Fotograf Kai Wiedenhöfer in der Q-Galerie Schorndorf Als die Mauer fiel, hat er nur noch schnell Spaghetti gegessen

Großflächig und eindrucksvoll: Mit der Schau „Confrontier“ in der Schorndorfer Q-Galerie zeigt Kai Wiedenhöfer eine globale Auswahl seiner fotografierten Mauern und Grenzzäune. Foto: /Gottfried Stoppel

Kai Wiedenhöfer hat Fotografie und Arabisch studiert. Seit den Studenten 1989 die Weltpolitik mitriss, ist der Nahe Osten ein Schwerpunkt. Er erhielt Stipendien und Preise. Die Q-Galerie Schorndorf zeigt die Schau „Confrontier“.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Manche Details verblassen mit der Zeit, werden überlagert von wichtigeren Bausteinen. Andere Kleinigkeiten sind für immer mit einem großen Ereignis verbunden und eingebrannt ins Gedächtnis. So weiß Kai Wiedenhöfer immer noch ganz genau, was er am späten Abend des 9. Novembers 1989 gegessen hat. „Wir haben gegen 23 Uhr noch schnell ein paar Spaghetti verschlungen und sind dann losgefahren nach Berlin.“ Der heute 57-Jährige weiß das deshalb noch so genau, weil es eine historische Fahrt zum Berliner Mauerfall war.

 

Kai Wiedenhöfer wurde von der Weltgeschichte mitgerissen

Kai Wiedenhöfer hatte just ein Fotografiestudium in Essen begonnen, um Bildjournalist zu werden, als er von der Weltgeschichte mitgerissen wurde. Er saß gerade in einer Vorlesung, als er vom Fall der Berliner Mauer hörte. Mit einem Peugeot 205 GTI, dem Auto eines Freundes, rasten die jungen Männer durch die Nacht und erreichten im Morgengrauen gegen 4.30 Uhr Berlin. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen des geschichtsträchtigen Ereignisses waren der Beginn von Kai Wiedenhöfers Lebensthema – Grenzzäune, Sperranlagen und Mauern.

Seine Werke werden aktuell in der Q-Galerie in Schorndorf gezeigt

Seine Fotografien dazu, quasi eine globale Auswahl, werden unter dem Titel „Confrontier“ aktuell in der Q-Galerie in Schorndorf gezeigt. Statt plakativen Aufnahmen von Kriegsschauplätzen sind es großflächige Fotografien, die recht nüchtern daher kommen und damit umso mehr darauf aufmerksam machen wollen, welches Leid sich an vielen Orten der Welt abspielt. Männer, Frauen und Kinder sterben beim verzweifelten Versuch, die von Menschenhand errichteten Barrieren zu überwinden.

In Israel und Korea, im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet, in Nordafrika und Belfast, auf Zypern und im Irak war der preisgekrönte Fotograf, der fließend Arabisch spricht, für seine Aufnahmen unterwegs. Von der Kleinbildkamera hat er dafür extra zu der langsamen Panoramakamera gewechselt. „Die ist sehr präzise und perfekt, um die Dimensionen der Mauern und Sperranlagen zu fotografieren“, sagt er.

Der 57-Jährige ist seit seiner Jugend politisch sehr interessiert

Für den ohnehin seit der Jugend politisch interessierten Mann, der in Villingen-Schwenningen geboren ist, waren seitdem die Weichen gestellt. Den ersten Kontakt mit der Kamera hatte er für die Abi-Zeitung. Doch seit dem Erlebnis Mauerfall gab es kein Halten mehr, und Wiedenhöfer war nicht mehr oft in Deutschland anzutreffen. Bereits 1991 ging er als junger Mann nach Damaskus, um Arabisch zu studieren. Seine internationalen fotojournalistischen Arbeiten führten ihn 18 Monate nach Gaza, aber auch nach New York, Paris und London. Doch der Nahe Osten hatte es ihm vor allem angetan. Im Mittleren Osten arbeitet er seit 1989. Er war für die Agentur „Lookat Photos“ in Zürich tätig, hatte als Auftraggeber auch den „Stern“, „Geo“ und die „New York Times“- Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen – zuletzt den Alexia Grant, den World Press Award, die Leica Medal of Excellence und den W. Eugene Smith Grant in Humanistic Photography. Es sind auch Bildbände von ihm erschienen.

Wie viele Menschen glaubte Wiedenhöfer als Student, dass Mauern als Instrument der Politik ausgedient hätten. Doch das Gegenteil ist der Fall – Mauern erleben noch heute eine Renaissance. Als Folge von politischen, wirtschaftlichen, religiösen und ethnischen Konflikten wurden in den USA, in Europa und im Nahen Osten erneut Grenzmauern errichtet. Kai Wiedenhöfer fotografierte sie – zehn Mauern, zehn Bilder – und gab den Werken den Titel „Confrontier. Die Mauern dieser Welt“.

Für seine Arbeit verschlug es den 57-Jährigen immer wieder auch in extreme Konfliktregionen. Teils war er unmittelbar in Gefahr, etwa im syrischen Aleppo. „Das war Wahnsinn. Einmal kam es zu einem direkten Beschuss aus einem Kampfpanzer, eine Granate schlug nicht weit von uns ein. Aber ich kann damit umgehen und habe keine Albträume, sonst könnte ich das nicht machen.“

Die Fotografie war Mittel zum Zweck, Missstände aufzuzeigen.

Die Fotografie war Mittel zum Zweck, um Missstände aufzuzeigen. Die Gründe, die zum Bau sinnloser Mauern führten, müssten auf politischer Ebene gelöst werden. „Nur, wo Mauern fallen, kann es Frieden geben. Nicht, wo sie errichtet werden“, sagt Wiedenhöfer. Seit 2006 ist er unterwegs, um die Mauern der Welt einzufangen. Und auch wenn es im Leben des Fotografen aktuell ruhiger zugeht und er mehr Zeit in der Wahlheimat Berlin oder beim Rennradfahren in den Bergen verbringt, seine Reiselust ist ungebrochen. „Jüngst war ich in der kanadischen Arktis wegen der Eisschmelze. Doch manchmal ist es mit der Motivation schwierig, es ist so vieles im Argen.“

Dauer Die Ausstellung des Fotografen Kai Wiedenhöfer ist noch bis zum 5. November in der Q-Galerie in Schorndorf zu sehen.

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