Frauen für Frauen Kreis Ludwigsburg Gibt es doch noch eine Chance für ein zweites Frauenhaus?

Knapp 25 000 Unterschriften hat die Petition für ein zweites Frauenhaus. Der Verein Frauen für Frauen hofft auf den Umbau des ehemaligen Kurhotels in Hoheneck. Dort ließe sich das Wohnkonzept ideal umsetzen. Foto: Simon Granville

Der Verein Frauen für Frauen würde sein Appartement-Konzept gern im ehemaligen Hohenecker Kurhotel umsetzen. Doch der Umbau kostet rund 3,8 Millionen Euro und ist damit wohl zu teuer. Der Landrat sieht aber Alternativen und finanzielle Hilfe.

Ludwigsburg: Karin Götz (kaz)

Die Kraft geht langsam aus. Daraus macht Arezzo Shoaleh vom Verein Frauen für Frauen keinen Hehl. Seit Jahren kämpft die Ludwigsburgerin um die Rechte und die Hilfe für Frauen – und in der Konsequenz um mehr Frauenhausplätze. Seit Jahren verwendet sie ihre Kraft, um sich selbst und ihre Mitstreiterinnen nach jedem Rückschlag zu motivieren. Und Rückschläge sind fast schon an der Tagesordnung.

 

Der größte Brocken, den es zu verarbeiten gab, liegt ein knappes halbes Jahr zurück. Der Antrag des Vereins auf einen Zuschuss aus dem Bundesinvestitionsprogramm „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“ wurde im Oktober abgeschmettert. Geht es nach dem Verein, ist jetzt vor allem auch der Kreis in der Pflicht. Schließlich sind nichts weniger als Menschenleben in Gefahr.

Plätze sind belegt

Wie etwa das einer Frau, die in einer von Ludwigsburg nur wenige Kilometer entfernten Kommune lebt. Mit ihren Kindern fand sie vor Kurzem im Notraum des Frauenhauses Zuflucht. Ein Angebot, das nur wenige Frauenhäuser haben. Der Raum ist eine erste, aber keine dauerhafte Schutzmöglichkeit. Da aktuell alle 19 Plätze im Frauenhaus belegt sind, ging die Frau, deren Situation von der Polizei als extrem gefährdet eingestuft wird, wieder zurück zu ihrem gewalttätigen Mann. „Das ist fast nicht auszuhalten“, sagt Shoaleh.

Arezoo Shoaleh spricht auf der Kundgebung auf dem Ludwigsburger Marktplatz, die die Initiatoren der Petition organisiert hatten. Rund 50 Personen waren da. Foto: Simon Granville

Das sehen auch Sandra Detzer und Silke Gericke so. Den Frauentag beginnen die Grünenpolitikerinnen – die eine vertritt den Wahlkreis in Berlin, die andere in Stuttgart – auf eigenen Wunsch im Büro des Vereins mit einem Austausch mit Shoaleh und einem Teil ihrer Mitstreiterinnen.

Kritische Fragen

Die Fragen, die das Duo gestellt bekommt, sind kritisch. Warum wird in der Politik öffentlich über so viele Themen gestritten, aber nicht über den Schutz von Frauen? Warum gibt es kein bundesweit einheitliches Gesetz, das eine zuverlässige Finanzierung garantiert? Warum wird aus der freiwilligen Aufgabe, die der Verein leistet, keine Pflichtaufgabe der Politik?

Konkrete Antworten gibt es an diesem Freitagmorgen nicht. Am Bedarf wird – einmal abgesehen von der AfD – parteiübergreifend nicht gezweifelt, versichern beide. Am Ende liege es am fehlenden Geld und an der Schwierigkeit, gleiche Prioritäten zu setzen. Denn die Aufgaben sind groß, in vielen sozialpolitischen Bereichen, betont Gericke. Und die Stimmung in der Gesellschaft ist angespannt. „Wir quälen uns sehr mit dem Abwägen, wer Geld bekommt und wer nicht“, wirbt Detzer um Verständnis.

Der Umbau des ehemaligen Kurhotels in Hoheneck würde knapp vier Millionen Euro kosten. Foto: Werner Kuhnle

Der Vorschlag des Vereins zur Finanzierung des zweiten Frauenhauses liegt auf dem Tisch – samt einer zur Verfügung stehenden Immobilie, dem ehemaligen Kurhotel in Hoheneck: Dessen Umbau soll auf die Kreiskommunen verteilt und über einen Pro-Kopf-Betrag finanziert werden. Ein Vorschlag, der eigentlich im Januar bei einer Bürgermeister-Versammlung diskutiert werden sollte. Doch Shoaleh fiel aus gesundheitlichen Gründen einige Wochen aus.

Der Zeitdruck ist groß – zumindest, wenn die Immobilie, die die Wohnungsbau Ludwigsburg seit Jahren freihält, den Zuschlag bekommen soll. „Bis zu den Sommerferien können wir unser Angebot noch aufrechterhalten, aber es muss jetzt endlich eine Entscheidung fallen“, drängt der Geschäftsführer Andreas Veith.

Der Umbau des dreistöckigen, aktuell leer stehenden Gebäudes würde rund 3,8 Millionen Euro kosten – eine Summe, die eine Realisierung nach Signalen aus dem Kreistag und der Kreisverwaltung immer unwahrscheinlicher macht. Der Landkreis sei willig zu helfen, aber nicht um jeden Preis, betont etwa Jürgen Kessing, Fraktionsvorsitzender der SPD. „Es gibt deutlich günstigere Ansätze – andere Gebäude, andere Standorte – bei denen man Kompromisse eingehen muss. Wenn vom Verein ein Signal zur Kompromissbereitschaft kommt, dann wäre das gut.“

Das gibt es, versichert Shoaleh, betont aber auch, dass der Verein bislang nur eine weitere denkmalgeschützte Immobilie, die derzeit im Besitz der Bietigheimer Wohnbau ist, angeboten bekommen hat. „Wir konnten uns leider nur die Kellerräume anschauen, aber klar ist, dass wir dort unser Apartment-Konzept nicht umsetzen können. Das wurde uns vom Eigentümer auch bestätigt.“

Zweifel an der Variante Kurhotel äußert indes auch der CDU-Fraktionschef Klaus Herrmann: „Ich schließe sie nicht aus, frage mich aber, muss es unbedingt diese Immobilie sein?“ Landrat Dietmar Allgaier wird deutlicher. Der Umbau des Gebäudes in der Marbacher Straße sei zu teuer. Zeitnah sollen Gespräche geführt werden, kündigt der Kreischef an. Und es gebe bereits konkrete Lösungsvorschläge, die man dem Vereinsvorstand machen werde. Zudem gehe man mit Unterstützung der Kreissparkasse in einen „offenen Suchlauf“ für eine alternative Immobilie, versichert er. Darüber hinaus sieht Allgaier Chancen auf Stiftungsmittel im siebenstelligen Bereich – „unabhängig von einem Kreiszuschuss.“ Worte, die Arezoo Shoaleh Hoffnung und Kraft geben können – wenn es nicht bei Worten bleibt.

Die Petition soll Druck machen

Plätze
Aktuell gibt es für die rund 550 000 Einwohner im Kreis nur 19 Plätze im Ludwigsburger Frauenhaus. Wichtig: Die 19 Plätze sind Plätze für Frauen und Kinder. Es sind also keine 19 Plätze allein für Frauen.

Finanzierung
Eine wie unter anderem von den Grünen im Kreistag laut deren Sprecherin, Brigitte Muras, favorisierte Umlagefinanzierung braucht das Okay aller Kreiskommunen. Gelingt dies nicht, wäre eine Finanzierung der Kommunen über die Kreisumlage ein Instrument. 

Petition Die von den Jusos und der Grünen Jugend gestartete Petition für ein zweites Frauenhaus hat mittlerweile etwa 24 890 Unterschriften. „Wir erwarten vom Kreis ein pragmatisches und vor allem schnelles Handeln“, betont Juso-Sprecherin Nathalie Ziwey.

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