erzählt vom Großwerden, von einer Zeit, in der sich das Teenagergehirn komplett neu organisiert und umbaut. „Die Kinder schlüpfen ein zweites Mal. In der Familie muss sich jeder neu positionieren. Ich merke, dass die Jungs sich von uns als Eltern abgrenzen und dann wieder Nähe suchen“, sagt Oliver Raschka. Alle suchen sich neu: Kinder, aber auch Mutter und Vater.
In seinen Bildern spiegeln sich für Oliver Raschka auch die eigenen Jugendjahre. Er findet Parallelen. „Damals wie heute geht es um Themen wie Freundschaft und Liebe, Überforderung, Rebellion, Verantwortung“, sagt Raschka. Auch seine Generation habe eine Ausnahmesituation erlebt: den Reaktorunfall in Tschernobyl 1986, da war er 13. „Mein Vater hat als Polizist den Katastrophenschutz unterstützt. Wir lebten mit dem Geigerzähler im Haus.“ Auch die politische Situation hat er ähnlich erlebt. Die Gefahr traf die Menschen unvorbereitet.
Im Gegensatz zu seinen Söhnen allerdings hätten sie damals keine Smartphones gehabt, nicht diesen „Informationsüberschuss“. Er beobachtet: All die Krisennachrichten gehen mit den überschießenden Gefühlen und Hormonen einen Cocktail ein, der überfordern kann. Mit den Söhnen ins Gespräch zu kommen, die Ebene des neutralen Fotografen zu verlassen, auch das vermögen seine Bilder. Die Sichtung macht die Familie gemeinsam. Demokratisch wird entschieden, welche Bilder auf Raschkas Instagram-Account oder in den Bildbänden gezeigt werden und welche nicht. Die Söhne sind dann manchmal ganz erstaunt und fragen: „Wann hast du denn dieses Bild gemacht!?“
Bildband
Am 5. Juni erscheint der Bildband „Tween“ im Verlag Bummbumm Books (128 Seiten, 45 Euro).
Instagram
Mehr Bilder und Infos gibt es auf Instagram.com/oliverraschka