InterviewFotograf Leif Piechowski über Stuttgart in Coronazeiten „Solche Szenen hätte ich nie für möglich gehalten“

Strahlender Sonnenschein und trotzdem kaum Menschen unterwegs – Stuttgart in Coronazeiten. Foto: /Leif-Hendrik Piechowski 21 Bilder
Strahlender Sonnenschein und trotzdem kaum Menschen unterwegs – Stuttgart in Coronazeiten. Foto: /Leif-Hendrik Piechowski

Wenn es sein Terminplan zulässt, läuft unser Fotograf Leif-Hendrik Piechowski jeden Tag zweieinhalb Stunden durch Stuttgart. Weil er die Stadt im Ausnahmezustand festhalten will.

Stuttgart - Wäre der Hintergrund nicht so ernst, erzählt der Fotojournalist Leif-Hendrik Piechowski von der Agentur Lichtgut im Interview, könnte man sich über so manchen Anblick in diesen Tagen freuen.

Herr Piechowski, eine Frage, um die man in diesen Tagen nicht herumkommt: Geht es Ihnen gut?

Ja, ich bin topfit, wenn man von dem Heuschnupfen absieht, den ich jedes Jahr bekommen. Aber ich mache mir natürlich schon so meine Gedanken und passe einfach auf, so gut es eben geht.

Ich habe gehört, Sie tragen gelegentlich einen Mundschutz.

Ja, den hat meine Frau mir genäht – und den habe ich immer dabei. Ich trage ihn in der Bahn oder wenn ich zu Terminen mit mehreren Leuten gehe.

Und der schützt vor Viren?

Keine Ahnung. Kein Mensch weiß ja, ob so ein Mundschutz gegen Corona hilft. Aber wenn du so ein Ding trägst, gehen die Leute automatisch ein wenig auf Distanz. Insofern wirkt der Mundschutz zumindest aus psychologischer Sicht.

Wir Journalisten können oft Termine am Telefon erledigen. Ein Luxus, der Ihnen verwehrt ist.

Stimmt. Ich kann meine Fotos nicht herbeitelefonieren. Also gehe ich auf Termine oder mache jeden Tag meinen zweieinhalb stündigen Rundgang durch Stuttgart. Auch weil es mich interessiert, wie die Stadt mit so einer Ausnahmesituation umgeht, wie sie sich verändert. Dabei fange ich Alltagsszenen ein, die ich so nie für möglich gehalten hätte.

Zum Beispiel?

Als die Geschäfte schließen mussten, haben etliche Ladenbesitzer nach zwei, drei Tagen ihre Auslagen leer geräumt. Das war schon ein beängstigender Anblick, so als müssten wir bald mit Plünderungen rechnen. Oder wenn du Leute einsam mit Mundschutz über den Schlossplatz gehen siehst, das sind Bilder, die sich einprägen. Oder die Schlangen vor den Bäckereien und Metzgern. Mich erinnert das an die DDR, nur, dass die Leute dort nicht so viel Abstand ließen.

Kurzum, Sie haben die Stadt, in der Sie schon lange leben, so noch nie gesehen.

Nein, vor allem nicht unter der Woche. Manchmal weiß ich gar nicht, welchen Wochentag wir haben. Im Grunde sieht es überall aus wie sonntagmorgens um neun, wenn die meisten Menschen noch im Bett liegen.

Was auch seinen Reiz hat.

Wäre der Hintergrund nicht so ernst, schon. In den ersten Tagen war ich nach meinen Spaziergängen regelrecht deprimiert. Als ich nach Hause kam, musste ich mich erst mal hinsetzen und mich wieder fangen. Aber irgendwann gewöhnt sich der Mensch auch daran, dass er in die Bahn einsteigt und kein Mensch drinsitzt.

Und dass sich der Rhythmus der Stadt geändert hat.

Auch daran. Das ganze Feeling ist ein anderes. Du musst nicht mehr fürchten, dass du mit jemandem zusammenstößt, wenn du mal schnell um eine Ecke biegst. Oder du sitzt auf dem Karlsplatz und hörst die Vögel. So ist das eben, wenn eine Turbogesellschaft in Windeseile von hundert auf null heruntergefahren wird. Manches könnte man sicher auch genießen. Aber im Hinterkopf weißt du natürlich, warum das so ist.

Haben Sie auch Positives entdeckt?

Ich denke schon, dass die Menschen anders miteinander umgehen. Davor hat jeder nur auf sein Smartphone geglotzt und sich kaum noch für jemanden in der analogen Welt interessiert. In der Krise hat das Bedürfnis nach Kommunikation zugenommen.

Wie äußert sich das?

Die Leute freuen sich, wenn man sich erkundigt, wie es ihnen geht. Insofern lässt so eine Krise die Menschen zusammenrücken, obwohl sie mehr Abstand halten müssen. Es gibt ja keinen Feind, auch wenn Trump und Konsorten behaupten, wir befänden uns im Krieg. Tun wir eben nicht. Wir stecken in einer Situation, an der niemanden eine Schuld trifft. Keiner kann auf den anderen böse sein. Wenn von dieser Solidarität und Nähe, die ich beobachte, hinterher etwas bleiben würde, wäre das nicht schlecht.

Wird der Fotoreporter Piechowski nach der Krise seine Bilder öffentlich ausstellen?

Ich spiele mit dem Gedanken. Aber ich glaube, hinterher werden die Leute erst mal froh sein, dass sie es überstanden haben.




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