Freie Kunst in Stuttgart Überzeugungstäter sterben nicht
Schön wendig, eher schräg und sehr engagiert: Obschon momentan die Besucher fehlen, glauben Kunstvereine und freie Kunsträume an ein Leben nach der Pandemie.
Schön wendig, eher schräg und sehr engagiert: Obschon momentan die Besucher fehlen, glauben Kunstvereine und freie Kunsträume an ein Leben nach der Pandemie.
Stuttgart - Sie zeigen keinen Picasso und keinen van Gogh, haben keine bedeutenden Sammlungen und auch nichts zu verkaufen, was international hoch gehandelt würde. Trotzdem gelten sie neben staatlichen Museen und kommerziellen Galerien als dritte Säule der Kunstszene: Kunstvereine und unabhängige Ausstellungsräume. Wie behaupten sich Institutionen, die kein großes Budget im Rücken haben, während der Pandemie?
„Bislang sind wir gut durchgekommen“, sagt Peter Haury. Der 55-Jährige gehört zum Team der Stuttgarter Oberwelt, dem ältesten Off-Space der Landeshauptstadt. Sowohl das Besucherinteresse als auch die Mitgliederzahlen des Trägervereins seien konstant geblieben. „Bei der Oberwelt engagieren sich alle ehrenamtlich. So waren die wirtschaftlichen Konsequenzen der Lockdowns weniger einschneidend als für kommerzielle Galerien, die weiter Löhne zu zahlen hatten.“ Die Finanzierung der Miete sei durch Stadt, Land und private Sponsoren vorerst gesichert.
Etwas andere Erfahrungen hat Peter Hoffmann gemacht. Der promovierte Jurist leitet den Förderkreis Bildender Künstler Württemberg, der den Kunstbezirk im Gustav-Siegle-Haus betreibt. „Insgesamt“, so Hoffmann, „war weniger los.“ Auch die Mitgliederzahlen schrumpften. Dieser Trend allerdings habe bereits vor der Pandemie eingesetzt und betreffe auch Sportvereine. „Die Menschen wollen sich immer weniger in Organisationen binden.“ Mit der Förderung durch die Stadt sei der Kunstbezirk jedoch zufrieden. „Dadurch kommen wir finanziell über die Runden.“ Nach einer Bestandsgarantie für alle Ewigkeit klingt das indes nicht.
Wirtschaft und Politik gehen längst davon aus, dass das Coronavirus die Welt noch über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte verändern wird. Wozu also sollten sich Städte, die bald kaum noch Geschäfte und Kinos haben, experimentelle Ausstellungsräume leisten? „Weil der Mensch gerade in schwierigen Zeiten den Blick über die eigene Gesichtsmaske braucht“, meint Hoffmann. Zudem sei die Offszene das Sprungbrett für die Picassos und van Goghs von übermorgen.
Dem würde Jim Zimmermann gewiss zustimmen. Der Architekt und Fotograf zeichnet für den Kunstverein Zero Arts verantwortlich. Dort hat etwa der bekannte Animationsfilmer Andreas Hykade zu Beginn seiner Karriere ausgestellt. Trotz des aktuell registrierten Besucherrückgangs fürchtet Zimmermann nicht langfristig um die Gunst seines Publikums. „Zu uns kommen eingefleischte Liebhaber schräger Positionen. Solche Überzeugungstäter sterben nicht aus.“
Für Iris Dressler, Mit-Direktorin des Württembergischen Kunstvereins (WKV), legitimiert sich die Existenz unabhängiger Ausstellungseinrichtungen noch aus einem anderen Grund. Habe die Pandemie doch deutlich gezeigt, dass der Kunstbetrieb zu einem großen Teil auf der Ausbeutung prekär Beschäftigter beruhe. „Es ist unsere Aufgabe, die Politik auf dieses Problem aufmerksam zu machen“, sagt Iris Dressler. Gewerbliche Kunsthändler würden dies bestimmt nicht tun.
Auch strukturell besitzen freie Institutionen einen entscheidenden Vorteil, auf den Haury verweist: „Die Oberwelt ist ein kleiner, wendiger Verein ohne Bürokratie. Deshalb konnten wir zu Beginn schnell mit innovativen Formaten auf die Lockdowns reagieren und hinterher sofort wieder hochfahren.“ Während der Schließungsphasen gab es durch das Schaufenster einsehbare Aktionen von Kunststudenten, die wegen der Coronamaßnahmen nicht in ihre Arbeitsräume an der Akademie durften. Unlängst setzte sich die Oberwelt inhaltlich mit dem Virus auseinander und zeigte eine begeistert aufgenommene Installation von Thomas Ulm zum Thema Atemwegserkrankungen. Ein Bedürfnis bei Kreativen und Besuchern, jüngste Entwicklungen zu reflektieren, spürt auch Dressler vom WKV. „Da unsere Ausstellungsreihe ‚Actually, the Dead Are Not Dead‘ Themen wie die Verletzlichkeit des Menschen anspricht, war sie trotz allem bisher sehr erfolgreich.“
Selbst wenn es wie ein therapeutischer Gemeinplatz klingt – zumindest Haury begreift die Krise als Chance. „Kunst vollendet sich erst im Dialog. Ausstellungen fördern das soziale Miteinander.“ Also genau das, was viele gerade am meisten vermissen. „Das Interesse an kritischer Kunst wird wieder zunehmen“, zeigt sich der Oberwelt-Macher optimistisch.
Und auch Peter Hoffmann vom Kunstbezirk glaubt an ein Leben nach der Pandemie. Bleiben würden nur zwei Dinge: „Weniger Küsschen-Küsschen und ein Thema, an dem sich die Kunst noch lange abarbeiten kann.“
Unabhängige Kunst in Stuttgart
Oberwelt
1978 gegründet, gilt die Oberwelt als Stuttgarts ältester Off-Space. Neben Ausstellungen finden in den beiden ehemaligen Ladenräumen in der Reinsburgstraße auch Lesungen, Konzerte oder Vorträge statt. www.oberwelt.de
Kunstbezirk
Der 2007 eröffnete Kunstbezirk im Gustav-Siegle-Haus ist der Nachfolger des Künstlertreffs am Leonhardsplatz, der in einem Nachbargebäude untergebracht war. Das Programm ist offen für alle Genres von der Tafelmalerei bis zur Performance. www.kunstbezirk-stuttgart.de
Zero Arts
Zero Arts e. V. ging aus dem Atelier und Showroom des Bildhauers Georg Zaiß hervor. Im Stuttgarter Osten, einem mit Kultur nicht überversorgten Stadtteil, garantiert der Verein ein regelmäßiges Ausstellungsangebot. www.zeroarts-stuttgart.de
Kunstverein
Der traditionsreiche Württembergische Kunstverein im Kunstgebäude am Schlossplatz gilt vor allem als Anlaufstelle für Freunde politisch orientierter Konzeptkunst. Mit rund 3000 Mitgliedern ist er der größte seiner Art in Stuttgart. www.wkv-stuttgart.de