Freiburger Doping-Aufklärung Rätsel um drei Aktenordner

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War ein Freiburger Förderverein eine Geldwaschanlage, durch die Bundesmittel ins Doping flossen? Akten eines verstorbenen Sportfunktionärs hätten dies erhellen können. Doch just drei Ordner mit der Aufschrift „Doping“ sind verschwunden.

Lückenhafte Erinnerung: Dieter  Schmidt-Volkmar Foto:  
Lückenhafte Erinnerung: Dieter Schmidt-Volkmar Foto:  

Stuttgart - Dieter Schmidt-Volkmar tappte voll in die Falle der SWR-Reporter. „So ein schlechtes Gedächtnis habe ich nicht“, erwiderte der Präsident des Landessportverbandes Baden-Württemberg, als er unlängst für die Dokumentation „Die große Dopinglüge“ zu seiner Rolle im Verein „Bundesleistungszentrum Freiburg-Herzogenhorn“ befragt wurde. Damals, als Vertreter des Stuttgarter Kultusministeriums, habe er von möglichen Zahlungen für Doping nichts mitgekriegt. „Wenn Gelder geflossen sind, dann weiß ich nicht, wie sie geflossen sind.“

Auch in einem zweiten Punkt gab sich Schmidt-Volkmar ganz sicher. Wie Armin Klümper, der im Mittelpunkt der Doping-Aufarbeitung stehende Freiburger Sportarzt, mit dem Verein verbunden gewesen sei? „Überhaupt nicht, er war kein Mitglied“, antwortete der Sportfunktionär vor laufender Kamera. Dumm nur, dass es die Fernsehleute besser wussten. Sie präsentierten dem Publikum das Protokoll einer Mitgliederversammlung aus dem Jahr 1989. „Ministerialrat Schmidt-Volkmar schlägt vor, den alten Vorstand wieder zu wählen“, stand darin. „Darunter neben Joseph Keul auch Professor Dr. Klümper als stellvertretender Vorsitzender.“ Der süffisante Kommentar: womöglich habe der Ex-Beamte doch Erinnerungslücken.

Offizieller Zweck: Förderung des Sports

An der Richtigkeit des Protokolls hegt Schmidt-Volkmar, inzwischen Mitte siebzig, keine Zweifel. Der Widerspruch ergebe sich offenbar aus einem „Missverständnis“, sagte er der StZ: Seine Antwort sei auf die Gründung des Vereins im Jahr 1973 bezogen gewesen. Zu den Gründungsmitgliedern habe Klümper nämlich definitiv nicht gezählt – anders als dessen Kollege und Kontrahent Keul oder der südbadische Sportfunktionär Carl Friedrich „Fredy“ Stober. Ob er Klümper bei den Versammlungen gesehen habe, wisse er nicht mehr genau. Aber er habe sich aus dem Archiv die Satzung kommen lassen, um noch einmal den Vereinszweck nachzulesen. „Förderung des Leistungssports und des nordischen Skisports“, sei darin angegeben. Nach seiner Kenntnis habe der Verein Baumaßnahmen und ein sportmedizinisches Symposium finanziert. Ob er heute noch existiere, sagt Schmidt-Volkmar, sei ihm unbekannt; die letzten sichtbaren Aktivitäten gab es in den neunziger Jahren.

Aktuell geriet der Verein in den Fokus der Doping-Aufklärer, weil er neben dem offiziellen Zweck noch einen inoffiziellen gehabt haben könnte: über ihn sollen Fördergelder des Bundes an Klümper geflossen sein, der damit Dopingmittel beschafft habe. Das jedenfalls ergaben Ende vorigen Jahres Recherchen der ARD-„Sportschau“ in Akten des Bundesinnenministeriums (BMI). Insgesamt 1,2 Millionen Mark habe das Ressort danach zwischen 1980 und 1996 für die „sporttraumatologische Spezialambulanz“ bereitgestellt. Das Geld sei über den Deutschen Sportbund ohne konkrete Zweckbestimmung zu dem Herzogenhorn-Verein gelangt, wo es Klümper frei habe abrufen können.

Förderverein als Doping-Geldwaschanlage?

Wofür er es nutzte, klärte das Ministerium zumindest in einem Fall intern auf: Per Vermerk wurde nach ARD-Angaben festgehalten, „dass Klümper nachweislich im Jahre 1992 für circa 9000 DM aus Fördermitteln des BMI Genotropin angeschafft und wohl verabreicht hat.“ Genotropin ist ein Wachstumshormon, um das es etwa 1997 im Fall der Hürdensprinterin Birgit Hamann ging. Sie warf Klümper damals vor, es ihr heimlich gespritzt zu haben, der bestritt das und wollte lediglich eine Kochsalzlösung verabreicht haben; Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung wurden später eingestellt.

Ob nur jene 9000 Mark oder weitaus mehr Bundesmittel auf diesem Weg ins Doping flossen, ist ungeklärt. Der Herzogenhorn-Verein könne „eine von mehreren Doping-Geldwaschanlagen für den westdeutschen Sport“ gewesen sein, mutmaßte die Freiburger „Badische Zeitung“. Einiges zur Aufklärung hätte wohl der 2010 im Alter von 100 Jahren gestorbene Sportfunktionär und langjährige Präsident des Skiverbands Schwarzwald, Fredy Stober, beitragen können. Er gründete einst den Badischen Sportbund Freiburg und gilt als Vater des bundesweit ersten Leistungszentrums auf dem Herzogenhorn; dort steht heute ein Gedenkstein für ihn.

Archiv hatte die Akten schon im Blick

Stober, im Hauptberuf einst Zahnarzt, soll nicht nur gute Kontakte zu den Sportmedizinern Keul und Klümper gepflegt haben. Ihn beschäftigte offenkundig auch die Thematik der medizinischen Leistungssteigerung bei Sportlern. Als der Leiter der Freiburger Außenstelle des Landesarchivs ihn einst in seinem Haus besuchte, zeigte ihm der Hochbetagte drei Aktenordner, auf deren Rücken er eigenhändig „Doping“ geschrieben hatte. Länger wurde darüber geredet, ob und unter welchen Bedingungen er diese nach seinem Tod dem Archiv überlassen würde; schließlich erklärte sich bereit dazu. Doch als Stobers Nachlass dort ankam, fehlten just diese drei Ordner – ein Vorgang, der auch die Freiburger Doping-Kommission irritierte. Zentrale Akten fehlten oder fanden sich erst nach Jahren, das erlebten die Rechercheure um Letizia Paoli immer wieder.

Hatte Stober Skrupel bekommen und es sich noch einmal anders überlegt? Oder waren die Akten ohne sein Zutun verschwunden? Auch der Transporteur des Nachlasses, der Geschäftsführer Matthias Krause vom Badischen Sportbund Freiburg, kann dazu nichts sagen. Er habe Stobers private Unterlagen im Auftrag von dessen Tochter dem Staatsarchiv überbracht, sagte er der StZ. Ordner mit der Aufschrift „Doping“ seien nicht dabei gewesen und daher auch nicht in der Einlieferungsliste verzeichnet.

Fleischer beklagt „investigativen Virus“

Krauses Chef, dem südbadischen Sportpräsidenten und Ex-Staatssekretär Gundolf Fleischer (CDU), geht das Herumwühlen in der Vergangenheit ohnehin längst zu weit. Er habe „den Eindruck, dass zur Zeit der investigative Virus bei uns in einigen Medien gewaltig vorherrscht“, beklagte sich Fleischer in der eingangs erwähnten SWR-Dokumentation. „Der ist fast ausgeprägter als zur Zeit unsere Grippewelle.“