Wenn Jelena Pabst von Ohain ihren kleinen Patienten helfen will, muss sie deren Herz zum Stillstand bringen. Erst dann kann sie es öffnen – um es wieder in Ordnung zu bringen. Sie schließt Löcher, setzt neue Klappen ein, ordnet Gefäße oder zieht neue Wände ein. An mindestens drei Tagen in der Woche steht die Kinderherzchirurgin der Sana-Herzchirurgie im Operationssaal. „An diesen Tagen bin ich ganz fokussiert“, sagt die 44-Jährige. Der Alltag verschwindet hinter gleißendem OP-Licht. „Nur das, was zählt, sehe ich vor mir: das kleine Herz des Kindes, das richtig schlagen soll.“
Vor wenigen Wochen ist Jelena Pabst von Ohain von München nach Stuttgart gezogen, um ihre Stelle als Chefärztin für die Chirurgie angeborener Herzfehler und Kinderherzchirurgie anzutreten. Sie ist bundesweit die erste Ärztin in dieser Funktion.„Unser Ziel ist es, insbesondere Frauen im ärztlichen Bereich zu fördern“, sagt der Chef der Sana-Herzchirurgie, Jörg Seeburger. Zudem sei Jelena Pabst von Ohain eine Kinderherzchirurgin mit enormer klinischer Erfahrung und wissenschaftlichem Renommee. Sie bringe alle entscheidenden Qualitäten mit, auf die es bei der Besetzung solcher Positionen ankomme.
Je steiler die Karriere, desto mehr männliche Kollegen
Und dennoch ist es verwunderlich, dass nicht noch mehr Ärztinnen es in die Chefetagen der Kliniken schaffen: Nach Angaben des Medscape-Gleichstellungsreport 2021 sind etwa zwei Drittel aller Medizinstudierenden heute Frauen. Sie schließen ihr Studium mit besseren Noten als ihre männlichen Kommilitonen ab. Doch je steiler die Karriere verläuft, desto öfter sind sie nur von Männern umgeben. Lediglich 13 Prozent der Führungspositionen in der Universitätsmedizin waren 2019 mit Frauen besetzt. Zwar steigert sich langsam das Bewusstsein für mehr Gleichberechtigung – so hat erst unlängst der Berufsverband der Deutschen Chirurgen sich umbenannt in Berufsverband Deutscher Chirurgie. Doch der Wandel vollzieht sich nur langsam: In der Medizin, so stellt der Deutsche Ärztinnenbund fest, stehen Frauen mit Aufstiegsambitionen vor vielen Hürden.
Zeit für die Visite. Jelena Pabst von Ohain streift den Arztkittel über und geht in die Intensivstation. Von den etwa ein Dutzend Kindern dort ist jedes Zweite schwer herzkrank. So wie der kleine Leo. Das Herz des Dreieinhalbjährigen hat nur eine Kammer. In mehreren Operationen wurde sein Lungen- vom Körperkreislauf getrennt, um das Herz zu entlasten. Gerade hat Leo den letzten Part der Operation überstanden und sollte auf die Normalstation überwiesen werden. Doch über Nacht haben sich die Werte verschlechtert.
Pabst von Ohain bespricht mit den Kollegen, wie weiter mit Leo verfahren wird. Es sind mehrheitlich Männer, zumeist einen guten Kopf größer. Sie habe sich gleich willkommen und als Herzspezialistin anerkannt gefühlt, sagt sie. „Natürlich muss ich mich noch in vieles einarbeiten, aber ich glaube, es wird mir hier mit diesem Team nicht schwerfallen, das Zentrum für angeborene Herzfehler in Zusammenarbeit mit der Kinderkardiologie des Klinikums Stuttgart weiter voranzubringen.“
Ohne Rückhalt im Team und in der Familie geht es nicht
Sie habe immer versucht, ihren Weg zu gehen: erst in ihrer kroatischen Heimat, wo sie als Kinderchirurgin in Zagreb angefangen hat. Dann folgte 2007 ihr Wechsel nach Deutschland: zunächst als Assistenzärztin im Deutschen Herzzentrum der Technischen Universität München, wo sie in das Team der Oberärzte aufgestiegen ist. Nach zwölf Jahren nahm sie dann die Stelle als leitende Oberärztin am Klinikum der Ludwig-Maximilian-Universität Großhadern in München an. Nun leitet sie mit Gunter Kerst, dem Ärztlichen Direktor der Kinderkardiologie des Klinikums Stuttgart, das Zentrum für angeborene Herzfehler.
„Mir war schnell klar: Will ich eine leidenschaftliche und gute Chirurgin werden, kann ich mich nicht auf Lorbeeren und meinen Fähigkeiten ausruhen, und es liegt nicht nur an mir“, sagt Jelena Pabst von Ohain. Sie braucht ein gutes Team und den Rückhalt aus der Familie. „Ich hatte das notwendige Quäntchen Glück, beides zu finden.“
Männlich dominierte Haltungen behindern oft den Aufstieg
Es sind oft Arbeitsstrukturen und männlich dominierte Haltungen, die die Aufstiegsmöglichkeiten von Ärztinnen behindern, sagt Christiane Groß vom Deutschen Ärztinnenbund. Hinzu kommt die Familienplanung, die die Karriere oft ins Stocken bringt: „Frauen, die in ärztlicher Versorgung tätig sind, werden aufgrund der Beschäftigungsverbote in der Schwangerschaft in ihrer Weiterbildung behindert.“ Gehen sie dann in Elternzeit und auf eine Teilzeitstelle, führt dies dazu, dass sich die Facharztausbildung verlängert. Der Ärztinnenbund setzt sich daher für eine Neuregelung in der Weiterbildungsordnung ein und für eine Veränderung der Arbeitsstrukturen in Kliniken.
Auf der Ablage neben dem Schreibtisch stehen die Bilder der drei Kinder der Familie Pabst von Ohain. Das jüngste ist gerade in den Kindergarten gekommen, das Älteste ist fünf Jahre alt. „Die Familie mit dem Beruf unter einen Hut zu bekommen ist nicht leicht“, sagt sie. Tags zuvor saß sie lange über der Krankenakte eines Patienten, der von ihr operiert werden soll. Das Baby hat einen extrem seltenen Herzfehler: Es fehlt nahezu die gesamte Kammerscheidewand. Viele erprobte OP-Verfahren gibt es nicht. Wie sie dem Kleinen helfen wird, werde sich erst zeigen, wenn sie das winzige Herz auf dem OP-Tisch begutachtet hat, sagt sie. Jede Operation folge dem Weg des Herzens. „Und jedes Herz ist anders, jedes ist besonders.“