Frauen vor dem Burn-Out Wen kümmern die Kümmerinnen?
Sorgearbeit ist heute als Beruf anerkannt, aber die Arbeitsbedingungen sind mies, die Bezahlung ist schlecht. Frauen werden nicht wieder am Herd landen, müssen aber Angst vor einem Burn-Out haben.
Sorgearbeit ist heute als Beruf anerkannt, aber die Arbeitsbedingungen sind mies, die Bezahlung ist schlecht. Frauen werden nicht wieder am Herd landen, müssen aber Angst vor einem Burn-Out haben.
Stuttgart - Vor mehr als einem Jahr warnte die renommierte Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Jutta Allmendinger, die Corona-Krise gehe mit einer „entsetzlichen Retraditionalisierung“ des Geschlechterverhältnisses einher. Wir würden mit Rollenverteilungen konfrontiert, die denen unserer Eltern und Großeltern ähnelten und gleichstellungspolitisch um Jahrzehnte zurückgeworfen. Verschiedene Studien belegen inzwischen in der Tat, dass die Krise für Frauen, insbesondere für Mütter, sehr viel negativere Konsequenzen hat, als für Männer und Väter. Zu diskutieren bleibt allerdings, wie wir diese Befunde einordnen und politisch skandalisieren.
Die griffige These einer Retraditionalisierung scheint dabei zwar sehr medientauglich, sie ist jedoch völlig ungeeignet, um zu verstehen, wie die Asymmetrie zwischen den Geschlechtern heute tatsächlich zustande kommt und warum sie sich so beharrlich hält. Die Berichterstattung und Forschung zur Retraditionalisierungsthese verengt den Blick auf ungleiche Erwerbsarbeitszeiten und die Verteilung der Haus- und Sorgearbeit in den heterosexuellen Paarbeziehungen. Entlang linearer Fortschrittserzählungen wird dann viel darüber gestritten, ob sich die Verhältnisse in den Familien nun re- oder enttraditionalisiert haben. Dringender und sinnvoller wäre es jedoch, nachzuvollziehen, wie grundlegend sich die Art der Ausbeutung verändert hat, mit der Frauen heute konfrontiert sind.
Um das zu verstehen, genügt es nicht, kleinteilig zu zählen, wer in den Kleinfamilien wie viele Stunden Sorgearbeit leistet. Nicht, dass diese Statistiken völlig irrelevant wären, das sind sie keinesfalls. Entscheidend ist jedoch die Frage, zu welchen ökonomischen, zeitlichen und sozialen Bedingungen in unserer Gesellschaft insgesamt Sorgearbeit geleistet wird. Fest steht: Die bürgerliche Vollzeithausfrau der 1950er Jahre, vor deren Rückkehr so eindringlich wie fehlgeleitet gewarnt wird, ist heute größtenteils verschwunden. Die Situation der Sorgenden – meist Frauen – ist jedoch so miserabel wie seit eh und je.
Wie kommt das? Ein Blick ins feministische Geschichtsbuch offenbart, dass Feministinnen der Zweiten Frauenbewegung in ihren theoretischen Analysen vor dieser Negativentwicklung gewarnt haben. Und sie haben politisch sehr darum gerungen, der Geschichte eine andere Richtung zu geben. Es lohnt sich daher, die Veränderungen der letzten Jahrzehnte genau nachzuvollziehen und dabei auch zu berücksichtigen, von welchen politischen Kämpfen sie begleitet waren.
Beginnen wir zunächst einmal bei dem, worauf sich eine Retraditionalisierungsdebatte implizit bezieht: der ‚Tradition’ der bürgerlichen Vollzeithausfrau. Tatsächlich haben wir es dabei mit einem historisch recht jungen Phänomen zu tun, das sich auch nicht besonders lange halten konnte. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte sich das Ideal der Vollzeithausfrau tatsächlich in breiten Gesellschaftsschichten durch. Während des Zweiten Weltkriegs arbeiteten hingegen viele Frauen in stereotypen Männerbranchen wie der Industrie. Nach Kriegsende wurden die Frauen erneut aus der Öffentlichkeit und Erwerbsarbeit gedrängt, ihnen oblagen nun wieder ausschließlich die vermeintlich natürlichen weiblichen Tätigkeiten: Kindererziehung sowie Haus- und Sorgearbeit im Privaten.
Infolge des wirtschaftlichen Aufschwungs verdienten die meist männlichen Arbeiter und Angestellten einen relativ hohen ‚Famlienlohn’, von dem die gesamte Familie leben konnte. Bekanntlich erodierte dieses Arrangement bereits in den 1970er Jahren abermals. Einerseits stagnierte das wirtschaftliche Wachstum, andererseits wehrten sich Frauen gegen ihre isolierte Hausfrauenexistenz und die selbstverständliche gesellschaftliche Inanspruchnahme ihrer reproduktiven, sexuellen und sorgenden Tätigkeiten.
Im Jahr 1971 gründete Mariarosa Dalla Costa gemeinsam mit anderen Frauen in Italien das International Feminist Collective, aus dem die internationale Kampagne „Lohn für Hausarbeit“ hervorging. Auch in der BRD bildeten sich 1975 „Lohn für Hausarbeit“-Gruppen. Wie kamen die Frauen dazu, Lohn für Hausarbeit zu fordern? Das zentrale Argument war, dass die unbezahlte Hausarbeit der Frauen weder natürliche Regung qua Mutterinstinkt noch ausschließlicher Liebesdienst war, sondern einen handfesten ökonomischen Faktor darstellte, der die kapitalistische Produktion überhaupt erst ermöglichte. Bevor Arbeiter in Fabriken und Angestellte in Büros Gewinn erwirtschaften können, müssen sie erst einmal geboren, gepflegt, geliebt, erzogen und versorgt werden, so die simple wie unmittelbar einleuchtende These.
Obwohl diese Tätigkeiten demnach die eigentliche Grundlage der Wirtschaft darstellen, wurden sie als außerökonomische Tätigkeiten abqualifiziert. Die Arbeit der Frauen galt schlicht nicht als Arbeit, sondern als eine Art dauerverfügbare Ressource, an der man sich gesellschaftlich und individuell scheinbar endlos bedienen konnte. Dagegen begehrten die Frauen als Hausfrauen auf. In der Kampagne waren erwerbstätige und nicht erwerbstätige Frauen aktiv, Lesben und Heteras, Sexarbeiterinnen, Verheiratete und Unverheiratete, Migrantinnen und Frauen of Colour. Sie distanzierten sich weder rhetorisch noch praktisch vom fürsorglichen Tätigsein – sie wussten sehr wohl, dass ihre Arbeit gesellschaftlich notwendig und wertvoll war.
Zugleich stand den Frauen die Zumutung des Phänomens, das wir heute Doppelbelastung nennen, deutlich vor Augen: „Wir lehnen jede ‚Alternative’ ab, bei der wir an eigenes Geld nur um den Preis von Mehrarbeit kommen“, ließen etwa Berliner Aktivistinnen in der Zeitschrift Courage verlautbaren. Sie forderten sowohl eine andere gesellschaftliche Organisation der Sorgearbeit, als auch eine ökonomische Kompensation.
Heute muss man leider feststellen, dass dieser Kampf – vorerst – verloren wurde. Vielmehr hat sich die Prognose einer „Hausfrauisierung der Arbeit“ bewahrheitet. Die Soziologinnen Maria Mies, Veronika Bennholdt Thomsen und Claudia von Werlhof prophezeiten damit bereits in den 1980er Jahren die neoliberale Deregulierung und Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse. Im Zentrum steht die These, dass sukzessive die meisten Arbeitsverhältnisse so behandelt werden, als handele es sich um Hausfrauen-Arbeiten. Sie gelten dann tendenziell entweder als wertlos oder als eine Art Zuverdienst. Die kapitalistische Verwertung kann so nahezu unentgeltlich auf diese Arbeit zugreifen. Der Profit und das gute Leben einiger weniger wird auf Kosten der schlecht oder unbezahlt Arbeitenden ermöglicht.
Tatsächlich gerieten Familien in den letzten Jahrzehnten finanziell sehr unter Druck. Ein Lohn reicht heute nicht mehr für die ganze Familie. Frauen wollen und dürfen heute nicht nur einer Erwerbsarbeit nachgehen – sie müssen es auch. Durch diesen Ressourcenabzug aus den Haushalten fehlt den Familien allerdings zunehmend Zeit, um überhaupt adäquat Sorge- und Hausarbeit leisten zu können.
Zusätzlich kam es zu einer symbolischen Entwertung dieser Arbeit. Die Historikerin und Philosophin Tove Soiland bemerkt hierzu: „Ohne das ältere, fordistische Zeitalter verteidigen zu wollen: Es scheint mit seiner konservativen Familienideologie wenigstens noch akzeptiert zu haben, dass es diese Tätigkeiten gibt und dass sie notwendig sind. Im Zuge der Emanzipation der Frauen wurde diese Akzeptanz des füreinander Sorgens jedoch in den Hintergrund gedrängt. … Ich stelle immer wieder fest, dass junge Frauen fast etwas verschämt formulieren, dass sie eigentlich gerne bei ihren Kindern sind.“ Diese Entwicklung ist mit der These einer vermeintlichen Enttraditionalisierung der Verhältnisse, die man dann vor einer erneuten Retraditionalisierung bewahren müsste, nur unzureichend beschrieben. Vielmehr handelt es sich um eine schwer durchschaubare, weil verdeckte Verschärfung der Ausbeutung von Frauen als Sorgenden.
Selbst dort, wo Sorgearbeit heute bezahlt wird, haben wir es eher mit einer pervertierten Karikatur dessen zu tun, wofür Feministinnen gekämpft haben. Zwar ist Sorgearbeit heute als Beruf und Lohnarbeit durchaus anerkannt, aber die Arbeitsbedingungen sind katastrophal und die Löhne mies. Die Ökonomin Mascha Madörin weist darauf hin, dass das kein Zufall ist. Das Problem seien die divergierenden Arbeitsproduktivitäten wertschöpfungsstarker und wertschöpfungsschwacher Sektoren: In wertschöpfungsstarken Sektoren wie zum Beispiel in der Automobilindustrie lässt sich die Arbeitszeit verdichten, technische Innovationen können die Produktion beschleunigen oder Personal ersetzen. All das senkt die Produktionskosten, steigert die Wertschöpfung und erhöht letztlich den Profit. Im Gesundheits-, Pflege-, und Erziehungssektor ist das nicht in gleichem Maße möglich. Die Kosten scheinen daher ständig zu explodieren. Um sie dennoch zu drücken, spart man am Personal und an der Bezahlung der Arbeitenden. Die Konsequenzen sind bekannt: Auf der einen Seite schlechte Versorgung und Verwahrlosung der Sorgebedürftigen. Auf der anderen Seite Überlastung, Burnout, Armut bei den Sorgenden, die noch dazu ein chronisch schlechtes Gewissen haben, den Bedürfnissen der Sorgeempfangenden nicht gerecht zu werden. Die ehemaligen Vollzeithausfrauen verdienen jetzt ihr eigenes Geld und zwar unter miserablen Bedingungen. Der Sparzwang im Sorge-Sektor hält sie zudem auch noch dazu an, die daraus resultierende Misere in unbezahlten Überstunden und privater, unbezahlter Arbeit abzufedern.
Auch hier kommt man mit der Klage über retraditionalisierte Geschlechterverhältnisse nicht weiter, denn diese Art der Zumutung in einem stetig wachsenden, profitorientierten und extrem prekarisierten Sorge-Sektor ist neu. Wir müssen diese Veränderungen in ihrer Neuheit begreifen, um dagegen vorgehen können. Der furchtsame Blick in die Vergangenheit, von der wir glauben, sie könne uns wieder einholen, hilft da nicht weiter. Hinzu kommt ein Phänomen, das die feministische Forschung als „globale Betreuungsketten“ bezeichnet. Wenn Frauen heute auch einer Erwerbsarbeit nachgehen, entsteht in den Privathaushalten eine Sorge-Lücke, die häufig von migrantischen Hausarbeiterinnen aufgefangen wird. Die Migrantinnen hinterlassen dabei zugleich Sorge-Lücken in ihren Herkunftsländern, die dort wiederum von Frauen aus noch ärmeren Ländern kompensiert werden. Das Problem verschiebt sich so entlang des zwischenstaatlichen Armutsgefälles und der Sorgenotstand trifft am Ende aus globaler Perspektive die Ärmsten. Deutschland zählt zu den Ländern mit der höchsten Zahl osteuropäischer „Live-Ins“. Das sind Arbeitsarrangements, bei denen die Sorgende permanent bei den Sorgeempfangenden wohnt. Die Beschäftigungsverhältnisse sind extrem prekarisiert und dereguliert. Die gesellschaftliche Isolation, Anonymität, Entrechtung und Abhängigkeit dieser Frauen übertreffen in vielen Fällen vermutlich das Ausmaß der Ausbeutung, mit der die Vollzeithausfrau der 1950er Jahre konfrontiert war.
Die Situation von Frauen hat sich in den letzten Jahrzehnten zweifelsohne sehr verändert. Die beschriebene historische Entwicklung ist aber gerade keine lineare Fortschrittsgeschichte, bei der es lediglich darum ginge, vermeintliche Erfolge zu verteidigen. Denn eines hat sich in all den Jahren nicht verändert: Die Sorgearbeit gilt heute wie seit eh und je als quasi dauerverfügbare, weiblich konnotierte Ressource, an der man sich gesellschaftlich beliebig bedienen zu können glaubt.
Frauen müssen heute keine Angst haben, dass sie an den Herd zurückgeschickt werden, sondern vielmehr, dass sie als chronische Burnout-Patientinnen in der Klinik landen. Der eigentliche Skandal besteht nicht darin, dass Frauen mehr Sorgearbeit leisten als Männer, sondern darin, dass die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse Sorgende in körperliche und psychische Erschöpfungszustände treiben, sie prekarisieren und ihnen ein Leben in Altersarmut in Aussicht stellen.