Neues Angebot des Ludwigsburger Frauenhauses Hilfe für Flüchtlinge bei häuslicher Gewalt

Insgesamt 378 Strafanzeigen wegen häuslicher Gewalt an Frauen wurden 2015 im Landkreis Ludwigsburg registriert. Besonders bei Flüchtlingen ist die Dunkelziffer  hoch. Foto: dpa
Insgesamt 378 Strafanzeigen wegen häuslicher Gewalt an Frauen wurden 2015 im Landkreis Ludwigsburg registriert. Besonders bei Flüchtlingen ist die Dunkelziffer hoch. Foto: dpa

Der Verein Frauen für Frauen betreibt in Ludwigsburg ein Frauenhaus und ein Beratungszentrum für misshandelte Frauen. Jetzt setzt er sich auch für Flüchtlinge ein.

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Frauen, die in einem Flüchtlingsheim Gewalt durch Männer erfahren, können im Kreis Ludwigsburg seit diesem Monat in zwei extra dafür vorgesehenen Zimmern Schutz suchen. Der Landkreis und die Stadt Ludwigsburg stellen für das Projekt „Frauen und Flucht“ jeweils einen Raum zur Verfügung. Ins Leben gerufen hat das Projekt der Ludwigsburger Verein Frauen für Frauen, der in der Stadt ein Frauenhaus und ein Beratungszentrum bei häuslicher Gewalt betreibt.

„Die Frauen erleben auf der Flucht so viel Leid. Wir möchten ihnen zumindest hier ein sicheres Leben ermöglichen“, sagt Adelheid Herrmann, die Leiterin des Beratungszentrums. Das war bisher ein Pro­blem: Aus verwaltungsrechtlichen und finanziellen Gründen können Flüchtlinge nicht einfach in ein Frauenhaus.

Der Verein finanziert eigens eine Sozialarbeiterin, die in den Heimen mit betroffenen Frauen spricht und sie in den Fluchtzimmern besucht. Bis zu 14 Tage können die Frauen in einem der Zimmer bleiben. Gleichzeitig wird der Gewalttäter für bis zu zwei Wochen in eine andere Flüchtlingsunterkunft verlegt.

Die Frauen sind zwei Wochen lang in Sicherheit

Die misshandelte Frau soll Zeit haben, sich zu informieren, nachzudenken und sich und gegebenenfalls ihre Kinder in Sicherheit wissen. Danach muss sie entscheiden: Bleibt sie bei ihrem gewalttätigen Partner oder will sie die Trennung. In beiden Fällen hilft die Sozialarbeiterin, begleitet die Frauen, solange diese die Unterstützung wünschen.

Der Verein leistet auch Präventionsarbeit: Die Mitarbeiter gehen in die Unterkünfte und sensibilisieren für das Thema häusliche Gewalt – und klären die Frauen über ihre Rechte auf. Denn in ihren Heimatländern ist die Rechtslage für Frauen eine andere. Eine Angst sei oft auch der Aufenthaltsstatus. „Wir erklären den Frauen, dass es ihrem Asylantrag nicht schadet, wenn sie sich von ihrem Mann trennen oder Anzeige erstatten“, sagt Herrmann.

Neben Frauen, die von ihren Männern oder anderen Verwandten misshandelt werden, gilt das besondere Augenmerk des Vereins jenen Frauen, die allein geflohen sind. Diese, sagt Herrmann, seien besonders gefährdet. Sie seien meist trauma­tisiert und hätten in den Heimen keine Beschützer. „Solchen Fällen begegnen wir immer wieder. Das sind oft Frauen, die während ihrer Flucht von Männern sexuell bedrängt und vergewaltigt werden. Und in den Flüchtlingsunterkünften geht es dann weiter“, berichtet Herrmann. Konkret erzählt sie von dem entsprechenden Schicksal einer Iranerin, das zur Initialzündung wurde, die Schutzzimmer einzurichten.

Die Frauen werden auch über ihre Rechte informiert

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr im Kreis Ludwigsburg 378 Strafanzeigen wegen häuslicher Gewalt registriert. Tendenz steigend. Wie viele Anzeigen von Flüchtlingen gestellt wurden, kann Tanja Wimmer vom Polizeipräsidium Ludwigsburg jedoch nicht sagen. Die Dunkelziffer sei hoch, vermutet sie.

Speziell bei Flüchtlingen sei es wichtig, das Selbstbewusstsein der Frauen zu stärken und sie zu ermutigen, für ihre Rechte zu kämpfen. „Das ist kulturell bedingt nicht so einfach“, sagt Hermann. Ein soziales Netzwerk außerhalb der Unterkunft hilft den Frauen. Daher stellt der Verein den Kontakt zu Frauen her, die in einer ähn­lichen Situation sind oder aus demselben Kulturkreis kommen.

Ein anderes Projekt hat Frauen für Frauen bereits im vergangenen Herbst ins Leben gerufen. Dieses widmet sich einer weiteren Gruppe, die der Verein bislang im Fall von häuslicher Gewalt nur bedingt betreuen konnte: Suchtkranke sowie körperlich behinderte oder psychisch kranke Frauen. Diese Frauen seien besonders verletzlich, sagt Herrmann. Neben der Beratung bedürfen die Frauen einer speziellen Betreuung. Dabei ist die Kooperation der verschiedenen Einrichtungen wichtig: Mitarbeiter von Frauenhäusern, Suchtberatungsstellen und speziellen Kliniken sollen erkennen, wenn ein Gewaltopfer suchtkrank ist oder ein Handicap hat – oder umgekehrt, wenn eine Suchtkranke deshalb abhängig ist, weil ihr Gewalt angetan wird.

20 bis 30 Frauen finden pro Jahr Schutz – doch das reicht nicht

Seit 1982 betreibt der Verein Frauen für Frauen in Ludwigsburg ein Frauenhaus, seit 1989 gibt es die Beratungsstelle für Frauen. 20 bis 30 Frauen finden pro Jahr im Frauenhaus Schutz vor ihren gewalttätigen Partnern. Der Bedarf ist jedoch weitaus größer. Oft werden Frauen abgewiesen, im Obdachlosenheim oder Hotel erhalten sie jedoch keinen ausreichenden Schutz. Der Verein in Ludwigsburg ist auf Spenden und Stiftungen angewiesen. Ein Gesetz zur Finanzierung der Frauenhäuser gibt es nicht in Baden-Württemberg. „Es wird Zeit, dass sich das ändert. Dann könnten wir noch mehr Frauen helfen“, sagt Herrmann.




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