Kandahar - Die afghanische Frauenrechtlerin Pashtana Durrani setzt sich mit einer eigenen Hilfsorganisation für mehr Bildung für Mädchen ein. Die Machtergreifung ihres Landes durch die Taliban ist für 23-Jährige der Beginn einer sehr dunklen Zeit.
Frau Durrani, sind Sie in Sicherheit?
Ich habe seit vier Tagen nicht mehr geschlafen, mir geht es nicht gut. Ich verstecke mich, wechsle nachts die Orte, um sicherer zu sein und fühle mich wie auf der Flucht. Plötzlich sind all die Dinge, die ich sonst gemacht habe, nicht mehr erlaubt.
Sie können nicht mehr allein das Haus verlassen?
Das ist nicht mehr möglich. Ich kann nicht mehr in das Büro meiner Hilfsorganisation fahren, nicht mehr meine Mitarbeiter treffen. Alles was ich aufgebaut habe, ist in Gefahr. Mir hat es das Herz gebrochen, als ich gesehen habe, dass auf den öffentlichen Gebäuden die afghanische Flagge durch die weiße Flagge der Taliban ersetzt wurde. Die haben die Fahnen heruntergerissen, zerschnitten und sind darauf herumgetrampelt. Das tut so weh.
Wollen Sie ihre Heimat verlassen?
Ich weiß es nicht, ich würde gerne bleiben. Meine Familie ist vor langer Zeit aus Afghanistan geflohen, ich bin im Flüchtlingscamp in Pakistan aufgewachsen, dort hat mein Vater eine Schule aufgebaut. Mit 18 kam ich nach Afghanistan zurück und gehörte vom ersten Tag an dazu. Die Rückkehr war meine Entscheidung, ich kann sehr stur sein. Wenn ich mir etwas vornehme, dann mache ich das. Heute morgen habe ich entschieden, dass ich in den letzten Tagen genug geweint habe. Jetzt werde ich kämpfen, es wird ein langer Kampf gegen die Taliban und für eine gute Ausbildung von Mädchen in Afghanistan, für die Rechte der Frauen.
Werden die Frauen wieder Burka tragen müssen?
Burka oder nicht, darum geht es nicht. Ich habe bisher schon auf dem Land mein Gesicht verschleiert, es geht um mehr als nur das Gesicht. Wichtiger ist, dass Mädchen und Frauen weiterhin Unterricht erhalten dürfen, weiterhin Schulen und Universitäten besuchen können. Ich weiß nicht, ob die Taliban das erlauben. Mal heißt es, Frauen behalten gewisse Rechte, aber in Kandahar haben sie die Frauen, die in den Banken arbeiten heimgeschickt, in Herat ist es ähnlich.
Gibt es eine neue liberale Generation der islamistischen Taliban?
Das ist Wunschdenken, ich bin da Pessimistin. Die Taliban stehen für Gewalt und nicht für Freiheiten. Die sind konservativer denn je, sie sind bereit, jeden zu töten, nur weil es ihnen gefällt. Es gibt Killerkommandos, das macht Angst. Es fühlt sich an, als ob ich gerade mein Land für immer verloren habe. Wir Zivilisten werden den Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Unsere korrupte und machtbesessene Regierung hat letztlich nichts für uns getan. Und der Westen zum Schluss leider auch nicht mehr. Warum wurde der Abzug der internationalen Truppen nicht an Bedingungen geknüpft? Warum wurde nicht besser verhandelt? Warum werden wir vollkommen allein gelassen?
Wird Ihre kleine Hilfsorganisation weiterhin Unterricht anbieten können?
Ich will Online-Klassen für Mädchen anbieten und Tablets verteilen, sodass die Mädchen zuhause lernen können. Wir haben in Kandahar 7000 Schülerinnen, ich kann das nicht alles aufgeben.
Was gibt Ihnen Hoffnung?
Da kommt niemand, der uns rettet, wenn wir uns nicht selbst retten. Ich bete jeden Morgen. Im Radio und Fernsehen kommt keine Musik mehr, das ist vorbei. Keiner will Ärger mit den Taliban. Es werden dunkle Zeiten, vor allem für Mädchen und Frauen. Schon jetzt dürfen die Lehrerinnen nicht mehr unterrichten, die Frauen in der Verwaltung nicht mehr an ihre Schreibtische, die Ärztinnen nicht mehr arbeiten. Ich hoffe sehr, dass die Sonne sich eines Tages wieder zeigt.