Frauen in Indien Was Statistiken sagen – und was nicht

Von Willi Germund, Katna 

Shobas Heimat Berampur ist typisch für die Provinzstädte Indiens. Eselskarren und Fahrradrikschas verstopfen die engen Gassen. Videoshops und Marktstände mit frischem Obst und Gemüse dominieren die Einkaufsstraßen. Alte Bauten aus der britischen Kolonialzeit statt moderner Wolkenkratzer und internationaler Kosmetikwerbung bestimmen das Stadtbild. Eine fast 300 Jahre, aus roten Ziegelsteinen gebaute, alte Moschee mit eingestürztem Dach und ein riesiger, dem Londoner Buckingham-Schloss nachempfundener Palast erinnern an einstige islamische Herrscher und die East India Company, die 1757 in der Nähe nach der Schlacht von Plassey im heutigen indischen Bundesstaat West-Bengalen den ersten britischen Vorposten auf dem Subkontinent errichtete.

„Wir haben keine Entführungen“, sagt Superintendent Humayun Kabir, der Polizeichef des Murshidabad-Distrikts, der Berampur einschließt. „Wir hatten aber im vergangenen Jahr 25 Fälle, in denen Frauen verführt wurden, mit Männern durchzubrennen. Shoba Das gehört zu den wenigen Ausnahmen, in denen wir die jungen Frauen zur Familie zurückbringen konnten.“ In seinem großen, nahezu leeren Büro symbolisiert nur der pompöse Schreibtisch aus schwerem, dunklem Holz seine Amtsgewalt. Indien, so scheint es manchmal, besitzt mindestens so viele Statistiken wie Einwohner. Und während Superintendent Kabir sichtlich stolz auf die relativ niedrige Zahl ist, kann Shabnam Ramaswamy nach dem Treffen mit dem Polizeichef nur schimpfen. „Mindestens 3000 Fälle wurden von uns gemeldet“, sagt die 58-jährige Frau, die in dem Dorf Katna nahe Be­rampur mit der kleinen Organisation Street Survivors versucht, das Schicksal der Frauen und Kinder zu verbessern, die in der ­Region jeden sozialen Status verloren haben.

„Ich wusste nicht, wie mir geschah“

Street Survivors betreibt ein Internat mit 88 Kindern und eine Schule, in die rund 500 Kinder gehen, die wegen Armut sonst keinen Unterricht erhalten würden. Mit dem Stickereibetrieb Katna‘s Kantha gibt sie Witwen und verstoßenen Ehefrauen Arbeit, die sonst mittellos zwischen den vielen Reisfeldern der fruchtbaren Region hungern müssten.

„Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie es zugeht“, sagt die energische, blasshäutige Inderin, während sie sich in ihrer kleinen Wohnung im Hauptquartier der Organisation als wahre Meisterin der bengalischen Küche erweist. Der Vater, der in Katna geboren wurde und es in der indischen Armee zum Generalmajor im Medizinkorps brachte, schickte die Tochter auf eine Eliteschule in Kalkutta. Im Alter von 16 Jahren wurde Shabnam dann mit einem reichen, 16 Jahre älteren Geschäftsmann aus Kalkutta verheiratet. „Ich wusste nicht, wie mir geschah“, erzählt Shabnam, „weder bei der Hochzeit noch acht Jahre später, als er mich mit meinen sieben Kindern völlig betrunken in einem Tobsuchtsanfall einfach vor die Tür setzte.“ Prompt war die junge Mutter plötzlich gezwungen, alleine für ihre Kinder sorgen – und musste erleben, dass ihre eigenen Verwandten ihr die Schuld für die gescheiterte Ehe zuschoben.

Die gesellschaftliche Ächtung bringt vor allem auf dem Land des Subkontinents in Regionen wie dem Murshidabad-Distrikt, in dem Katna und Berampur liegen, weitab der mit Menschen und Konsumgütern überquellenden indischen Megametropolen, häufig fatale Folgen für Frauen und ihre Kinder mit sich.

Wie fatal, musste auch die 15-jährige Tochter eines Tagelöhners aus dem Dorf Burwan, rund zwölf Kilometer von Katna entfernt, feststellen, der geglaubt hatte, das große Los gezogen zu haben. Ein „Gotok“, ein Heiratsvermittler, war in seiner Hütte aufgetaucht und schlug eine Lösung vor, die ihn nicht nur von dem Albtraum befreite, eine Mitgift in Höhe von 50 000 Rupien (rund 1000 US-Dollar) aufzubringen, die angehende Ehemänner in seiner Heimat verlangten. Er habe, so schwärmte der Vermittler, Familien aus dem Punjab an der Ostgrenze an der Hand, die bereit seien, 60 000, vielleicht sogar 70 000 Rupien (1200 bis 1400 US-Dollar) zu zahlen. Der Grund: weil dort besonders viele weibliche Föten abgetrieben werden, leide die Region an der Ostgrenze Indiens unter extremem Frauenmangel. Der Tagelöhner, der seit Jahren für die Mitgift seiner Tochter sparte, konnte sein Glück kaum glauben. Sogar die Tochter war bereit, für einen Ehemann an das andere Ende Indiens zu ziehen.

Warnung an die Familien

„Ich warne die Familien immer wieder“, sagt Shabnam Ramaswamy, „aber dann sagen sie: ,Hauptsache, ich habe genug zu essen. Dafür kann ich mich auch mal verprügeln lassen‘.“ Für das junge Mädchen aus Burwan erwies sich dieser Weg als fatale Entscheidung. Denn statt eines Ehemanns war­teten in Punjab vier Brüder, die den Teenager aus dem Murshidabad-Distrikt als Erstes zwangssterilisierten und die Frau wochenlang als Sexsklavin missbrauchten. Schließlich gelang ihr die Flucht in die Heimat. Das Leid der Frau war freilich nicht beendet.

„Solche Frauen werden in ihrem Heimatdorf nicht mehr akzeptiert“, sagt Shabnam Ramaswamy. Niemand weiß, wo die junge Frau untergekommen ist. In ihrem Heimatdorf aus Lehmhütten gilt sie als aussätzig. Die Mutter weiß, wo die Tochter steckt. Aber sie darf nicht mit Besuchern sprechen, weil die Regionalregierung in West-Bengalen, an der Spitze steht eine Frau, entschlossen ist, Themen wie Frauenmisshandlung, Frauenhandel und Gewalt gegen Frauen in West-Bengalen tot­zuschweigen. Nahezu täglich wird die 58-jährige Generalstochter Shabnam Ramaswamy mit dieser brutalen Realität konfrontiert. Ihr Fazit: „Frauen zählen im Grunde nicht.“