„Das geht gar nicht“, sagt eine der Mütter und schüttelt erneut mit dem Kopf, während sie dem Mann mit den Pommes hinterherschaut. Die lange Wartezeit ist dabei längst nicht das größte Aufregerthema rund um den Freibadkiosk, der seit dieser Saison von dem jungen Unternehmer Tim Rühle und seiner Firma „Fit & Fröhlich“ betrieben wird.
Mehrfach am Tag fährt der Pizzaservice vor
„Viel zu teuer“, „unzuverlässige Öffnungszeiten“ und vor allem: „kein typisches Freibadessen“ – so lauten auf Nachfrage dieser Zeitung die Kritikpunkte der Badegäste. Letzterer Punkt bezieht sich auf Tim Rühles Angebotspalette. Die ist rein vegan beziehungsweise vegetarisch. Statt Rote Wurst und Chicken Nuggets stehen Tofu, Hummus und Falafel auf dem Speiseplan. Und wer ein Bier möchte, bekommt nur alkoholfreies.
Die Folge: Mehrfach am Tag fährt der Pizzaservice vor, weil die Gäste sich ihr Essen ins Freibad liefern lassen. „Und Abends stapeln sich dann die Pizzakartons bei uns“, sagt Bademeister Benjamin Buttafoco. Die Mamas packen die Vesperdose für die Kinder aus und die Papas zischen mitgebrachtes Bier aus der Kühlbox.
Neun Euro für zweimal Pommes mit Ketchup
Die Begeisterung hat sich offenbar merklich abgekühlt, seit Ende April bekannt wurde, dass Tim Rühle in dieser Saison im Freibad die Bewirtung übernimmt. Zu diesem Zeitpunkt gab es auf die Nachricht noch viele positive Reaktionen – zum Beispiel auf Facebook, wo sich auch kaum jemand an dem Veggie-Sortiment zu stören schien. „Wir waren einfach froh, dass überhaupt wieder jemand den Kiosk betreibt“, sagt ein Stammgast.
Wer sich insbesondere mit Eltern unterhält, bekommt immer wieder dieselben Rückmeldungen: Bei neun Euro für zwei Portionen Pommes mit selbstgemachtem und zuckerarmem Ketchup, jeweils 4,50 Euro für einen Becher Eis und ebenfalls 4,50 für einen Latte macchiato kann so ein Freibadbesuch ganz schön ins Geld gehen. Dass der Kiosk bei sonnigen 22 Grad auch mal geschlossen bleibt und sich speziell am Wochenende wegen der langen Bedienzeiten die Gäste beim Warten die Beine in den Bauch stehen, stößt ebenfalls auf vernehmlichen Unmut. Hauptärgernis scheint aber das vegane und vegetarische Sortiment zu sein. „Grundsätzlich finde ich das ja gut, aber viele Kinder können damit nichts anfangen“, meint eine Besucherin. „Warum kann er nicht beides anbieten?“, fragt sich eine Mutter, warum Rühle nicht ein paar Fleischgerichte dazu packt. „Er geht einfach nicht auf Kundenwünsche ein“, findet eine andere Badbesucherin.
Veggie-Sortiment stößt auf wenig Gegenliebe
Das dürfte der Herrenberger Unternehmer anders sehen. Schließlich sind für ihn bereits die Pommes ein Kompromiss. Diese kommen dabei allerdings nicht aus der Fritteuse, sondern werden im „Airfryer“ mit Olivenöl zubereitet. Und das dauert seine Zeit. Dass es deshalb Unzufriedenheit gibt, könne er verstehen, sagt Rühle, weswegen er mit seinem Küchenteam auch bereits reagiert und ein zweites Gerät angeschafft habe. „Allerdings steht man im Freibad ja auch nicht unbedingt unter Zeitdruck“, sagt er und schlägt vor, in der Wartezeit doch einfach eine Runde schwimmen zu gehen.
Kioskbetreiber bleibt seinen Prinzipien treu
Ansonsten bleibt Rühle jedoch standfest bei seinen Prinzipien: Ungesund ernähren könnten die Menschen sich gerne anderswo. Die hohen Preise? An der Tankstelle würden die Leute ihr Benzin doch schließlich auch bezahlen und dann mit dem Auto ins Bad fahren. Kein Bier mit Alkohol? Das brauche es doch nur, weil die Leute nicht auf ihren „leichten Rausch“ verzichten wollen und der habe im Freibad nichts zu suchen. Unzuverlässige Öffnungszeiten? Er müsse schließlich sein Personal bezahlen und wenn es nicht gerade sommerlich heiß wird, lohne es sich eben nicht, den Kiosk zu öffnen.
Im Gespräch ist Rühle anzuhören, dass die Kritik ihn nicht kalt lässt. „Wir waren uns von Anfang an mit der Gemeinde einig, dass dies ein gemeinsames Experiment ist“, betont er. Zum Saisonende werde er sich die Erfahrungen genau anschauen und dann entscheiden, ob er mit dem Kiosk weitermacht.
Bürgermeister steht weiterhin hinter Rühles Konzept
Vonseiten der Verwaltung wäre man darüber sicher froh – zum einen, weil der Kiosk im Freibad Hildrizhausen eine jahrzehntelange Tradition hat und zum anderen, weil Rühle der einzige Bewerber für die Pacht war. Bürgermeister Matthias Schöck bestätigt, dass man mit dem Herrenberger Unternehmer Gespräche wegen Preisgestaltung und Angebotspalette geführt habe und ihn überreden konnte, ein paar Snack- und Getränkeautomaten im Bad aufstellen zu lassen.
„Grundsätzlich kann ich das gut mittragen“, zeigt sich der Bürgermeister nach wie vor von Rühles Konzept überzeugt. Diese Meinung teilt er zumindest auch mit einigen Badegästen. So lobt zum Beispiel ein junges Elternpaar, das mit seinem kleinen Kind zum ersten Mal hier ist, ausdrücklich das fleischlose Angebot und hat auch Verständnis für die Preisgestaltung. „Der Kiosk muss sich ja auch irgendwie halten“, meinen die beiden. Sie denken, das Ganze müsse sich einfach erst einspielen, schließlich liege gesunde Ernährung ja im Trend – nur eben noch nicht im Freibad.
Ein Kiosk mit Geschichte
Eine Institution:
Seit Eröffnung des Hildrizhausener Freibads lief die Bewirtung des Kiosks über das Gasthaus Waldblick. Dann kam Corona und der Bewirtungsbetrieb im Bad rentierte sich nicht mehr für die Familie Häußermann. In der vergangenen Saison haben ehrenamtlichen Helfer des Freibandfördervereins und weitere Vereine übergangsweise die Bewirtung übernommen. Für die Saison 2022 hatte die Verwaltung einen neuen Betreiber für den von der Gemeinde gepachteten Kiosk gesucht.
Fit & Fröhlich
Einziger Bewerber war Tim Rühle. Der zu dem Zeitpunkt 31-jährige Herrenberger stellte im April sein Konzept für ein veganes und vegetarisches Sortiment vor. Mit seinem Unternehmen „Fit und Fröhlich“ war er zum Jahresbeginn bereits ins Vereinssportzentrum des VfL Herrenberg eingezogen, wo er neben veganem und vegetarischen Speisen auch Seminare und Kurse zum Thema Ernährung anbietet.